Hildesheim - Im Hinterzimmer des Juweliers in der Hildesheimer Kaiserstraße geht es um die großen Summen. Omar Serhan entsperrt den verriegelten Koffer und mehr als ein Dutzend gebrauchter Luxus-Armbanduhren in Samtpolstern funkeln den Betrachtern entgegen. Cartier, Omega, aber vor allem: „Rolex – das ist am meisten gefragt und am meisten im Umlauf“, sagt Serhan.
Der Luxus-Boom
Werthaltige Investitionen liegen im Trend
Zwischen 4000 und 69000 Euro kosten die gebrauchten Uhren in seinem Koffer. Der Markt für Luxusuhren boomt; „Luxus läuft“, vermeldete der Bundesverband der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte im Februar. Die Umsätze mit Schmuck und Uhren seien in Deutschland im vergangenen Jahr um über 20 Prozent gestiegen. „Werthaltige Investitionen liegen im Trend. Goldschmuck, Diamanten und Edelsteine“ – und auch: Luxusuhren. Uhren-Influencer wie die Wristbusters aus München bekommen in den sozialen Medien Hunderttausende Klicks für ihre Beiträge. Und auch Hildesheimer Händler bestätigen die gestiegene Nachfrage.
Luxusuhren sind eine besondere Ware. Die Hersteller stellen hohe Anforderungen an ihre offiziellen Händler – von der Werkstatt bis zum Schaufenster. Selbst wenn ein Hildesheimer Unternehmer bereit wäre, das nötige, viele Geld dafür in die Hand zu nehmen, hätte er wohl trotzdem keine Chance. Rolex etwa hat schon Konzessionäre, also lizensierte Händler, in Hannover und Braunschweig. Das Vertriebsnetz sehe keinen weiteren Laden in der Region vor, heißt es von Seiten des Schweizer Uhrenherstellers.
Rolex in Hildesheim
Und dennoch gibt es in Hildesheim gleich mehrere Adressen, an denen man gebrauchte Luxus-Armbanduhren bekommt. Das wohl größte Sortiment haben Omar Serhan und sein Bruder und Uhren- sowie Diamantengutachter Khoder. „Weil man auf Neuware häufig warten muss, haben gebrauchte Uhren sogar oft höhere Preise“, erklärt Omar Serhan.
Bald muss ich mit der Sackkarre herkommen
Die beiden erzählen, dass sie rund 70 Luxusuhren im Monat verkaufen. Davon im Schnitt eine bis zwei am Tag im Hildesheimer Ladenlokal. Das Geschäft wächst, wie der UPS-Paketbote bestätigt, als er in den Laden kommt. Auf dem Verkaufstresen liegen Pakete für die Online-Kundschaft: „Bald muss ich mit der Sackkarre herkommen!“
Investition am Handgelenk
„Luxus und Investment“, sagt Omar Serhan, das suche seine Kundschaft. „Uhren halten ihren Wert, steigern ihn meistens sogar. Außerdem hat man dann eine Schönheit am Handgelenk.“ Viele Selbstständige seien unter seinen Kunden, Leute, die Erfolg ausstrahlen wollten. Außerdem Männer, die ihren Frauen oder Kindern etwas Teures schenken möchten. Was sie vereine: „Sie verstehen, dass das eine Investition ist.“
Alles, was wir auf der Welt haben, ist doch nur geliehen
Aber hat man mit so einer Uhr am Arm nicht Angst, mit einer unbedachten Bewegung eine Delle hineinzuschlagen und den Wert zu mindern? „Leute, die solche Uhren tragen, können sich in der Regel elegant bewegen“, sagt Serhan. „Und selbst wenn es dem Wert schadet: Alles, was wir auf der Welt haben, ist doch nur geliehen.“
Der goldene Notgroschen
„Außerdem“, ergänzt Khoder Serhan, „ist es ein gutes Gefühl, immer ein paar Tausend Euro am Handgelenk zu haben, egal wo man ist.“ Ein goldener Notgroschen, sozusagen. Wer etwa ins Schaufenster des Leihhauses Silberfund in der Marktstraße blickt, erahnt, was Khoder Serhan meint. Auch dort stehen Rolex-Uhren, die von ihren Besitzern im Leihhaus zu Geld gemacht wurden.
Die Gebrüder Serhan planen derweil, mit ihrem wachsenden Geschäft in das ehemalige Projektbüro für die Kulturhauptstadtbewerbung 2025 zu expandieren. Die Räume sind schon angemietet, die Eröffnung ist für Mai geplant.
Abseits der Schweizer Platzhirsche
Auch Michael Manßhardt bestätigt die gestiegene Nachfrage nach Luxusuhren und deren Reparatur. Der 35-Jährige ist Ko-Inhaber des Uhrenateliers Manßhardt und Kurzidim mit zwei Standorten in Hildesheim. Er arbeitet mit dem großen Rolex-Konkurrenten Omega zusammen, führt eine zertifizierte Service-Werkstatt.
Irgendwann wird die Blase platzen
Ob Manßhardt sich vorstellen könnte, zu expandieren und Omega-Konzessionär zu werden? Die Investition sei ihm zu riskant, „irgendwann wird die Blase platzen“. Er kann sich nicht vorstellen, dass die Wertsteigerung der Luxusuhren noch lange andauern wird. Während sein Mitbewerber Serhan erfolgreich mit dem aktuellen Trend sei, möchte Manßhardt lieber „gegen den Strom schwimmen“. Ihm gefallen kleine Uhrenmanufakturen besser als die Schweizer Platzhirsche Rolex und Omega.
Personalmangel
Auch Manßhardt verkauft gebrauchte Luxus-Uhren, hat es aber nicht zu seinem Hauptgeschäft gemacht. Wenn er mehr Personal hätte, würde er den Online-Shop besser befüllen, aber gute Leute sind rar. „Deutschlandweit haben wir nur 200 Azubis zum Uhrmacher – da kommt ein Riesenproblem auf die Branche zu.“
Aber nicht alle Juweliere in Hildesheim haben Interesse an dem Luxus-Boom. Die hiesige Christ-Filiale etwa hat Uhren nur bis zu einer Preisgrenze von ein paar Hundert Euro im Angebot – an Standorten wie in der in der Hamburger Mönckebergstraße gibt es zehnmal teurere Ware. Auch Peter Virks, Hildesheimer Uhrmacher in dritter Generation, hat kein Luxus-Sortiment im Laden.
Gemütlicher Alltag
Die Zeit zeigt auch eine günstige Uhr gut an
„Unsere Kunden wollen gemütliche Alltagsuhren“, sagt er. Auch ohne Luxus laufe das Geschäft mit der Stammkundschaft gut. „Und die Zeit zeigt auch eine günstige Uhr gut an.“


