Upstedt - Fozzy ist der Kluge, der Herdenchef, der alles im Blick hat. Joschi lässt es ruhig angehen, er ist der verfressene, gemütliche Typ. Muss es schnell gehen, ist man bei ihm an der falschen Adresse. Lanudo, der Hellbraune da drüben, das ist der Clown der Bande, sehr verspielt. Carlos ist besonders lieb zu Kindern, er ist aufmerksam und versucht immer, auf alle aufzupassen. Und Emil, Emilio, der ist ein kleiner Draufgänger. Und dann ist da noch Felix, der Weiße, das Nesthäkchen. Ein bisschen schüchtern noch, aber verspielt und guter Dinge. „Er ist unser Ausbrecherkönig“, sagt Iris Schrader und lacht.
Sie und ihr Mann Ralf sind mit sieben Alpakas in Upstedt zuhause – und vielleicht die meistbeneideten Tierhalter des Ortes. Um fast jeden ist es geschehen, sobald er ein Alpaka näher betrachtet: Mit ihren teddyhaften Gesichtern, den großen dunklen Augen und ihrem wuscheligen Fell sind die Tiere unwiderstehlich süß. „Jaja, fehlt nur noch der Knopf im Ohr“, brummt Ralf Schrader, während er die Alpakas füttert – anspielend auf die berühmten Kuscheltiere von Steiff, deren Markenzeichen jener Knopf ist.
Empfindlich beim Futter
Klar, niemand kann sich aussuchen, wie niedlich oder unniedlich er zur Welt kommt. Doch Alpakas haben so viel Bezauberndes in den Genen, dass es ihnen unter Menschen auch zum Verhängnis werden kann, erzählt Iris Schrader. „Sie sind zum Beispiel sehr empfindlich, was das Futter betrifft. Während Obst für die meisten anderen Tiere eine Leckerei ist, können Alpakas daran sterben.“ Wie auch an so ziemlich jedem anderen Fressen außer ihrem eigenen, Heu und Mineralfutter. Das Dumme nur: Je niedlicher ein Tier, umso eher neigen Leute dazu, es verwöhnen zu wollen.
Und so leben die Alpakas im Ambergau hinter dem großen Bauernhaus der Schraders auf einer noch größeren Wiese, genau genommen auf zwei Wiesen, die von Nachbargrundstücken gesäumt sind. Kein öffentlicher Weg führt an den Gehegen vorbei, kein Spaziergänger kann vorbeischlendern, über den Zaun blicken und staunen: Huch, da stehen ja sieben Alpakas!
Vor neun brauche ich mich nicht blicken zu lassen, da ist noch alles ruhig hier draußen.
Oft stehen sie auch gar nicht, sagt Iris Schrader, morgens zum Beispiel findet man sie oft liegend über die ganze Wiese verstreut, wo sie schlafen. „Und sie schlafen ziemlich lange“, sagt die 53-Jährige, „vor neun brauche ich mich nicht blicken zu lassen, da ist noch alles ruhig hier draußen.“ Die Alpakas, die aus den südamerikanischen Anden stammen und zu den Kamelen zählen, lassen es ruhig angehen.
Stress bemerken die Tiere
Damit sind sie im Hause Schrader in bester Gesellschaft. Das Paar wirkt ganz und gar unaufgeregt beim Füttern der Tiere. Zu Iris Schrader, die wegen einer Verletzung des Sprunggelenks gerade an Krücken gehen muss, kommen sie an den Zaun. Sie streichelt Felix, der ihr den Kopf hinstreckt, unterm Kinn. Stress in Gegenwart eines Alpakas: irgendwie undenkbar. „Wenn jemand hektisch ist oder unter Druck steht, registrieren die Tiere das sofort“, sagt Ralf Schrader. Das merken er und seine Frau immer dann deutlich, wenn sie Alpaka-Spaziergänge anbieten. „Zu manchen Menschen haben die Tiere sofort einen Draht, bei anderen ist es schwieriger.“
Etwa anderthalb Stunden machen sich die Schraders mit ihren Alpakas und den Gästen nach vorheriger Buchung auf den Weg. Hoch in Richtung Wald, durch die Felder. „Aber nur einen Spaziergang am Tag“, sagt Iris Schrader, „alles andere wäre den Tieren zu viel.“ Zu viel Neues, zu viel Fremdes, zu viele Stimmen, Eindrücke, Gerüche.
Die kommen von selbst, wenn sie es wollen
Was sie auch nicht mögen: Wenn man auf sie zugeht und direkt mit ihnen kuscheln will, sie auf den Kopf oder an die Ohren fasst, sie vereinnahmt. „Die kommen von selbst, wenn sie es wollen“, sagt Schrader. Sie sind eigen, auch in dieser Beziehung, und nicht halb so teddybärenhaft, wie sie aussehen. Aber wenn es ihnen gut geht, kann man es manchmal hören: Alpakas summen dann. Nicht unbedingt melodiös. Eher summen sie, wie Katzen schnurren.
Zu enger Kontakt zu Menschen kann auch gefährlich werden
Haben sie aber als Jungtiere zu engen Kontakt zu Menschen, zum Beispiel durch die Aufzucht mit der Flasche, kann das sogar richtig gefährlich werden. Das Berserker-Syndrom, ein krankhaft aggressives Verhalten, ist die Folge. Das Jungtier wird so stark auf seine menschlichen Besitzer geprägt, dass es sie für Artgenossen hält. Klingt auch lustiger, als es ist: Das Alpaka kann Menschen nicht mehr von anderen Alpakas unterscheiden und versucht, Dominanz zu zeigen. Es gab schon Tiere, die haben sich von hinten an ihre Besitzer herangeschlichen und sie angegriffen. Man glaubt ja gar nicht, was alles passieren kann.
Aber warum haben sie sich dann trotzdem für Alpakas entschieden? Warum nicht für Ziegen, Schafe, Schweine, Pferde? „Wir hatten ja vorher Kamerunschafe“, sagt Iris Schrader. Aber als die alt wurden, so richtig alt, da war eben die Frage, ob sie den Bestand verjüngen und weiterführen – oder nicht. „Und in diesem Moment habe ich im Fernsehen einen Beitrag über Alpakas gesehen“, sagt Iris Schrader, „und da habe ich angefangen, sehr viel über die Tiere und ihre Haltung zu lesen.“ So 2013 muss das gewesen sein. Schließlich überredete sie ihren Mann, zu einem Züchter zu fahren und sich die Alpakas nur mal anzusehen, wirklich nur mal gucken, ach bitte! Das machte er dann auch, nur mal gucken, und das war’s dann. Zack, verliebt.
Am Anfang waren es zwei Tiere
Zwei Tiere hatten sie am Anfang. Zwei, weil Alpakas nicht allein sein dürfen. Sie hatten eine Wiese, die groß genug war, und sie hatten verständnisvolle Nachbarn. „Die Tiere können nachts richtig laut werden“, sagt Ralf Schrader, „deshalb muss man das mit seinem Umfeld abklären.“ Der passionierte Schrauber, der manchmal mit einem Hanomag Traktor aus dem Jahr 1954 auf die Felder fährt, baute nun in Eigenregie einen offenen Stall.
Aber das war noch nicht alles, was sie brauchten. Heute sind Alpakas in Deutschland keine Seltenheit mehr, es gibt etwa 30.000 Tiere hier, aber such dir mal im Jahr 2014 einen Tierarzt, der was von Alpakas versteht! Außerdem müssen die Tiere jedes Frühjahr geschoren werden. „Da hatten wir anfangs einen Scherer aus Amerika“, erinnert sich Iris Schrader. „Adam. Der kam jedes Jahr nach Europa und schor in mehreren Ländern.“ Im Akkord quasi. Das geht bei Alpakas nicht so leicht wie bei Schafen, denn, wer hätte das gedacht, auch beim Scheren sind sie weitaus sensibler als andere Tiere.
Alpakas nehmen das Scheren ziemlich übel
Jetzt haben sie einen deutschen Scherer. „Wichtig ist, dass wir das nie selbst machen“, sagt Ralf Schrader. „Auch nicht, wenn wir es könnten. Alpakas nehmen das Scheren ziemlich übel.“ Wenn sie schon wütend sein müssen, dann lieber auf Adam oder jemand anderen, der erst in einem Jahr wiederkommt.
Aus dem Fell werden Bettdecken und Kissen
Aus ihrem langen Fell werden Bettdecken und Kissen, aus den kurzen Haaren Seifen. „Die sind wunderbar rückfettend“, sagt Iris Schrader, die Alpaka-Produkte auch verkauft. Das Einzige, was sie von Kundinnen verlangt: Die Seife nicht nur in den Schrank legen – benutzen!
Die Schraders haben einen Sohn und eine Tochter, beide sind erwachsen. „Unsere Tochter sagt immer, sie hat acht Brüder, einen gewöhnlichen und sieben mit Fell.“ Sagt die Mutter und lacht. Wenn die Eltern mal in den Urlaub wollen, hüten die Kinder die Tiere. In fremde Hände würden sie sie nie geben. „Das muss man sich vorher überlegen“, sagt Iris Schrader. „Alpakas werden gut 20 Jahre alt, so lange muss man für sie dasein.“
Sie sind wahnsinnig gern für ihre Alpakas da, für Felix, Emil, Carlos, Lanudo, Fozzy, Joschi und JB. An manchen Abenden sitzen Ralf Schrader und seine Frau im Gehege, an einem grob geschnitzten Holztisch inmitten der Alpakas, essen und trinken und lassen es dunkel werden. „Man kann sie stundenlang beobachten“, sagt Iris Schrader, „das wird nie langweilig.“
Bald werden diese Abende kommen, jetzt ist es dafür noch zu kalt. Die Tiere sind satt, die Schraders gehen ins Haus. Später legen sich alle hin, und dann kommt die Zeit, da hört man die Alpakas auf ihrer Wiese im Dunkeln summen. Das ist so ihre Art, wenn sie einander sagen wollen, dass es ihnen richtig gutgeht.



