Büdchen, Späti, Trinkhalle

Bunte Tüten, Bier, Zigaretten: Warum es immer weniger Kioske in Hildesheim gibt

Hildesheim - Hier kauft man spontan ein. Ob Getränke oder Katzenfutter – was man im Supermarkt vergessen hat oder unterwegs braucht, gibt es am Kiosk. Allerdings haben sich Struktur und Angebot der kleinen Läden in letzter Zeit sehr verändert.

Seitdem Salal Omar und sein Freund „Pappi’s Kiosk“ Kiosk in der Katharinenstra0e übernommen haben, heißt der kleine Laden „Selin’s“. Foto: Kathi Flau

Hildesheim - Sie sind ein Einkaufserlebnis, ja eine Kulturform für sich – und sie werden immer weniger, auch in Hildesheim: Kioske. Hier bekommt man noch Bier und Katzenfutter, wenn jeder Supermarkt längst geschlossen hat, hier holt man sich im Sommer auf dem Weg zum Badesee schnell ein kaltes Wasser, und wenn sich der Kiosk in der Nachbarschaft befindet, dann bleibt man auch mal ein paar Minuten länger, plaudert, trifft Bekannte.

Dabei ist in der Nord- und Oststadt die Kioskdichte besonders hoch – auch wenn der Begriff „Dichte“ inzwischen nicht mehr ganz treffend ist. Denn was man hier vielmehr erlebt, ist ein Sterben der kleinen Kaufläden. Unlängst schloss der Kiosk in der Moltkestraße, einer in der Einumer Straße, zuvor die Trinkhalle an der Steingrube, die dort ihrem Namen alle Ehre machte und gern von der Trinkerszene frequentiert wurde. Sie hat die Umgestaltung des Areals 2016 nicht überlebt. Hieß es im städtischen Konzept zunächst noch, die Parkanlage solle im Südbereich für „eine ruhigere Freizeitgestaltung ausgelegt“ werden und anstelle jener Halle solle dort ein Café entstehen, verschwand der Kiosk schließlich von der Bildfläche – ersatzlos.

Von 8 bis 23 Uhr geöffnet – ein hartes Geschäft

Und in der Katharinenstraße fand der über Jahrzehnte ansässige „Pappi’s Kiosk“ von Ralf und Monika Barbulla erst in letzter Minute vor seiner Schließung einen Nachfolger. Seitdem heißt dieser kleine Laden „Selin’s“, benannt nach der Tochter seines Mitinhabers, wie Salal Omar erzählt. Vor nunmehr fünf Jahren haben die beiden Freunde „Pappi’s Kiosk“ übernommen – und Omar erzählt, was auch schon der damalige Inhaber Barbulla und seine Frau erzählt haben: „Es ist ein hartes Geschäft.“

Hart allein wegen der Öffnungszeiten: Von 8 bis 22 Uhr an Wochentagen, bis 23 Uhr am Wochenende ist der Kiosk geöffnet, durchgehend, sieben Tage die Woche. Pausen? Urlaub? Das geht nur, indem sie abwechselnd hinter der Ladentheke stehen, sagt Omar. Auch das hatte Ralf Barbulla schon aus seiner Zeit erzählt: Achtzehn Jahre lang hatten er und seine Frau Monika nur im Kiosk gestanden. Nicht ein einziges Mal waren sie fort, keine Reise haben sie gemacht, kein Tapetenwechsel, nichts.

Das Zeitungsregal, das haben sie abgeschafft

Bei Pappi gab es damals frisch aufgebackene Brötchen und rohe Eier, außerdem Zeitungen und Zeitschriften, ein großes Regal voller Tages- und Fernsehzeitungen stand an der Seite. Das haben Omar und sein Partner abgeschafft. Kauft ja keiner. Stattdessen brummt das Paketgeschäft, der Service. Am Samstagmittag geht es bei „Selin’s“ zu wie im Taubenschlag: Der Hermes-Bote bringt einen ganzen Schwung neuer Pakete, während eine Kundin schon mit ihrem Abholschein winkt, um eines davon mitzunehmen. Eine andere Frau, einen kleinen Hund an der Leine, wartet geduldig darauf, dass sie ein Eis am Stiel bezahlen kann.

Richtig was los hier. Aber leider nicht immer, sagt Salan Omar, der vor 13 Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen ist. Die meiste Zeit ist es ruhig im Kiosk. Die meiste Zeit verkaufen sie nicht, die meiste Zeit warten sie.

Nur wenige belastbare Zahlen zur Entwicklung der Branche

Bundesweit sinkt die Zahl der Kioske bereits seit 2005. Das geht aus einer Statistik der Nielsen Company aus dem Jahr 2009 hervor. 2005 gab es demnach 26190 Kioske in Deutschland, 2009 waren es nur noch 25800 Kioske, 2017 noch knapp 24000. In den vergangenen zehn Jahren haben 2000 von ihnen dicht gemacht. Vor allem wegen der zunehmenden Konkurrenz durch Supermärkte und Discounter, die immer länger geöffnet haben. Und wegen einer Gesellschaft, die immer weniger raucht und trinkt. Doch diese Zahlen, betont auch der Handelsverband, sind lediglich Schätzungen. Allein schon deshalb, weil der Begriff „Kiosk“ nicht genau definiert ist. Es gibt viele Handelsformen, die als Kioske bezeichnet werden.

Seit 2010 erfasst Nielsen die Kioske zusammen mit den Bäckereien und Lebensmittelgeschäften unter 100 Quadratmetern unter der Bezeichnung Impulskanal. Heißt: Es handelt sich um Laufkundschaft, die sich spontan entscheidet, noch eben ein Getränk oder eine Tüte Chips mitzunehmen. Heute gibt es insgesamt 48675 Geschäfte in dieser Kategorie. Eines der größten Unternehmen der Branche ist Valora Retail aus der Schweiz. Valora Retail betreibt Kioske und Gastronomiebetriebe – in Hildesheim ist der Konzern mit dem Press and Book-Geschäft in der Bahnhofshalle vertreten.

Bunte Tüten sind nach wie vor der Klassiker

Von einer Gesellschaft, die weniger raucht und trinkt, merkt man bei Nobbi allerdings nichts. Denn Norbert Diekmann hat sich ausgerechnet das Tabakwarengeschäft ganz groß aufs Programm geschrieben. In seinem Kiosk am Almstor führt er neben den Zigaretten, die in den allermeisten Kiosken Standard sind, vor allem Zigarren. Und für deren ausgesuchte Qualität ist er nicht nur seit Jahren Experte, sondern er verkauft sie auch auf ganz anderen Plattformen als nur in seinem Kiosk. Im Internet, in Tabak-Verbands-Runden, an seinen weiteren Standorten in Peine und Northeim. So, sagt er, lohnt es sich dann wieder.

Doch auch beim klassischen, inhabergeführten Kiosk um die Ecke hat sich das Angebot in den letzten Jahren stark verändert. Albert Hanimia, der den gleichnamigen Kiosk in der Vogelweide schon seit 22 Jahren führt, sagt, was auch Salal Omar sagt: „Ich habe zum Beispiel Zeitungen aus dem Angebot genommen. Das hat sich einfach nicht gelohnt.“ Er führt lieber alles, was die Leute aus der Nachbarschaft auch am späten Abend noch brauchen könnten: Bier. Tiefkühlpizza. Bunte Tüten, den Kinderklassiker, den es schon in den 50er Jahren gab.

Die selbst zusammengestellte, kleine Mischung aus Gummitieren und Lakritzschnecken jeder Art – sie hält sich im Angebot der Kioske. Krisenfest. Auch wenn sich sonst vieles ändert und viele Läden schließen. Dafür hat am Ottoplatz gerade der Späti 37 von Ahmed Bülgen und Okan Badir eröffnet, quasi Hildesheims jüngster Kiosk. Bezeichnend für das Quartier: Der angeblich älteste Kiosk der Stadt, nämlich das Nordstadtbüdchen, liegt davon kaum 200 Meter entfernt.

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