Hildesheim - Die letzten Noten der Zugabe sind kaum verklungen, da geht ein kollektiver Ruck durch den ausverkauften Saal. Das Publikum steht auf und zollt Rebekka Bakken Respekt. Die Norwegerin, Stargast der 2024er Jazztime, erntet für ihren Galaauftritt am Samstag im tfn stürmischen Applaus.
Doch von vorne: Vornehm, ganz in Schwarz, in eng anliegender Schlaghose und mit Stilettos, eröffnet die Sängerin das Konzert mit dem langsamen Blues „Closer“ von ihrem 2018er Album „Things You Leave Behind“. Das geht unter die Haut, und trotzdem hat man in der ersten halben Stunde das Gefühl, dass sie sich noch nicht ganz wohl fühlt auf der Bühne.
Probleme mit den High Heels
Der Eindruck verdichtet sich bei ihrer Interpretation von Peter Gabriels „Here Comes The Flood“, bei der sie erstaunliche Textunsicherheiten zeigt und sich auch sonst ein bisschen verhebt: Von manchen Stücken sollte man besser die Finger lassen.
Nach dem Stück zieht Bakken ihre High Heels aus – sie könne sich durchaus sicher darauf bewegen, gibt sie zu Protokoll, aber es seien kleine Löcher im Bühnenboden, die ihr das Leben schwer machen. Barfuß schrumpft sie zwar um zehn Zentimeter, gewinnt aber sofort an Stabilität und musikalisch beträchtlich an Größe.
Geschmackvolle Balladen dominieren das Programm, mal aus eigener Feder, oft geborgt von Künstlerinnen wie Alison Krauss, Finneas O`Connell oder Annie Lennox. Auf ihrem aktuellen Album „Always On My Mind“ singt sie lauter Lieblingslieder, und die sind auch der rote Faden durch ihr Hildesheimer Programm; natürlich ergänzt um Klassiker des Bakken-Repertoires wie „Little Drop Of Poison“ oder dem bluesigen „Powder Room Collapse“. Ein Song, den sie eigentlich nicht mehr live spielen wollte, wie sie erzählt. Doch dann hat Gitarrist Tommy Kristiansen sie überredet, den Song wieder ins Programm zu nehmen. Kein Wunder, dass er sich dafür stark macht: Am Ende darf er dem Stück mit einem langen, wunderschönen Gitarrensolo die Krone aufsetzen.
Ansonsten agiert die Band mit dem etwas überengagierten Drummer Rune Arnesen, Bassist Jonny Sjo und Eirik Tovsrud Knutsen und Orgel und Flügel so, dass sich Bakkens eindrucksvolle Stimme frei ausbreiten kann. Mühelos changiert sie zwischen tiefen und hohen Lagen, zwischen rauen und butterweichen Klängen. Wenn sie davon singt, wie ihr derselbe Typ das Herz zum zweiten Mal bricht, möchte man sie am liebsten tröstend in den Arm nehmen.
Grüntee statt Whiskey
Zwischendurch redet die Bandleaderin viel, erzählt vom schweigsamen Vater, von ihrem frühen Faible für Derrick, der Schönheit Hildesheims oder dem Leben im hippen New York, man man jetzt Grüntee statt Whiskey konsumiert, wenn man sich etwas Gutes tun will.
Die intensivsten Momente des Abends sind die beiden Songs, die sie ganz alleine gestaltet: die A-cappella-Version eines norwegischen Kirchenlieds, und, als letzte Zugabe, Willie Nelsons „Always On My Mind“ bei dem sie sich selbst am Flügel begleitet. Fast hat man das Gefühl, dass das Konzert ohne Band noch besser wäre, was aber am basslastigen Sound im hinteren Parkett liegen mag, der den Songs die nötige Transparenz raubt.
Die Frage der ewigen Jugend
Eine wichtige Frage muss hier noch beantwortet werden, damit Fans, die nicht dabei sein konnten, wieder ruhig schlafen: Sieht Rebekka Bakken wirklich noch so jung aus, wie ihre CD-Covers und Pressefotos es suggerieren? Nein, Sie können ganz beruhigt sein: Die Zeit hat bei der Mittfünfzigerin genauso ihre Spuren hinterlassen wie bei Ihnen auch. Auch die schönste Stimme hält das Älterwerden offenbar nicht auf.

