Nachhaltig bauen

Dächer begrünen? Hildesheim plant Förderung – ein Dachdecker erklärt, was das bringt

Hildesheim - Nachhaltig bauen und wohnen – in Hildesheim ist ein Förderprogramm für Grüne Dächer im Entstehen. Ein Dachdecker ist bei dieser Diskussion gefrustet.

Hildesheim - Es ist windig zwölf Meter über Burgdorf. Dachdecker Markus Richter und seine Mitarbeiter rechen Pflanzensprossen und Granulat zusammen, hoch oben auf dem Rohbau eines Mehrfamilienhauses. Der Hildesheimer ist stolz auf sein Handwerk. „Wir müssen unseren Planeten nachhaltig schützen“, sagt er – und im Handwerk gebe es die Expertise dafür.

Dachbegrünung wird in zweierlei Hinsicht als klimasichere Baumaßnahme gehandelt: Zum einen sollen Pflanzen auf einem Haus die Dämmung des Gebäudes erhöhen – und so den Energiebedarf senken. Zum anderen soll das Grün vor den Folgen der Klimakrise schützen – also gegen Extremwetter von Hitzewellen bis Monsunregen.

Grüne Dächer im Rathaus

Auch in Hildesheim diskutieren Politik und Verwaltung über grüne Dächer. Im Rat etwa haben die Sozialdemokraten ein Förderprogramm für Dachbegrünung ins Spiel gebracht. „Die SPD-Fraktion hat den Haushaltsposten ‚Investitionsfonds zur energetischen Gebäudesanierung‘ eingebracht“, sagt Fraktionsgeschäftsführer Julius Schwerthelm, „und dieser ist vom Rat verabschiedet worden.“

Der Plan ist, Privatpersonen finanziell bei sogenannter energetischer Gebäudesanierung zu unterstützen. Dabei geht es letztlich darum, den CO2-Verbrauch eines Hauses zu reduzieren. Die Idee der SPD ist es nun, zusätzlich bis zu 5000 Euro zur Verfügung zu stellen, wenn auch das Dach begrünt wird. Nach Wunsch der SPD sollen die Förderrichtlinien bis Oktober diesen Jahres entwickelt werden. Aus dem Rathaus heißt es dazu: „Zu Voraussetzungen, Ablauf, Start des Förderprogramms usw. kann zum heutigen Zeitpunkt noch nichts gesagt werden.“

Was die Pflanzen nützen

Zurück nach Burgdorf: Richters Mitarbeiter fahren mit einer etwa einen halben Meter breiten Rolle über die 170 Quadratmeter Granulat-Sprossen-Gemisch, um es zu verdichten. Der Hildesheimer Dachdecker sieht den Wert der Pflanzen vor allem darin, Regen zurückzuhalten: „Das Wasser fließt nicht schwallartig in die Kanalisation.“ Bei Starkregen, wie Hildesheim ihn etwa 2017 erlebte, könne Dachbegrünung die Kanalisation entlasten und vor Hochwasser schützen.

„Außerdem schützt die Pflanzenschicht die Dach-Abdichtung“, sagt Richter. Der geringere Materialverschleiß sei letztlich auch nachhaltig. Skeptisch ist der Dachdeckermeister allerdings, wenn es um die Dämmwirkung geht: „Wir haben bei diesem Dach 30 Zentimeter Wärmedichtung verbaut – ob die Pflanzen da noch ins Gewicht fallen?“

Wir hätten schon so viel weiter sein können

Markus Richter, Dachdecker

Ganz anders sehe es aber bei der Temperatur außerhalb der vier Wände aus: „Ein begrüntes Dach sorgt im Sommer für ein kühleres Mikroklima in der Umgebung“, so Richter. Außerdem sei etwas für Insekten getan. Trotz all dem sei ein Gründach nicht pflegeintensiver als jedes andere: „In jedem Fall sollte ein Mal im Jahr ein Fachmann kommen“, so Richter.

Wenn man ihn auf Förderpläne wie jenen in Hildesheim anspricht, klingt bei seiner Antwort Frust durch: „Im Handwerk wissen wir seit mehr als 15 Jahren, wie man nachhaltig baut, aber niemand hat auf uns gehört – wir hätten schon so viel weiter sein können.“

Fachkräftemangel

Nun sei es im Grunde zu spät, um die verpassten Chancen für zukunftssicheres Bauen nachzuholen. Richter hat 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – neue Azubis findet er kaum. Anderen Handwerksbetrieben gehe es ähnlich – der Fachkräftemangel begrenze ganz klar, wie viele Dächer begrünt, Fassaden gedämmt und Wärmepumpen installiert werden können.

Richters Frust verschwindet, wenn er auf die Baustelle blickt. Er liebt seinen Job. „Handwerk ist Tradition und Moderne, Kunstfertigkeit und Vielfalt“, sagt er. Dach Nummer eins von vier in Burgdorf ist fertig – wachsen müssen die Sprossen nun alleine.

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