Hildesheim - Chaos am Flughafen. Abgemeldete Krankenhäuser. Ausfallende Busse und Bahnen. Geschlossene Freibäder. Verzögerungen beim Hausbau. Langes Warten aufs Essen im Restaurant. Abgesagte Handwerker-Termine. Und, auch das, zu spät ausgetragene Zeitungen: Im Frühjahr und Sommer dieses Jahres erleben die Menschen im Stadt und Landkreis Hildesheim wie auch in ganz Deutschland immer öfter Situationen, in denen vermeintlich selbstverständliche Dienstleistungen nicht zur Verfügung stehen. Auch dann nicht, wenn die Anbieter eigentlich dazu verpflichtet sind. Es geht nicht um Luxus. Sondern um Alltägliches. Und die Begründung ist, wenn auch unterschiedlich formuliert, letztlich immer die gleiche: „Tut uns Leid, uns fehlt das Personal!“
Fachkräftemangel schlägt durch
Dafür gibt es zwei Gründe, die auf der Hand liegen und die den Vorzug haben, dass sie nicht von Dauer sein werden: Zum einen fallen bundesweit permanent Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wegen Corona-Infektionen aus. In Niedersachsen und speziell im Landkreis Hildesheim ist dieser Effekt größer als in den meisten anderen Regionen der Republik, weil die Inzidenzen hier höher sind und folglich mehr Leute gleichzeitig zu Hause bleiben müssen als anderswo. Zudem hat die Urlaubszeit begonnen, vielerorts sind die Belegschaften sozusagen planmäßig ausgedünnt.
Doch maßgeblich vor allem ein Effekt, der bislang vor allem als Gefahr in der Zukunft thematisiert wurde, nun aber Gegenwart wird: der Fachkräftemangel, ja überhaupt ein Defizit an Arbeitskräften. Das wird zunehmend zum Problem für die lokale Wirtschaft und auch Verwaltung, und es betrifft fast alle Branchen, wobei sich die Probleme in einigen Bereichen besonders durch die Corona-Krise noch einmal verschärft haben. Zugleich machen Zahlen zu Demografie und Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren deutlich, wie das Problem entstanden ist – und dass es droht, sich weiter zu verschärfen.
Zahlen lügen nicht
Es ist zunächst eine sehr erfreuliche Entwicklung, sie spricht für die Stärke des Wirtschaftsstandorts Hildesheim: Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse in Stadt und Landkreis ist in den vergangenen zehn Jahren um rund 10.000 gestiegen, das ist ein Plus von rund zwölf Prozent. „Mitte 2021 hatten wir die bisher höchste Zahl und hatten auch den Bestwert von vor der Corona-Pandemie schon übertroffen“, bestätigt Evelyn Beger, Chefin der Arbeitsagentur in Hildesheim. Auch in diesem Jahr hält der Aufwärtstrend bislang weiter an.
Im gleichen Zeitraum ist die Einwohnerzahl des Landkreises Hildesheim allerdings leicht zurückgegangen. Und was für den Arbeitsmarkt dabei noch relevanter ist: Die Zahl der 18- bis 63-Jährigen, aus deren Reihen sich die Beschäftigten im Wesentlichen rekrutieren, ist um knapp 5000 Personen gesunken. Es gibt also immer mehr Arbeitsplätze für immer weniger Menschen. Ging es noch vor einigen Jahrzehnten darum, einer stetig wachsenden Anzahl arbeitswilliger Männer und Frauen ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten, hat sich der Trend inzwischen völlig umgekehrt.
Wenig Ersatz für Rentner
Und diese Entwicklung ist noch nicht an ihrem Ende angekommen. Im Gegenteil: Knapp 24.000 Einwohnerinnen und Einwohner des Landkreises sind derzeit zwischen 55 und 60 Jahren alt. So weit sie berufstätig sind, dürften sie in aller Regel in den nächsten fünf bis zehn Jahren in den Ruhestand gehen. Dagegen leben im Landkreis Hildesheim derzeit nur rund 10.500 Zehn- bis 15-Jährige, die wiederum in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf den Arbeitsmarkt gelangen könnten – wobei ein erheblicher Anteil von ihnen erst einmal studieren wird.
Dass die Gruppe derer, die in Rente geht, viel größer ist als die, die nachrückt, bleibt auch langfristig so, wenn man allein die jetzigen Einwohnerinnen und Einwohner des Landkreises beachtet. Was bedeutet: Ohne Zuzug, ob innerhalb Deutschlands oder aus dem Ausland, geht nichts – und selbst mit Zuzug sind die Lücken kaum zu schließen.
Personalchefs unter Druck
Hundert Bewerbungen auf eine Stelle – das kennen viele Personalverantwortliche noch aus eigener Erfahrung, viele Bewerber sowieso. Vor 25 Jahren waren solche Konstellationen keine Seltenheit. Geburtenstarke Jahrgänge drängten auf einen eher engen Arbeitsmarkt, es entstand die sogenannte „Generation Praktikum“, die sich von einem schlecht bis gar nicht bezahlten Kurzaufenthalt zum nächsten hangelte, immer in der Hoffnung, irgendwo in eine Lücke stoßen zu können.
Und heute? Auf allen Ebenen werben Unternehmen um neue Leute. Auf großflächigen Plakaten, auf Bildschirmen, auf Firmenautos und Lastwagen, bei Facebook, bei Instagram, überall. Sogenannte Antrittsprämien sind keine Seltenheit mehr, Einmalzahlungen zur Vertragsunterschrift, wie man sie bisher nur aus dem Profifußball kannte.
Führerschein und sieben Prozent
Im Winter sorgte der Glas-Hersteller Schott in der Region für Aufsehen, als er angehende Azubis mit dem Versprechen, den Führerschein zu bezahlen, ins ländliche Grünenplan lockte. Das Parkhotel Berghölzchen führt in diesem Jahr die Vier-Tage-Woche bei unveränderter Bezahlung ein, um als Arbeitgeber attraktiver zu werden, und setzt damit die ganze Hotelbranche unter Druck. Der stark expandierende Hildesheimer Pflegesoftware Anbieter Medifox erklärte unlängst auf die Frage, welche Qualifikation angehende Mitarbeiter mitbringen müssten: Ein kaufmännischer oder technischer Hintergrund sei gut, aber jeder könne sich bewerben. Monatelange Einarbeitungszeiten gelten längst als normal. Die Alfelder Firma Meyer Seals erhöhte zuletzt die Gehälter ihrer Beschäftigten um sieben Prozent und zahlt zusätzlich eine Energiekostenpauschale, um Personal zu halten und interessant für neue Kräfte zu sein.
Bedingungen statt Bezahlung
Wenn der Geschäftsführer des Beamtenwohnungsvereins, Wolfgang Dressler, beklagt, er suche seit einem Jahr vergeblich einen Architekten und einen Bauingenieur, ist er damit keineswegs allein. Und in der Hildesheimer Kreisverwaltung hakt manches Projekt und mancher Bürgerservice auch daran, dass Dutzende Stellen unbesetzt sind. Weil sich niemand bewirbt. So spart der Kreis zwar Geld für Gehälter, schafft aber Aufgaben nicht.
Beim Kampf um die Köpfe geht es längst nicht mehr nur ums Geld. „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Rahmenbedingungen bei der Arbeit sind gerade jüngeren Menschen inzwischen oft wichtiger“, sagt Arbeitsagentur-Chefin Beger. Was zuletzt unter anderem Verantwortliche für Kitas und Altenheime gleichermaßen feststellten: Ihre Mitarbeiterinnen sind derzeit weniger auf Lohnerhöhungen aus als viel mehr darauf, mehr Kolleginnen zu bekommen, um die Arbeit besser zu schaffen.
Gewinner und Verlierer der Corona-Krise
Doch woher nehmen? Woher sollen die neuen Leute kommen, um die Unternehmen innerhalb von Branchen und zugleich ganze Branchen untereinander immer intensiver ringen? In der Corona-Krise profitierten manche Bereiche von den Problemen anderer: Aus der lange geschlossenen Gastronomie flüchteten viele Arbeitskräfte in den Einzelhandel, teilweise auch in die Corona-Testzentren – nur wenige gingen nach dem Ende der Einschränkungen zurück. Viele Veranstaltungstechniker kehrten ihrer darbenden Branche den Rücken und verdingten sich in der Industrie oder als Hausmeister, waren mit ihren technischen Fertigkeiten dort willkommene Verstärkungen.
Andere Branchen steckten viel Energie in die Nachwuchsgewinnung. Die Sanitär- und Heizungsbetriebe im Raum Hildesheim schafften es binnen zwei Jahren, die Zahl der Azubis pro Lehrjahr zu verdoppeln. „Wir waren auf jeder Messe, haben großflächig auf Stadtbussen geworben und bieten einen Beruf, der durch den Fokus auf die Klimatechnik auch in die Zeit passt“, sagt Innungs-Vorstandsmitglied Carsten Holle. Der Erfolg gebe der Innung Recht, doch dafür sei ein großer ehrenamtlicher Einsatz nötig gewesen.
Seit Jahren gemahnt
Doch mancher Firma fehlt auch noch ein bisschen das Verständnis für die neue Situation. „Wer länger niemanden eingestellt hat, ist manchmal überrascht von der heutigen Situation“, hat Arbeitsagentur-Chefin Evelyn Beger beobachtet. „Die sind dann mitunter erstaunt, dass sich auf dem herkömmlichen Wege gar keiner bewirbt.“ Die Folge ist ein neuer Schwerpunkt bei der Arbeitsagentur. Natürlich bemüht sich die Behörde unverändert, Arbeitslose in neue Jobs zu vermitteln. Immer häufiger lassen sich aber auch Firmen bei der Frage beraten, wie sie an neues Personal kommen können. Und mehr Unternehmen als früher melden offene Stellen bei der Behörde, in der Hoffnung, dass die jemanden für sie findet.
Seit Jahren mahnen zudem Wirtschaftsverbände in der Region, das Problem Fachkräftemangel anzugehen. Zu den größten Warnern gehört schon lange Matthias Ullrich, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft Hireg. Er predigte den Unternehmen schon, sich auf die aktuelle Situation vorzubereiten, als viele das Thema noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Inzwischen findet er deutlich mehr Gehör. Auch der vor drei Jahren gegründete Verband Unternehmer Hildesheim um seinen Vorsitzenden Matthias Mehler stellt das Thema Fachkräftemangel von Beginn an ins Zentrum seiner Aktivitäten.
Teilzeit wird wichtiger
Knapp 11.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse mehr in zehn Jahren – das klingt erst einmal enorm. Doch ein wenig täuscht die nackte Zahl auch über die tatsächliche Situation hinweg. Denn die Zahl der Vollzeit-Stellen stieg nur um knapp 4000, den größten Teil der neuen Arbeitsplätze machen Teilzeit-Jobs aus.
Dafür gibt es verschiedene Gründe: Zum einen hat die Einführung des Elterngeldes durchaus dazu geführt, dass junge Mütter schneller wieder anfangen zu arbeiten, aber eben mit reduzierter Stundenzahl. Zugleich nutzen aber auch junge Väter öfter die Gelegenheit, nicht mehr in Vollzeit zu arbeiten. Auch in der Pflege haben Beschäftigte zuletzt gern Arbeitszeit reduziert, manche Altenheime, selbst große Einrichtungen, haben kaum noch Vollzeit-Pflegekräfte, was wiederum den Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften erhöht.
Aufstocken wegen Energiekosten?
Hinzu kommt, dass immer mehr Berufsanfänger nicht mehr zwingend in Vollzeit arbeiten wollen. „Heute wird in Bewerbungsgesprächen oft nicht oder erst spät nach dem Gehalt gefragt, dafür schon recht früh, ob eine 80-Prozent-Stelle drin sei“, sagt der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens in Hildesheim. Angesichts der Bewerberlage müsse man sich dann sehr genau überlegen, ob man dem Interessenten das abschlagen könne. „Sonst geht der woanders hin, wo es möglich gemacht wird.“
Ausgerechnet die aktuelle Energiekrise könnte den Teilzeit-Effekt allerdings abmildern. Aus mehreren Branchen berichten Firmenchefs von verstärkten Anfragen von Beschäftigten, ob sie Stunden aufstocken können. Die Betroffenen fürchten, nur durch so einen Schritt steigende Preise für Strom, Gas, Benzin und Lebensmittel noch bewältigen zu können.
Wieder weniger Abiturienten
Vor 25 Jahren schloss gut jeder Dritte seine Schulzeit mit dem Abitur ab, heute ist es fast jeder Zweite. Heißt: Es gibt ohnehin weniger junge Leute – und unter denen ist der Anteil derer höher, die zunächst einmal studieren könnten. Was einerseits größere Chancen bietet, ist gerade für Handwerk und Industrie, aber auch für manche kaufmännischen Berufe ein Problem. Der Pool an jungen Menschen, die von vornherein eine Ausbildung anstreben, wird kleiner.
Das Handwerk hat sich deshalb schon seit längerem darauf fokussiert, auch Abiturientinnen und Abiturienten für sich zu begeistern – in den vergangenen Jahren im Kreis Hildesheim durchaus mit messbarem Erfolg. Der Anteil der jungen Männer und Frauen mit Abitur unter allen erfolgreichen Ausbildungs-Absolventen verdoppelte sich von 2010 bis 2020, lag zuletzt bei 18 Prozent.
Dünkel am Gymnasium?
Dennoch beklagen viele Handwerksmeister einen gewissen Dünkel bei manchen Gymnasien: „Es kommt immer noch vor, dass wir unsere Teilnahme an einer Berufsmesse an einem Gymnasium anbieten und es dann heißt: Nein danke, Handwerk interessiert unsere Schüler nicht“, beklagt der Obermeister einer Hildesheimer Handwerks-Innung. Zudem seien oft die Eltern das Problem, die ihre Kinder zu Studium statt Berufsausbildung drängten.
Arbeitsagentur-Chefin Evelyn Beger sieht vor allem einen höheren Beratungsbedarf für junge Menschen, um den zu ihnen passenden Beruf zu finden. Ähnlich äußerte sich beim Sommerempfang der IHK auch Uni-Präsidentin May-Britt Kallenrode.
In Fortbildung investieren
Tatsächlich ist die Abiturienten-Quote in ganz Deutschland sogar schon wieder deutlich gesunken. Im Jahr 2012 erreichte sie mit 59,6 Prozent ihren Höchststand, im Jahr 2020 fiel sie mit 46,8 Prozent erstmals seit zehn Jahren unter die 50-Prozent-Marke. Ein Grund dafür ist auch die massive Zuwanderung der vergangenen Jahre. Viele Jugendliche, die etwa 2015 in die Bundesrepublik gekommen sind, schaffen zwar einen Schulabschluss, aber meist nicht das Abitur.
Um den Mangel an Fachkräften und an Arbeitskräften allgemein zu bewältigen, ist für Arbeitsagentur-Chefin Evelyn Beger Fortbildung ein ganz entscheidender Faktor. Ihre Faustformel lässt sich dabei so zusammenfassen: Unternehmen können bisherige Hilfskräfte zu Fachkräften weiterbilden, und bislang arbeitslose Menschen könnten diese Hilfskräfte ersetzen – in beiden Fällen mit Unterstützung und finanzieller Förderung durch die Agentur für Arbeit. „Das ist natürlich ein ziemlicher Aufwand für die Betriebe, es braucht Geduld und die bereitschaft, auch mit Rückschlägen umzugehen – aber es kann ein wichtiger Baustein sein“, ist Beger überzeugt. Natürlich koste ein solcher Weg Zeit, auch Arbeitszeit von bereits vorhandenen qualifizierten Beschäftigten, die bei guter Auftragslage eigentlich anderswo gefragt seien. „Aber das ist wie eine Investition, die sich auszahlt – weil man dadurch vielleicht noch größere Engpässe in einigen Jahren vermeidet.“
Gegen starres Korsett
Zudem rät Beger Arbeitgebern, generell weniger Wert auf formale Voraussetzungen zu legen. Das gelte gerade auch für Behörden, sagt sie selbstkritisch. „Im Staatdienst gibt es ein recht enges Korsett an Vorgaben, wer für welche Aufgabe und damit auch für welches Gehaltsniveau welche Qualifikationen nachzuweisen hat.“
Der Trend gehe aber eher weg davon: „In der Corona-Krise hätten wir die enorme Nachfrage beim Thema Kurzarbeit nicht bewältigen können, wenn wir starr auf diese Fornmalien beharrt hätten.“ Hier könne sich noch einiges bewegen – und auch Unternehmen könne eine größere Flexibilität und eine noch größere Bereitschaft zur internen Fortbildung und zum „Training on the Job“ guttun.
Regionen als Konkurrenten
Auch längerfristig bahnt sich keine demografische Trendwende an, weitere geburtenstarke Jahrgänge gehen langfristig in den Ruhestand. Aktuell leben im Kreis Hildesheim gut 24.000 Kinder bis zehn Jahren, die also in zehn bis 20 Jahren auf Jobsuche gehen werden. Die 45- bis 55-Jährigen, die im gleichen Zeitraum in den Ruhestand gehen dürften, machen rund 37.000 Personen aus.
Zuzug bleibt also ein wichtiges Thema. Tatsächlich war der sogenannte Wanderungssaldo in den vergangenen Jahren stets positiv – es zogen mehr Menschen in den Landkreis als aus ihm weg. Damit das so bleibt, sind weiterhin gute Rahmenbedingungen nötig – auch das sagt Hireg-Geschäftsführer Matthias Ullrich schon lange. Attraktiver Wohnraum vom Bauplatz bis zur Wohnung, gute und verlässliche Kitas und Schulen, gute Internetversorgung – das sind nur einige Faktoren, die er dabei nennt und die auch die Kommunalpolitik beeinflussen kann. Damit Menschen auch künftig gern im Kreis HIldesheim leben und arbeiten.
Denn klar ist: Die demografische Entwicklung wird auch den Wettbewerb der Regionen um Arbeitskräfte weiter verschärfen.
