Kostspieliger Verwaltungsakt

„Bierfreunde“ aus dem Hildesheimer Nordkreis in Not: Setzt ein Bauantrag den Verein aufs Trockene?

Sarstedt - Ihr Ziel ist es, die Brautradition in ihrer Stadt zu bewahren – jetzt stehen die Sarstedter Bierfreunde vor gewaltigen Problemen: Weil ihre Brauerei früher eine Schlachterei war, gibt es jetzt Probleme mit dem Bauamt. Die Bierfreunde haben einen Plan – doch die Zeit ist knapp.

Dirk Radecke (links) und Maik-Oliver Towet stehen in ihrer kleinen Brauerei am Sarstedter Brickelweg - um die zu retten, brauchen sie Geld und Expertise. Foto: Jan Linkersdörfer

Sarstedt - Die Sarstedter Bierfreunde haben sich auf die Fahnen geschrieben, die rund 600 Jahre alte Brautradition in der Innerste-Stadt am Leben zu erhalten. Dafür veranstalten sie regelmäßig Kurse und Info-Veranstaltungen für die Öffentlichkeit. Jetzt aber stehen sie vor einem gewaltigen Problem: Weil ihre Wirkstätte am Brickelweg früher eine Schlachterei war, stelle die „derzeitige Nutzung (...) als Bierbrauerei nicht mehr die seiner Zeit genehmigte Nutzung dar“, heißt es in einem Schreiben des Kreis-Bauordnungsamtes in Hildesheim. Das Team um den Vorsitzenden Maik-Oliver Towet muss deshalb einen neuen Bauantrag auf dem Weg bringen – doch dafür fehlen dem Verein Geld, Expertise und vor allem: Zeit.

Frist endet am 30. April – Bierfreunde bitten um Verlängerung

Bis zum 30. April muss der Antrag eingereicht werden. Dass die Zeit jetzt dermaßen drängt, sei auch selbst verschuldet, gibt Towet zu. Denn bereits 2023 machte der Landkreis sie auf die „genehmigungspflichtige Nutzungsänderung“ aufmerksam. Damals seien sie an ihren Vermieter herangetreten, so der Vorsitzende. Der habe zugesichert, er werde sich um die Angelegenheit kümmern. „Wir dachten, damit sei die Sache geklärt – das war naiv von uns“, so Towet selbstkritisch. Denn als im März ein neues Schreiben des Landkreises mit Fristsetzung Ende April eintraf, waren die Bierfreunde „wie vor den Kopf gestoßen“. Zwar habe er beim Landkreis um eine Fristverlängerung gebeten, die Antwort stehe aber noch aus, so Towet.

Seine Recherchen hätten ergeben, dass ein Bauantrag je nach Umfang zwischen 3000 und 30.000 Euro kostet. „Das können wir nicht alleine stemmen“, sagt Towet. Aktuell habe der Verein rund 50 Mitglieder, die einen Jahresbeitrag von 60 Euro zahlen. Größter Ausgabenposten sei die Miete für ihre Brauerei mit 450 Euro monatlich. Um das nötige Geld für den Bauantrag zusammenzubekommen, haben die Bierfreunde einen Spendenaufruf über die Plattform Gofundme gestartet. Bei 6000 Euro liegt die derzeitige Zielmarke – bisher wurden aber erst 40 Euro gespendet.

Vorstand arbeitet an Plan B – für den Fall, dass sie ihren Betrieb einstellen müssen

Doch die Sarstedter brauchen nicht nur finanzielle Unterstützung – auch die Expertise fehlt ihnen aktuell noch. Deswegen suchen sie einen Architekten oder fachkundigen Bauchrechtler, der sie bei ihrem Antrag unterstützen kann.

Towet hofft jetzt, das Verfahren mit dem Landkreis „auf Augenhöhe und so schnell wie möglich“ abzuschließen. Gleichzeitig wollen sie „alle Szenarien durchspielen“ und einen Plan B und C entwickeln, für den Fall, dass sie Ende April tatsächlich ihren Betrieb einstellen müssen.

Seit 2023 brauen die Sarstedter Bierfreunde ihr Hopfen-Hefe-Malz-Gemisch wie vor etwa 350 Jahren. Das Dekoktionsverfahren sei uralt und „echte Handwerksarbeit“, sagt Towet. „Dafür muss man acht Stunden lang in der Würze rühren.“ Einziger Unterschied zum historischen Brauverfahren: Ihre Kessel feuern sie nicht mit Holz an, sondern mit Gas. Denn für einen Holzofen sei ein riesiger und kostspieliger Schornstein nötig – und das könne sich der Verein nicht leisten.

Als das Brauwesen aus Sarstedt verschwand

Primäres Ziel des Vereins sei es aber, die Bierbrautradition in Sarstedt aufrecht zu erhalten. Denn mit der Industrialisierung – und nach einem verheerenden Großbrand in der Stadt im Jahr 1789 – sei das Brauwesen allmählich aus Sarstedt verschwunden. Heute gibt es dort keine kommerzielle Brauerei mehr. Ihr Wissen vermehren und vermitteln die Bierfreunde durch regelmäßige Kurse und Info-Veranstaltungen in ihren Räumen in der ehemaligen Schlachterei. Aber: „Wir sind keine Brauerei im industriellen Sinne“, betont Towet; ihr selbstgebrautes Bier werde auch nicht verkauft.

Maik-Oliver Towet und der Co-Vorsitzende der Sarstedter Bierfreunde, Dirk Radecke, sind zuversichtlich, dass sie ihren Verein durch diese Krise manövrieren werden. Aufgeben jedenfalls sei keine Option: „Hier hängt unser Herz dran – wir werden den Kopf nicht in den Sand stecken“, verspricht Towet.

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