Hildesheim - Viele, die mit der Übernahme von Nachlässen aus der Familie konfrontiert sind, werden das Problem kennen: Wohin mit den Fotoalben und Diakästen der Großeltern? Nach einer pietätvoll eingehaltenen Schamfrist landen die Urlaubs- und Festtagserinnerungen der Altvorderen meist auf dem Dachboden oder im Keller, um die endgültige Entscheidung über die weitere Verwendung getrost den nächsten Erben zu überlassen. Mit der nötigen Distanz und ohne emotionale Bindung fällt es der dann leichter, die Dinge aus der Hand oder einem Entrümpler zu übergeben, manches vermeintlich rare Objekt findet auf diese Weise den Weg auf den Flohmarkt oder ins Internet.
So erging es auch einer unscheinbaren Sammlung von 95 Aufnahmen, die heute in der Sammlung Doht verwahrt werden. Der abgeriebene graue Einband verspricht auf den ersten Blick nichts Aufregendes, doch verraten die häuslichen Ansichten zumindest eine gutsituiert-bürgerliche Herkunft, von der auch die vielen Schnappschüsse von Ausflügen nach Erfurt, Halle, in den Harz und sogar in die Alpen zeugen. Spannender sind die lokalen Aufnahmen, die sich dank des handschriftlich notierten Vermerks „Abgeschlossen am 7. August 1913“ über den in der Geschichtswissenschaft so beliebten terminus ante quem (dem Zeitpunkt, vor dem etwas passiert ist) eindeutig datieren lassen. Und 1913 hatte es auch an der Innerste in sich!
Das Epochenjahr 1913
Rückblickend bezeichnen Chronisten 1913 gern als „das Jahr, in dem Deutschland am schönsten war“. Denn die glanzvolle Hochzeit der Kaisertochter Viktoria Luise mit Welfenprinz Ernst August Ende Mai und das silberne Thronjubiläum Wilhelms II. am 16. Juni hatten noch einmal eindrucksvoll bewiesen, welchen Pomp and Circumstance die alte Welt entfalten konnte. Ein Jahr später stürzten die verhängnisvollen Schüsse von Sarajewo den Kontinent ins Chaos, begann das millionenfache Sterben in den Schützengräben der verschiedenen Fronten.
Vom kommenden Grauen ahnten die Hildesheimer wie alle anderen Deutschen freilich noch nichts, zu den reichsweiten Festivitäten gesellte sich ein bunter Reigen von Ereignissen vor Ort, die den Fortschrittsglauben und großen Optimismus der damaligen Generation dokumentieren. Und unser namentlich leider nicht bekannte Fotograf war fast immer mit seiner Kamera dabei, gibt uns so heute die Möglichkeit zu einer Zeitreise in den Sommer vor 111 Jahren.
Am Heidekrug fing alles an
Tausende Hildesheimer folgten den 79ern des heimischen Infanterie-Regiments „von Voigts-Rhetz“ am 16. Juni 1912, um eine Sensation zu erleben. Denn als Höhepunkt der auf dem Manövergelände am Heidekrug angesetzten Übung war die Landung einer Etrich-Rumpler-Taube angekündigt, der vom k. u. k. Flugpionier Igo Etrich entwickelte Eindecker war gerade erst in Produktion gegangen. Die Maschine galt als schwer zu fliegen, doch ließ sich der Pilot vom begeisterten Publikum nicht lang bitten und zeigte auch in den nächsten Tagen Vorführungen seines Könnens. In der alten Bischofsmetropole war die Flugbegeisterung entfacht, wie in Deutschland üblich organisierte man die neue Leidenschaft in einem eigenen Hildesheimer Verein für Luftfahrt e.V., dem auch die Stadt sofort beitrat.
Den Vorsitz übernahm Professor Eugen Hollaender, Oberlehrer am Andreanum, seine Frau Marie unterstützte ihn nach Kräften. Da es in der Stadt noch keinen Flugplatz gab, auch die heutige Johanniswiese als Start- und Landebahn herhalten musste, konzentrierte sich die Vereinsführung zunächst auf das Ballonfahren, dazu sollte ein eigenes Fluggerät angeschafft werden. Über Spenden und einen kommunalen Zuschuss kam die zur Anschaffung benötigte Summe zwar rasch zusammen, doch hielt Petrus von dem Vorhaben offenbar nicht viel, widrige Witterungsbedingungen verhinderten wochenlang den Start.
Der große Tag ist endlich da
Für Sonntag, 6. Juli 1913, hatte man den nächsten Versuch angesetzt, den von der New-York Hamburger Gummiwaaren-Compagnie in Harburg für 6800 Mark gefertigten Freiballon zu taufen und in die Lüfte zu entlassen. Die Pessimisten unkten, doch diesmal hatte der Wettergott ein Einsehen. Und man kam sogar schneller voran als geplant. Die in reinem Gelb leuchtende Hülle mit der weithin sichtbaren Aufschrift „Hildesheim“ fasste 1650 Kubikmeter Gas. Der Aufstieg war für 12.00 Uhr vorgesehen, doch vorsorglich hatte man schon um 8.00 Uhr mit der Füllung begonnen. Zwei Stunden später war der 14 Meter hohe Körper bereist prall gefüllt, eine Schutzmannschaft zu Pferde und zu Fuß musste nun die zahlreich auf die Steingrube strömenden Schaulustigen auf Distanz halten. Die Regimentskapelle überbrückte die Pause mit ihrem Repertoire an schmissigen Märschen, dann rückten Festgesellschaft und Fahrkommando endlich an.
Am wagemutigen Aufstieg wollten Hauptmann Wilhelm Lindemann von den 79ern, der gerade die Ausbildung zum Ballonfahrer absolvierte, Weinhändler Hermann Reiche und selbstverständlich der Vereinsvorsitzende teilnehmen, mit Hugo von Abercron hatte man einen der bekanntesten Ballonführer des Reiches als Führer gewinnen können. Als alle in der Gondel ihren Platz eingenommen hatten, hielt Syndikus Otto Gerland in Vertretung des urlaubenden OB Ernst Ehrlicher eine kurze Ansprache, dann übernahm Marie Hollaender den Taufakt mit einer Flasche flüssiger Luft. Zur Feier des Tages hatte sie es sich nehmen lassen, einen längeren Reim zu verfassen, der wortgewaltig begann: „Es zieht den Menschengeist von Erdenschwere empor zum Licht der höheren Regionen. Kühn dringt er in der Himmel weite Sphäre, wo Wetter hausen und die Wolken thronen.“ Mit dem entschlossenen Kommando „Ballon Marsch!“ entkam die Besatzung dem rührenden Vortrag, die hingerissene Menge stimmte Hochrufe an, schwenkte Hüte und Tücher, die Musiker intonierten „Heil Dir im Siegerkranz“.
Erfolgreiche Landung
Im Stadtgebiet wurde der majestätische Flug so lang wie möglich verfolgt, dann entschwand der neue Werbebote langsam den Augen und nahm Kurs in Richtung Osten. Gegen 18.00 Uhr erfolgte die Landung bei Oschersleben. Da Hauptmann Lindemann gleich wieder zu seinem abschließenden Qualifikationsflug für die Zulassung zum Ballonführer aufsteigen wollte, hatte man den Korb von Gutsarbeitern per Schlepptau auf die Erde ziehen lassen.
Bis zum Kriegsausbruch
Die erfolgreiche Premiere verschaffte dem Verein viel Zulauf, viele wollten nun selbst einmal einen Ballonflug erleben, einige sich sogar zum Piloten ausbilden lassen. Doch der Kriegsausbruch beendete die fliegerischen Ambitionen jäh, Aktive und Gerät wurden von den Militärbehörden eingezogen. Hier, wie im übrigen Europa, gingen erst einmal die Lichter aus. Erst 14 Jahre später sollte der Flugsport in Steuerwald eine zweite Chance bekommen, durften die Hildesheimer „der Lüfte Reich“ aufs Neue erringen.






