Hildesheim - Lothar von Hermanni kocht. Nicht, dass er wütend ist – das mit dem Kochen ist wörtlich gemeint. Der 29-Jährige steht zuhause am Herd. Er sorgt in letzter Zeit für das Essen. Es gibt schwedische Kartoffeln. „Die geschälten, rohen Kartoffeln einritzen, nach Belieben würzen, Butter oder Öl drüber und ab in den Ofen. Dazu Creme Fraiche und gebratenen Speck. Lecker“, sagt der Kapitän des Handball-Drittligisten HC Eintracht Hildesheim.
Zuhause – das ist für von Hermanni die gemeinsame Wohnung mit seiner Lebensgefährtin Leona Pott. Auch eine Handballerin, allerdings eine „im Ruhestand“. Die beiden haben sich gerade verlobt. Bald liegt eine Hochzeit an – aber vorher wohl noch das Fegen der Rathaustreppe. Wer mit 30 nicht verheiratet ist, muss ran. Im Februar nullt von Hermanni. Richtig scharf aufs Fegen ist er nicht: „Aber mein ehemalige Teamkollege Fynn Wiebe und einige andere haben schon nachgefragt.“
Einfaches Essen – einfache Tore
Übrigens hält es von Hermanni mit dem Kochen so wie mit dem Tore werfen. Von einem Linksaußen wie ihm werden einfache, schnelle Tore erwartet – etwa bei Tempogegenstößen. Da liefert er fast immer. Und am Herd soll es ebenfalls einfach und schnell gehen. „Schmecken muss es natürlich auch.“
Szenenwechsel ins Le Garcon am Marktplatz. In das Café geht Lothar von Hermanni gern. Vor Corona oft mit aktuellen und früheren Mannschaftskollegen wie Maurice Lungela (heute TuS Vinnhorst), Robin John (Trainer HSV Hannover) oder Niko Tzoufras (HC Eintracht). Draußen ist es ungemütlich: kalt, nass und windig. Von Hermanni bestellt einen Kakao: „Was Warmes tut jetzt gut.“
Publikumsliebling, ewiger Eintracht-Linksaußen, Hildesheimer Urgestein, Mister Zuverlässig, vorbildlicher Kämpfer – nur einige Schlagwörter, mit denen Lothar von Hermanni von Fans und Medien bedacht wurde. Alle passen, vor allem aber das über seine kämpferische Einstellung. „Du kannst Lothar nachts um drei wecken und ihn fragen, ob er Lust auf Handball hat, und der steht sofort auf. Lothar hat immer Bock“, sagt sein Teamkollege Lukas Schieb über ihn.
Ich habe das Glück, dass ich den Sport nach wie vor liebe und gern trainiere. Und ich verdiene obendrein Geld damit.
„Stimmt schon“, bestätigt von Hermanni. „Ich habe das Glück, dass ich den Sport nach wie vor liebe und gern trainiere. Und ich verdiene obendrein Geld damit.“
Keine Reichtümer. Aber er konnte so zum Beispiel sein Studium finanzieren. „Ich musste mir da nie Sorgen machen.“ Von Hermanni hat den Bachelor in Sport und Wirtschaft in der Tasche, vorher absolvierte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann, und davor hatte er wiederum sein Abitur im Handball-Internat in Elze gemacht (CJD Christophorusschule).
Was viele vielleicht nicht mehr wissen: Von Hermanni ist nicht immer Linksaußen gewesen. In der A- und B-Jugend war er Spielmacher der Eintracht – ein richtig guter. Aber seine Größe stand einer weiteren Karriere in der Rückraum-Mitte im Weg. Mit knapp 1,80 Meter ist er zu klein. „Da kannst du machen, was du willst, und noch so viel von Handball verstehen und gut spielen: Du brauchst auf dieser Position eine gewisse Körperlichkeit. Die fehlt Lothar. Schade“, meinte früher sein einstiger Trainer und Ex-Eintracht-Manager Gerald Oberbeck.
Oberbeck setzte später im Herren-Bereich trotzdem auf den schnellen von Hermanni. „Gerald sagte mir, ich soll umschulen auf Linksaußen. Dann wäre ich bei Eintracht in der Bundesliga dabei“, erinnert sich von Hermanni. Wie immer machte er das gewissenhaft. Und mit guter Laune. Allerdings: Wenn er verloren oder – noch schlimmer – selbst schlecht gespielt hat, geht seine Stimmung in den Keller. „Das kann schon mal ein, zwei Tage andauern.“
Ein Dingelber Junge
Während er im Le Garcon von früher erzählt, verrührt er langsam die Sahne im Kakao. Von Hermanni spricht pointiert, aber auch bedächtig – und freilich viel über Handball. Eigentlich schaue er sich selbst gar nicht so viele Partien an und lese auch nicht ständig Spielauswertungen („Unser Co-Trainer Chris Meiser ist da viel verrückter. Der guckt und liest alles!“). Aber von Hermanni kann etliche Kader von verschiedenen Teams herunterbeten, dazu kennt er sich verdächtig gut in Torschützenlisten und Quoten-Statistiken aus. Es ist halt sein Sport.
Geboren wurde er in Dingelbe. Dort liegt der Hof der Familie. Seine Schwester Judith führt heute die Landwirtschaft. Und wer in Dingelbe groß wird, spielt Handball – neben Söhre ist es das zweite Handball-Dorf im Kreis. Von Hermanni lacht: „Es gibt in Dingelbe keinen Fußballverein. Es gibt Handball.“ Trotzdem kickte er eine Weile. In Nettlingen. Bis zur Kommunion. „Meine Mutter Carola meinte damals: Schule und Kommunionsunterricht stehen an erster Stelle, da bleibt für beides – also Handball und Fußball – keine Zeit. Du musst dich entscheiden!“, erinnert sich der 29-Jährige. Er entschied sich, wie es sich für einen echten Dingelber gehört: für Handball.
Mit Hildesheim in die 1. Liga
In der C-Jugend wechselte er zur Eintracht. Und natürlich lebte er als Teen den Traum von der Bundesliga, spätestens, nachdem er im Elzer Handball-Internat zur Schule ging. Und von Hermanni hat es geschafft. Er spielte in der 1. und der 2. Liga für die Hildesheimer – und jetzt in Liga drei.
Noch als Erwachsener sammelte der Linksaußen von allen Partien, bei denen er mitmischte, die Hallenhefte. Wie ein Fan. Das zeigt, dass Handball und Eintracht für ihn immer eine große Sache waren – und noch sind. „Seit ein paar Jahren mache ich das nicht mehr. Man weiß nicht mehr, wohin mit den ganzen Heften.“
Seine heimliche Liebe
Seine große Handball-Liebe war die Eintracht, seine heimliche die SG Börde, zu der auch die Handballer des TV Eiche Dingelbe gehören. Seinem Heimatverein. „Ich habe mit Hildesheim in fast allen Ligen gespielt.“ Erst war er mit der zweiten Mannschaft von ganz unten bis in die Verbandsliga aufgestiegen, später lief von Hermanni mit den Profis in den ersten drei Ligen auf. Nur eine Klasse fehlt ihm noch: die Oberliga. „Das mache ich dann zum Karriereende hin mit der SG Börde“, sagt er und grinst verschmitzt.
Aber vorher will er mit dem HC Eintracht zurück in die 2. Bundesliga – das ist das erklärte Ziel des Klubs in dieser Saison. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Zwei weitere Jahre würde er auf jeden Fall noch gern dranhängen in Hildesheim. „Ich bin fit, und mir tun nach den Spielen die Knochen nicht allzu weh“, sagt er. Und verletzt ist von Hermanni sowieso fast nie.
„Lothar ist schon vorbildlich. Wie der sich reinhängt, und ich kann mich immer auf ihn verlassen. So einen braucht man im Team“, meint Jürgen Bätjer, aktuell Trainer des HC Eintracht.
An die Zeit nach dem Handball denkt von Hermanni längst. Mittlerweile arbeitet er halbtags als Projektmanager bei der ProLicht Werbung GmbH. Dort hatte er vor Jahren auch schon die Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert.
Von Oldenburg nach Hildesheim
Seine Verlobte Leona Pott ist Grundschullehrerin. Sie hat ebenfalls bei Eintracht Handball gespielt. Mit dem Frauenteam in der 3. Liga und der Oberliga. Weil von Hermanni „nur“ halbtags arbeitet, ist er meist früher zuhause als Leona und übernimmt das Kochen. „Ich mache das auch ganz gern.“
Leona Pott kommt aus der Nähe Oldenburgs. Sie zog wegen des Studiums nach Hildesheim. Über die Feiertage waren sie und von Hermanni bei ihren Eltern. Ob er sich vollstellen könne, in den Norden Niedersachsens zu gehen? „Nein, wir bleiben hier“, so der Linksaußen.
So eine Identifikationsfigur wie Lothar lässt man nicht einfach ziehen.
Er ist auf dem Dorf aufgewachsen. Das prägt. „Dauerhaft möchte ich nicht in einer großen Stadt leben. Zu viel Trubel.“ In ein paar Jahren soll ein neues Baugebiet in Schellerten ausgewiesen werden. Von Hermanni: „Da schauen wir uns dann mal um.“ Zurück aufs Land.
In den ganzen Jahren bei Eintracht ging von Hermanni nur ein einziges Mal fremd. 2018 spielte er für eine halbe Saison in Northeim. „Ich wollte mal was anderes sehen. Das tat mir gut.“ Sein damaliger Trainer und Manager Gerald Oberbeck nahm ihm das Versprechen ab, dass er nach sechs Monaten zurückkehrt. Sonst hätte Oberbeck dem Kurzeit-Wechsel nicht zugestimmt: „So eine Identifikationsfigur wie Lothar lässt man nicht einfach ziehen.“



