32-Jähriger hört auf

Das „Undenkbare“ wird passieren: Eintracht-Kapitän Lothar von Hermanni beendet seine Handball-Karriere

Hildesheim - Kaum ein anderer hat den Handball in Hildesheim so geprägt wie Lothar von Hermanni. Nun hat der 32-Jährige sein Karriereende angekündigt. (mit Video)

Am Ende dieser Saison wird sich Lothar von Hermanni von den Hildesheimer Handball-Fans verabschieden. Foto: Werner Kaiser

Hildesheim - „Leistungshandball bei Eintracht Hildesheim ohne Lothar von Hermanni? Undenkbar!“ So steht es im Spielerporträt auf der Homepage des Drittligisten. Doch das Undenkbare wird bald passieren. Denn von Hermanni hat sein Karriereende bekannt gegeben. Nach dieser Saison ist Schluss.

Der 32-Jährige möchte neue Prioritäten in seinem Leben setzen und sich mehr seiner Familie widmen. „Ich habe eine wunderschöne Frau, die ich unterstützen und eine wunderbare Tochter, die ich aufwachsen sehen möchte“, erklärt er.

Mehr Zeit für die Familie

„Ihr kennt mich“, sagt von Hermanni in einer Videobotschaft (das gesamte Video gibt es am Endes des Artikels). Ein Satz, der wahrer nicht sein könnte. Kaum ein anderer hat den Handball bei Eintracht, ja sogar in der Stadt, so sehr geprägt wie Lothar von Hermanni. Er ist Kapitän, Leistungsträger, Publikumsliebling und Identifikationsfigur in einer Person.

Und kaum ein anderer kann das wohl besser beurteilen als Gerald Oberbeck, jahrzehntelanger Chef, Manager und Trainer bei Eintracht. „Lothar ist vor allem ein toller Mensch“, sagt Oberbeck im HAZ-Gespräch. „Er war immer mit vollem Engagement und Einsatz bei der Sache.“

Bis in die 1. Liga

Oberbeck ist sozusagen Entdecker und Förderer des Handballers: „Ich kenne Lothar seit der C-Jugend.“ Schon da hatte von Hermanni gegenüber anderen Talenten einen Nachteil: Er war ein schmächtiger Typ, körperlich nicht so robust. „Aber er hat das Beste aus seinen Möglichkeiten gemacht“, betont Oberbeck.

In der A-Jugend und in der II. Mannschaft spielte er meist im Rückraum. Das ging später nicht mehr. „Weil ihm die Körperlichkeit fehlte“, sagt Oberbeck, der den damaligen Youngster zum Linksaußen umfunktionierte. Auf dieser Position wurde von Hermanni von Jahr zu Jahr besser. „Es war das Resultat von hundertprozentigem Einsatz und Trainingsfleiß“, so Oberbeck. „Man hätte Lothar mitten in der Nacht aufwecken können. Er hätte seine Leistung immer gebracht.“

Einmal ging er kurz fremd

Mit dieser Einsatzbereitschaft und der ständigen Verfeinerung seiner Technik schaffte es Lothar von Hermanni mit Eintracht Hildesheim bis in die 1. Bundesliga. „Ich erinnere mich an ein Spiel gegen Nettelstedt, als Lothar ein Tor nach dem anderen warf“, berichtet Oberbeck. Trickreiche Würfe, dynamische Tempogegenstöße und sicher verwandelte Siebenmeter sind von Hermannis Stärken.

Aufstiege und Abstiege, gefeierte Siege und bittere Niederlagen – wie in einer guten Ehe ist er mit Eintracht durch dick und dünn gegangen. „Es gab Höhen und Tiefen“, sagt er. „Aber insgesamt war es eine geile Zeit.“ Einmal ging er fremd. 2018 half er beim Northeimer HC aus. „Ich wollte mal was Neues sehen“, sagte er damals. Aber Oberbeck hatte sich vorher zusichern lassen, dass von Hermanni nach sechs Monaten zurückkommt, denn wie gesagt: Eintracht ohne seinen Publikumsliebling: eigentlich undenkbar.

Symbiose mit den Fans

Eintracht und der Handball in Hildesheim waren und sind für ihn eine Herzensangelegenheit – und das sieht man auf dem Spielfeld. Wenn von Hermanni wichtige Tore wirft und mit erhobener Faust durch die Halle läuft, dann ist der Jubel in der Halle stets noch etwas lauter – dann entsteht eine leidenschaftliche Symbiose zwischen ihm und den Fans. Diese Jubelgesten habe er aber erst dann zelebriert, als er ein wichtiger Leistungsträger war, bemerkt Oberbeck. „Das spricht für seinen Charakter.“

Auch der aktuelle Eintracht-Coach Daniel Deutsch ist voll des Lobes, wenn er über seinen Kapitän spricht: „Ich habe Lothar jetzt zweieinhalb Jahre in seiner Rolle als Kapitän in unserer Mannschaft erleben dürfen und es ist für mich ein Fest.“ Er habe immer durch Vorbild geführt, sich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt. „Leistung statt reden.“ Deutsch ergänzt: „Beim Spiel in Emsdetten im April hat Lothar fast bis zur Bewusstlosigkeit gekämpft.“

Von Hermanni ist in Dingelbe aufgewachsen, auf dem Dorf. Das erklärt sicher seine Bodenständigkeit. Er empfindet Dankbarkeit: „Ich habe das Glück, dass ich den Sport liebe und obendrein Geld verdienen kann.“ Freilich nicht das große Geld. Aber er konnte davon sein Studium finanzieren. Er hat den Bachelor in Sport und Wirtschaft, zudem absolvierte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann, das Abitur hatte er zuvor im Handball-Internat in Elze gemacht (CJD Christophorusschule). Aktuell arbeitet er als Projektmanager beim Hildesheimer Unternehmen „ProLicht“.

Aufstieg als Krönung?

Familie und Beruf werden künftig sein Lebensmittelpunkt sein, aber noch ist der Handballer Lothar von Hermanni nicht ganz fertig. „Ich werde bis zum Saisonende alles für Eintracht und unser Ziel geben“, betont er. Das große Ziel ist der Aufstieg in die 2. Bundesliga, dem Eintracht seit 2018 vergeblich hinterherläuft. Für Lothar von Hermanni wäre es der krönende Abschluss seiner Karriere – und wer würde ihm das nicht wünschen?

Die Videobotschaft von Lothar von Hermanni

  • Sport
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.