Eröffnung im März

Die AWO will Menschen in Hildesheim eine neue Arbeitschance geben – mit einem Geschäft in der Innenstadt

Hildesheim - Wer von psychischen Problemen geprägt ist, hat es in der Arbeitswelt oft schwer. Die AWO Trialog setzt mit ihrem Konzept auf den direkten Kontakt – mitten in der Hildesheimer Innenstadt. Wie das funktionieren soll und was geboten wird.

Stephanie Weiterer zeichnet gerade ein Drachenbein auf dem Rechner. Ab März arbeitet sie im neuen AWO-Geschäftszentrum in der Friedrichstraße. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Menschen in Arbeit bringen und möglichst wieder mitten ins Leben: Das ist ein zentrales Ziel von AWO Trialog. Im März startet der Sozialdienstleister mit einem neuen Angebot im Bereich der Bahnhofsallee. In der Friedrichstraße, die direkt vom Angoulêmeplatz abgeht, wird gerade das Erdgeschoss der Gebäude 7 und 8 renoviert. Auf 260 Quadratmetern werden dort viele derjenigen arbeiten, die derzeit in der Dornierstraße im Gewerbegebiet tätig sind. Künftig zeigen sie sich mitten im pulsierenden Treiben der Innenstadt.

„Es gibt viele Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen der Arbeitswelt nicht mehr zur Verfügung stehen“, sagt Thomas Clausen, einer der AWO-Gruppenleiter, der mit umzieht. Scheu vor anderen, Angststörungen oder andere psychische Belastungen geben dafür den Ausschlag. Vor vielen Jahren wurden solche Werkstätten vor allem mit dem Fokus auf starke geistige Einschränkungen angeboten. Für diejenigen, die eigentlich in der klassischen Arbeitswelt noch zurechtkämen, sind sie allerdings nicht entsprechend geeignet. Für sie braucht es zwar geschützte Bereiche, aber mit Anforderungen und Herausforderungen.

Solche Menschen gibt es viele: Junge Leute, die aus Angst vor Überforderung die Schule oder ihre Ausbildung abbrechen oder diejenigen, die durch ein Trauma oder eine Lebenskrise an ihrem Selbstwertgefühl zweifeln, oder auch Ältere, die plötzlich von Ängsten verfolgt werden und überlegen, als Frührentner mit der Arbeit aufzuhören. „Wir wollen ihnen einen geschützten Raum bieten, in dem sie sich sicher fühlen und wieder Zutrauen zu sich finden“, sagt AWO-Trialog-Leiter Holger Altenberg.

In der Dornierstraße arbeiten 78 Menschen. 27 von ihnen ziehen in die Friedrichstraße um, um dort unter anderem in Übungsfirmen tätig zu sein. Sie bearbeiten fiktive, aber auch regulären Aufträge. 15 hauptamtliche Kräfte der AWO steuern den Betrieb derzeit in der Dornierstraße, der neben der Verwaltung Arbeitsmöglichkeiten im EDV-Bereich, in der Werbung oder zum Beispiel einer modern eingerichteten Tischlerei bietet.

AWO Trialog stellt zum Beispiel Möbel für Kitas her, in der Abteilung für Werbung werden Aufträge abgearbeitet, Produkte designt. Am Standort in der Steuerwalder Straße werden Bücher gesammelt, durchgesehen, aussortiert und für den Wiederverkauf geordnet. Auch der „Bücherwurm“ zieht mit in die Friedrichstraße.

Neuer Copyshop

Dort gibt es zunächst einen Copyshop mit Binde- und Laminierservice. Bei Wartezeiten können die Kunden in den Bücherregalen stöbern. Bei Rückfragen springen die AWO-Mitarbeitenden ein. „Auf diese Weise nehmen unsere Leute wieder Kontakt mit anderen, mit Fremden auf. Auch mit den Leuten aus den Nachbargeschäften, für die wir zum Beispiel Werbeartikel produzieren können“, listet Clausen auf. Nach und nach soll das Angebot wachsen.

Im März geht es los. Ein Start, mit dem alle Beteiligten auch lernen, sich in der Nachbarschaft zu orientieren, die eigenen Ängste oder Sorgen zu überwinden. Quasi wie eine Art Therapie in der praktischen Arbeitswelt. „Alle machen das freiwillig“, sagt Clausen. „Wer das Gefühl hat, überfordert zu sein, kann in einen bestehenden Bereich in der Dornierstraße oder an die Hildesheimer Straße wechseln.“

Integration ins Umfeld

Andererseits können auch Kontakte zu Kunden oder benachbarten Geschäftsleuten entstehen, aus denen Praktikumsangebote resultieren. „Wenn Arbeit wieder einen Wert und eine Anerkennung bekommt, dann macht das etwas mit den Personen, die sie leisten“, sagt Altenberg.

Wer zu AWO Trialog kommt, wird fachlich und psychologisch begleitet. Es gibt einen eigenen Berufsbildungsbereich, bei der die Walter-Gropius-Schule Partner ist. In Himmelsthür gibt es die Schwerpunkte Kfz, Gartenarbeiten und Elektrik; und im Tower am Flugplatz bietet AWO Trialog das Restaurant ohne Namen „RoN“ an.

Vorher den Markt sondiert

Für die Friedrichstraße hat AWO Trialog sondiert, was an dem Standort funktionieren könnte. Vor Jahren gab es in der Bahnhofsallee einen ersten Versuch mit dem Kontor 13 und der Supp-Kultur. Doch es scheiterte am Zustand der dortigen Immobilie. Nun gibt es einen Neustart im Quartier. Bekannt gemacht hat sich dort AWO Trialog bereits als neuer Nachbar bei den Quartierstreffen. „Wir schützen unsere Leute, aber wir bieten ihnen auch die Chance, sich zu öffnen“, sagt Clausen.

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