Hildesheim - Andrea Döring strahlt in der Regel jene Zuversicht aus, die man für ein Amt wie das ihre auch braucht. Doch als die Baudezernentin jüngst im Ausschuss für Stadtentwicklung nach dem Stand beim geplanten Bahnübergang zwischen Goethestraße und Ostend gefragt wurde, blickte sie ratlos in den Saal. Es gebe zwar etwas Neues, erklärte Döring; sie müsse das aber erst mit ihren Mitarbeitern erörtern und wolle noch nichts sagen.
Die Baudezernentin hat gute Gründe, niedergeschlagen zu sein. Denn die Stadt hat in ihren Bemühungen um den Übergang, der das Ostend an die Innenstadt anbinden soll, einen weiteren Rückschlag erlitten. Es wirkt sogar so, als könnte das komplette Vorhaben auf der Kippe stehen.
Schon das Verfahren an sich ist speziell. So trägt die Stadt zwar die Baukosten von rund zwei Millionen Euro für den Übergang und agiert als Bauherr. Den nötigen Antrag muss jedoch die Deutsche Bahn (DB) stellen – und zwar an das Eisenbahnbundesamt (EBA).
Es hakt von Anfang an zwischen DB, Eisenbahnbundesamt und Stadt
Das hatte bereits beim ersten Anlauf der Stadt vor vier Jahren etwas an den Unterlagen auszusetzen. Die Verwaltung musste nachbessern, es kam gar nicht erst zum Antrag. Als der dann 2020 über die DB beim EBA eintraf, verweigerte dies die Annahme: Der Antrag habe keine Aussicht auf Genehmigung, teilte die Behörde mit.
Drei Jahre feilten die Stadt und das von ihr beauftragte Fachbüro am nächsten Anlauf, immer wieder forderte die DB, die Papiere zu überarbeiten. Vor wenigen Wochen nun war das Unternehmen zufrieden, es reichte den neuen Antrag beim EBA ein.
Doch die Verantwortlichen dort haben erneut den Daumen gesenkt: Die Planung für den Übergang – der ausschließlich für Fußgänger und Radfahrer vorgesehen ist – habe keine Aussicht aus Genehmigung, teilte die Behörde jetzt der Bahn und diese dann wiederum der Stadt mit. Für die Ablehnung gebe es gleich zwei Gründe, berichtet Rathaussprecher Helge Miethe.
Eisenbahnbundesamt verweist auf Übergang in Frankenstraße
So liege die geplante Passage nur etwa fünf Gehminuten von dem bereits vorhandenen Überweg an der Einumer Straße/Frankenstraße entfernt, dieser habe auf beiden Seiten Geh- und Radwege. Zudem arbeite die DB AG (also der Bahn-Konzern) mit Nachdruck daran, die Zahl der Bahnübergänge zu reduzieren. Neue Übergänge, zumal sie wie in diesem Fall nicht zwingend erforderlich seien, widersprächen diesem Ansinnen. Genau mit diesen Hinweisen hatte das EBA vor drei Jahren auch schon den ersten Antrag zurückgewiesen.
Doch die Bonner Behörde führt diesmal einen weiteren Grund an: Sie stört sich an dem Plan der Stadt, den Übergang nicht direkt in der Goethestraße anzulegen. Der Entwurf sieht einen kurzen Weg parallel zum Bahndamm nach Norden vor, der dann nach wenigen Metern in einem 90-Grad-Knick über die Gleise führen soll.
Das EBA befürchtet durch diese Lösung „Nutzungskonflikte zwischen den Verkehrsarten“, berichtet die Stadt. In Anbetracht der prognostizierten Benutzerzahlen für den Bahnübergang und den beengten Verhältnissen – der Weg soll drei Meter breit werden –könne eine Beeinträchtigung des Eisenbahnverkehrs nicht ausgeschlossen werden, meint die Behörde: Der Gehwegverlauf mit der 90-Grad-Richtungsänderung (...) und der eingeschränkten Gehwegbreite garantiere in Summe keinen konfliktfreien Räumbereich für den Rad- und Fußverkehr. Was wohl auf Deutsch heißen soll: Dem EBA geht es bei dieser Planung zu eng zu.
Stadt hat die Wahl: Antrag überarbeiten oder zurückziehen
Die Behörde bietet der Stadt daher zwei Möglichkeiten an: Entweder diese kann den Antrag zurückzuziehen oder sie muss den Entwurf so verändern, dass er Gnade vor den Augen der EBA-Prüfer findet. Die möchten laut Miethe eine „kurzfristige“ Überarbeitung, sie haben der Stadt eine Frist gesetzt – was für eine, wollte der Rathaussprecher der HAZ nicht sagen.
Für die Stadt ist diese Entwicklung äußerst misslich: Schließlich ist die Variante mit der Zuführung parallel zu den Gleisen extra auf Wunsch der Anlieger in der Goethestraße entwickelt worden, damit sie in der Nutzung ihrer Grundstücke nicht eingeschränkt werden, erinnert Miethe. Die Stadt-Politik habe dem Rechnung getragen. Die damaligen Verhandlungen sind acht Jahre her, sie hatten sich über Monate gezogen und die Nerven der Stadt-Mitarbeiter arg strapaziert.
Verwaltung kündigt Abstimmung an – auch mit Anwohnern
Den Antrag zurückzuziehen, kommt für die Verwaltung nicht in Frage: Sie hält den Bahnübergang an der geplanten Stelle in der Goethestraße mit Blick auf die Ostend-Bewohner nach wie vor für zwingend notwendig, betont Miethe. Die Stadt werde daher in Abstimmung zunächst mit der DB und dem EBA, dann mit der Politik und den Anwohnern, prüfen, ob sie die ursprüngliche Variante beantragt: Sie führte direkt in der Verlängerung der Goethestraße über die Gleise ins Ostend. Ohne Linksschwenk und anschließende Richtungsänderung.
Kein Übergang würde dauerhafte Umwege bedeuten
Wie das ausgeht, ist ungewiss. Sicher ist nur: Die Gespräche werden Zeit kosten – wenn sie denn überhaupt in der vom EBA gesetzten Frist erledigt werden können. Der Bau des Bahnübergangs verschiebt sich damit weiter nach hinten. Im Ostend haben sich bereits etliche Firmen, Ärzte, Läden und gastronomische Betriebe angesiedelt. In dem Gebiet leben mehrere Hundert Menschen, langfristig rechnet die Stadt mit 1200 Bewohnern. Platzen die Bahnübergang-Pläne, müssen sie, um in die Innenstadt zu gelangen, entweder die Senator-Braun-Allee oder die Frankenstraße nutzen; zudem plant die Stadt einen Fußweg von der Goslarschen Straße entlang der Kleingarten zum Ostend.
