Hannover - Am Flughafen Hannover in Langenhagen herrscht zunehmend Aufbruchstimmung. In der Ferienzeit verzeichnet der Airport sein höchstes Passagieraufkommen im Jahresverlauf. Schon den vergangenen Tagen glich der Start in die „schönsten Wochen des Jahres“ einem Stresstest. Im vergangenen Jahr hat die Corona-Pandemie den Ferienflugverkehr beeinträchtigt, in diesem Jahr sind es Unwägbarkeiten bei den Sicherheitskontrollen, beim Check-in oder beim Reisegepäcktransport. Fragen und Antworten.
Wie entwickeln sich die Passagierzahlen?
In den ersten drei Juniwochen zählte der Flughafen Hannover nach Angaben von Sprecher Sönke Jacobsen 283.000 Reisende. Das sind noch 30 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum im Vor-Corona-Jahr 2019, aber immerhin 200.000 mehr als ein Jahr später. „Die Menschen haben Sehnsucht nach Ferien, Sonne und Wasser“, hat Flughafenchef Raoul Hille jüngst im Interview gesagt. Im Zeitraum vom Ferienbeginn in Nordrhein-Westfalen am 24. Juni bis zum Ferienende in Niedersachsen am 24. August rechnet der Flughafen mit rund einer Million Passagieren.
Welches sind die beliebtesten Reiseziele?
Das sind traditionell die Badestrände rund ums und am Mittelmeer. Ganz vorne unter den rund 60 Direktzielen, die von Hannover aus erreichbar sind, steht die türkische Riviera mit Antalya. Es folgen Mallorca und die griechischen Inseln Kreta, Kos und Rhodos. Städtereisen sind etwa nach Amsterdam, Barcelona, London, Wien, Paris, Zürich, Athen und Kopenhagen möglich.
Müssen Passagiere mit Wartezeiten und Verspätungen rechnen?
Ja. „Es wird in Einzelfällen in Spitzenzeiten dazu kommen“, hat Flughafenchef Hille gesagt. Wie groß der Umfang wird, hängt maßgeblich von der Personalstärke bei den Sicherheitskontrollen ab. Darauf hat der Flughafen keinen unmittelbaren Einfluss. Das operative Geschäft liegt beim von der Bundespolizei beauftragten Dienstleister Securitas. „Die Personalsituation hat sich gegenüber dem vergangenen Jahr deutlich verbessert. Wir sind jedoch noch nicht auf dem Niveau, das wir uns vorstellen, und wollen weiter rekrutieren“, sagt Sebastian Schwarzenberger, Pressereferent von Securitas. Komme es zu Engpässen, stimme man sich eng mit Beteiligten wie Flughafen, Bundespolizei oder Fluggesellschaften ab. „Zwei wichtige äußere Faktoren würden zahlreiche Probleme lösen: eine Entzerrung des Flugplans sowie eine Entspannung am Arbeitsmarkt“, erklärt Schwarzenberger. Flughafenchef Hille hatte dem Unternehmen Managementversagen vorgeworfen. Inzwischen verfolgt die Bundesregierung den Plan, kurzfristig bis zu 2000 ausländischen Arbeitskräften, etwa aus der Türkei, die Möglichkeit zu eröffnen, unkompliziert auf vakanten Jobs an den Flughäfen einzuspringen.
Wann sollten Reisende am Flughafen sein?
Von der zwischendurch ausgesprochenen Empfehlung, drei Stunden vor dem geplanten Abflug einzutreffen, rückt der Airport mittlerweile ab. „Am besten ist es, da zu sein, wenn der Check-in-Schalter öffnet“, sagt Jacobsen. Dies sei in der Regel zwei Stunden vor dem Starttermin des Fluges der Fall.
Wie ist es mit Check-in am Vorabend oder online?
Laut Auskunft des Flughafens wird dieses unterschiedlich gehandhabt. Der Vorabend-Check-in werde aktuell nicht explizit von den Airlines angeboten oder beworben, sei aber bei einigen trotzdem möglich. Das Einchecken via Internet gehört bei den meisten Fluggesellschaften zum Service. Wenn das so ist, empfiehlt der Flughafen diese Möglichkeit.
Was können Passagiere sonst noch tun?
Die Wartezeiten an der Sicherheitskontrolle verkürzen sich, wenn Fluggäste nur ein Handgepäckstück mit an Bord nehmen und Flüssigkeiten wie etwa Getränke oder Kosmetika nur bis zu einem Volumen von 100 Millilitern pro Behälter. Diese Regelung ist eigentlich seit Jahren bekannt, doch häufig wird sie von Reisenden nicht beherzigt. Zu beachten ist auch, dass Tiere in Transportboxen, Surfbretter, Fahrräder, Rollstühle oder Kinderwagen zum Sperrgepäck gehören und nicht automatisch über die Förderanlagen für das Reisegepäck transportiert werden können. Sie müssen separat an Sperrgepäckschaltern aufgegeben werden, die in allen Terminals vorhanden sind.
Wie ist die Lage bei vermisstem Gepäck?
Bilder von liegen gebliebenen Reisekoffern, die sich in Flughafenterminals stapeln, waren zuletzt ständig zu sehen. In einigen Fällen mussten Reisende sogar tagelang auf ihr Gepäck warten. Der Grund: Derzeit werden viele innerdeutsche Flüge von den Drehkreuzen wie Frankfurt von und nach Hannover kurzfristig gestrichen. Dadurch bleibt das Gepäck von Passagieren liegen, die diese als Anschlussverbindungen nutzen wollten. Bei verspäteten Flügen sind Umsteigezeiten für die Reisenden vielleicht noch ausreichend, für den Gepäcktransfer aber manchmal nicht. Der Passagier erreicht seinen Weiterflug noch sehr knapp, doch sein Gepäckstück kann in der kurzen Zeit nicht von einem zum anderen Flugzeug befördert werden. Es muss dann mit dem nächsten möglichen Flug hinterher geschickt werden. Kleiner Trost: Bei Direktflügen, um die es sich bei den Ferienflügen am Flughafen Hannover in der Regel handelt, ist dieses Risiko spürbar geringer.
Gibt es die Probleme nur in Hannover?
Nein, absolut nicht. Personalknappheit bei den Sicherheitskontrollen herrscht so ziemlich allen deutschen Großflughäfen. Während Hannovers Airport-Geschäftsführer Hille den Mitarbeiterstand beim Bodenpersonal und der Abfertigung in Langenhagen als zu mehr als 100 Prozent erfüllt bezeichnet, gilt dies nicht für alle Airports. „Im Durchschnitt fehlen etwa 20 Prozent des operativen Bodenpersonals“, sagt Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV. Folgen sind die erwähnten Warteschlangen und die Verzögerungen beim Gepäcktransfer. Der Frankfurter Flughafen hat deshalb angekündigt, in Zusammenarbeit mit Fluggesellschaften Flugpläne zu entschlacken. Airlines wie die Lufthansa oder ihre Tochter Eurowings nehmen von sich aus insgesamt Tausende von Verbindungen aus dem Sommerprogramm. Wie angespannt die Lage ist, zeigt eine weitere Maßnahme in Frankfurt. Dort hilft Verwaltungspersonal der Flughafengesellschaft bei den Abfertigungsdiensten, auch die Geschäftsführung will mit anpacken.
Von Bernd Haase und Ralph Hübner

