Football

Dicke Überraschung: Aufsteiger Hildesheim Invaders schlägt Schwäbisch Hall und steht im Meisterschafts-Halbfinale

Schwäbisch Hall - Hildesheims Football-Erstligist gewinnt bei den favorisierten Baden-Württembergern. Der Aufsteiger feiert jetzt schon die erfolgreichste Saison aller Zeiten: „Jetzt sind wir alle ziemlich baff.“ (Mit Kommentar)

Halbfinale erreicht: Riesenfreude bei den Hildesheim Invaders nach dem Erfolg. Foto: Manfred Löffler

Schwäbisch Hall - Nur noch 41 Sekunden waren zu spielen – und gerade hatte Football-Erstligist Hildesheim Invaders im Playoff-Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft bei den favorisierten Schwäbisch Hall Unicorns nach einem Touchdown sowie einer Two-Point-Conversion (jeweils durch Pieter Solf) die 31:28-Führung erzielt. Die galt es nun, bis zum Schluss zu verteidigen.

Die Defense-Abteilung der Invaders biss auf die Zähne, die rund 150 mitgereisten Hildesheimer Fans trieben von der Tribüne aus ihr Team nach vorn, und Headcoach Marcus Herford tobte am Spielfeldrand. Herford tat das nicht, weil er sauer war – im Gegenteil: Er feierte jede gelungene Abwehraktion seiner Leute. Diese heftige Gegenwehr sorgte auch dafür, dass Schwäbisch Hall in den letzten Sekunden nur schrittweise vorankam. Und die Uhr lief immer weiter herunter.

Bärenstarker Matti Probst

Nach einem weiteren misslungenen Pass des Unicorns-Quarterbacks Conor Miller lagen sich die Hildesheimer bereits siegestrunken in den Armen, doch noch war eine Sekunde zu spielen. Die Schwäbisch Haller versuchten es mit einem Field Goal fast von der Mittellinie aus. So ein Field-Goal hätte drei Punkte und den Ausgleich für sie bringen können, aber deren Kicker Tim Stadelmayr verfehlte das Tor. Schluss, Ende, Aus – es blieb beim 31:28 für die Invaders, die damit als Erstliga-Aufsteiger überraschend ins DM-Halbfinale einziehen.

Mehrfach hatte sich der Wind in dieser Partie gedreht. Zunächst dominierten die Hildesheimer, dann legte der fünffache Deutsche Meister Schwäbisch Hall eine Schippe drauf und führte bereits mit 28:16. Es roch nach einer Vorentscheidung, aber die Invaders hatten noch ein paar Pfeile im Köcher. Und einen bärenstarken Matti Probst in ihren Reihen, der zwei Touchdowns erzielte sowie obendrein im Special-Team glänzte.

„Halbfinale! Das ist unsere erfolgreichste Saison aller Zeiten“, sagte Johannes Krupp, zweiter Vorsitzender der Invaders. „Wir wussten vorher, dass wir gegen die Unicorns nicht ganz chancenlos sind. Aber dass wir das da tatsächlich gewinnen – jetzt sind wir alle ziemlich baff.“ Im Halbfinale müssen die Hildesheimer nun bei den Dresden Monarchs ran.

Das geht in die Hose

Der Start des Spiels im Optima-Sportpark bei den Hallern (wie sich die Menschen aus Schwäbisch Hall selbst nennen) hatte zunächst für die Invaders wenig Gutes erahnen lassen. Die Spieleröffnung ging ziemlich in die Hose: Jonata Loria verlor nämlich sofort den Ball. Aber die Hildesheimer konterten. Sie provozierten beim Gegner postwendend einen Turnover, als der Finne Jaakko Paananen dem Unicorns-Quarterback Conor Miller das Ei abluchste. Miller hatte wahrlich nicht seinen besten Tag erwischt.

Also wechselte das Angriffsrecht zurück zu den Invaders. Und die nutzten ihre Chance durch Allrounder Matti Probst – Touchdown zur 6:0-Führung für den Außenseiter. Nach einem weiteren Fehler der Baden-Württemberger hatten die Niedersachsen die Chance, von der 13-Yards Line aus zu erhöhen. Sie brachten den Ball aber nicht über die Linie und entschieden sich für einen Field-Goal-Versuch. Der saß: Kicker und Punter Jonata Loria besorgte die drei Punkte – 9:0 für die Invaders. Dabei blieb es im ersten Viertel. Bis hierher sprach auch die Statistik Bände. Hildesheim verbuchte 67 gewonnene Yards, der Gegner lediglich sieben.

Hildesheims Meter-Fresser

Nach wie vor stand die Abwehr der Gäste sicher, mal störte unter anderem Defensive Back Christian Klötergens, mal Defensive End David Lemke. Aber dann passierte es doch: Unicorns-Wide-Receiver Tamsir Seck hatte sich in die Endzone geschlichen und wurde von Quarterback Miller bedient. Auch der Extrapunkt saß, die Haller verkürzten auf 7:9.

Es folgte der Auftritt des Hildesheimer Runningbacks Rayshon Mills. Nach einem kurzen Anspiel seines Quarterback Nelson Hughes legte Mills einen Lauf über zwei Drittel des Feldes hin: Touchdown zum 15:7, und nach dem Extrapunkt (von Jonata Loria) lagen die Invaders sogar mit 16:7 vorn. Es roch nach einer Überraschung.

Aber nicht lange. Im Gegenzug hatten die Haller nämlich ziemlich viel Angriffs-Dusel: Lucas Schäfer hatte eigentlich eine Fumble vor der Endzone fabriziert, und der Ball war über die Linie gehoppelt, aber Unicorns Wide Receiver Joson-Matthew Sharsh sicherte das Ei noch so eben mit beiden Händen. Durch den glücklichen Touchdown verkürzten die Schwäbisch Haller auf 13:16, die obendrein kurz darauf die Invaders narrten. Sie täuschten einen Kick an, entschieden sich aber für eine Two-Point-Conversion, die Julius Hoffmann zum 15:16 vollendete. Die Gastgeber waren wieder dran.

Noch vor der Halbzeit übernahmen sie erstmals die Führung. Nachdem die Hildesheimer den Ball in der Offensive verbaselt hatten, erzielte Tight End Jan-Philipp Sonntag durch Touchdown und Kicker Tim Stadelmayr durch Extra-Punkt das 21:16 für die Unicorns. Mehr noch: Gleich nach der Pause erhöhte der Favorit durch Wide Receiver Tamsir Seck auf 28:16. Der anschließende Two-Point-Conversion-Versuch missglückte aber.

Quarterback zeigt Nerven

Jetzt waren die Invaders richtig unter Druck, sie mussten punkten, um irgendwie den Anschluss zu halten. Aber Quarterback Hughes zeigte Nerven, als ihm ein Fumble (Ballverlust) unterlief. Ihrerseits verpassten es die Unicorns im Gegenzug, den Deckel drauf zu machen.

Die Hildesheimer bissen auf die Zähne, Matti Probst sorgte gegen Ende des dritten Viertels für den Touchdown zum 22:28, und Kicker Jonata Loria legte zum 23:28 nach. Ging da etwa noch etwas?

Hildesheimer Jubel-Arie

Um es kurz zu machen: Ja! Denn Philipp Dolezal fing einen Pass des Gegners ab – Interception und Ballgewinn für die Invaders, die nun das Angriffsrecht hatten. Es folgte der Auftritt des Wide Receivers Pieter Solf, der durch eingangs erwähnten Touchdown nebst einer Two-Point-Conversion die Angelegenheit erneut drehte und seine Leute mit 31:28 in Front brachte. Dann durfte gejubelt werden.

„Was für ein hart umkämpftes Spiel. Im zweiten Viertel sind wir etwas ins Stocken geraten, hielten aber nach der Pause zusammen“, sagte Jacob Adelman, Defense-Coordinator der Invaders. „Unsere Verteidigung verhinderte den letzten Spielzug des Gegners. Es war ein irrer Teamsieg.“


Kommentar: Lange Gesichter bei den Schwäbisch Hallern

Beim Public Viewing in Emmerke ist kaum etwas los gewesen – nicht einmal 30 Zuschauer verloren sich in den Räumen der Firma audio coop. Vielleicht war das Wetter am Samstag zu schön, vielleicht war den Leuten auch der Eintritt zu teuer – oder aber die Menschen trauten den Invaders-Footballern im Playoff-Viertelfinale beim fünffachen Deutschen Meister Schwäbisch Hall Unicorns die Überraschung schlicht nicht zu.

Übrigens haben im Vergleich dazu wesentlich mehr Hildesheimer die rund 450 Kilometer weite Reise gen Süden angetreten, um live vor Ort dabei zu sein. 150 Invaders-Anhänger unterstützten ihre Mannschaft im Optima-Sportpark. Sie seien in Schwäbisch Hall zunächst von den einheimischen Fans eher milde belächelt worden, sagte einer der Auswärtsfahrer – getreu dem Motto: Mehr als Erfahrung könnt ihr hier sowieso nicht sammeln.

Taktisch und kämpferisch stark

Weit gefehlt. Das Team von Invaders-Headcoach Marcus Herford zeigte eine ganz starke taktische und vor allem auch kämpferische Leistung. Das sorgte dafür, dass die Unicorns am Ende mit ziemlich langen Gesichtern dastanden.

Jetzt geht es im Halbfinale zu den Dresden Monarchs. Auch da ist Aufsteiger Hildesheim der Außenseiter – milde belächelt wird er jetzt aber wahrscheinlich nicht mehr.

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