Hildesheim - Ein beherzter Händedruck zur Begrüßung, dann marschiert Anne Arzbach auf dem Sportplatz Marienburger Höhe vorweg – die Anlage ist das Zuhause der Frauen des PSV Grün-Weiß Hildesheim. Arzbach spricht dabei fast so schnell, wie sie geht. Die Frau hat Energie. In der Garage unterhalb der Vereinsgaststätte „Zur Abseitsfalle“ werden die Geräte aufbewahrt: Hütchen und Stangen, Pylonen und Eckfahnen. Arzbach wuchtet einen Sack mit Fußbällen aus dem Regal.
Schnell landet das Gespräch bei einem für sie wichtigen Thema: Ihren Wechsel auf die andere Seite – von der langjährigen Angreiferin der Oberliga-Frauen des PSV hin zur Trainerin des Teams. Für Anne Arzbach keine leichte Entscheidung. Aber ihr Entschluss steht. Nachdem klar gewesen ist, dass Hartmut Hagemann die Hildesheimerinnen verlässt, hat sie die Mannschaft gemeinsam mit Lutz Kreter übernommen. Ein mutiger Schritt, für den es verschiedene Gründe gibt.
Ich vertraue dem Knie nicht mehr zu 100 Prozent
Noch vor ein paar Wochen ist Arzbach Spielerin gewesen, also eine von vielen. Nun muss sie mit Lutz Kreter Entscheidungen für diejenigen treffen, mit denen sie noch bis vor der Sommerpause zusammen gekickt hat. „Wen stellen wir auf? Wer bleibt draußen? Welche Taktik geben wir vor? Alles Dinge, über die man sich als Spielerin weniger Gedanken macht“, sagt Arzbach.
Sie ist gerade 28, könnte vom Alter und der Fitness her noch locker eine Weile als Stürmerin in der Oberliga mitmischen. Wenn da nicht diese schwere Verletzung gewesen wäre. Passiert ist es im August 2018 während der Partie gegen den TSV Bemerode. Diagnose: Kreuzbandriss. Es folgt Operation, Reha und sich wieder zurück ins PSV-Team kämpfen. „Don’t give up – Keep Fighting“, hat sich Arzbach auf ihren linken Knöchel tätowieren lassen.
Im Oktober 2019 steht Arzbach wieder auf dem Platz. Dann kommt Corona und der Lockdown. In der Serie 2021/22 geht es weiter. Aber immer spielt sich bei ihr dieses Kopf-Kino ab, die Sorge, dass das Knie nicht mehr hält, dass sie sich wieder verletzt. „Ich weiß, dass das Gelenk in Ordnung ist, die Stabilität da ist, aber ... Ja, es ist zu 80 Prozent Kopfsache.“
Wieder das Knie verdreht
2021 in der Partie gegen den FFC Renshausen schlägt Anne Arzbach eine Flanke, dabei verdreht sie sich das Knie. Sofort wabern wieder diese Gedanken hoch. „Kreuzbandriss? Nach dem Spiel habe ich mich entschlossen, kürzer zu treten. Ich vertraue dem Knie nicht mehr zu 100 Prozent“, so Arzbach. Sie will sich nicht noch einmal so schwer verletzen.
Sie weiß, wovon sie spricht. Denn schon von Berufswegen kennt sich die Frau mit dem menschlichen Körper aus: Sie ist Physiotherapeutin, hat in Praxen in Gronau und Elze gearbeitet. Ab September tritt sie eine Stelle im Helios Klinikum an. Dort wird sich Arzbach insbesondere um Sportler und deren Blessuren kümmern. Alle hochklassigen Teams aus der Region kooperieren mittlerweile mit Helios zusammen, ob nun die Volleyballer der Grizzlys Giesen oder die Fußballer des VfV 06, die Invaders-Footballer oder die Handballer des HC Eintracht. „Verletzte Leistungssportler zu betreuen, ist schon ein Traumjob“, findet Arzbach.
Wir waren uns alle schnell einig
Ihr Leben fühlt sich gerade ein bisschen an, als wäre eine Neustart-Taste gedrückt worden: die neue Stelle, dazu die Wandlung von der Spielerin zum Coach. Demnächst will sie ihre Trainer-Lizenz machen.
Vor der Sommerpause haben Anne Arzbach und Lutz Kreter mit dem Team gesprochen. Ob sich alle vorstellen können, mit den beiden als Trainer-Duo zusammenzuarbeiten. Es ist nicht üblich, dass eine Spielerin oder ein Spieler so nahtlos auf die andere Seite wechselt. Aber Ressentiments gibt es keine. Arzbach: „Wir waren uns alle schnell einig.“
Die vergangene Saison (2021/22) hat sie trotz der Sorge ums Knie auf dem Platz noch durchgezogen. Unter dem damaligen Trainer Hagemann spielt sie zwar nicht mehr die kompletten 90 Minuten. Sie wird eingewechselt, wenn ihre Power gebraucht wird. „Ich hatte eine Art Joker-Rolle.“
Wie Ende März gegen Hannover 96: Hagemann bringt Arzbach erst nach der Pause, und sie hängt sich voll rein. Durch einen satten 17-Meter-Schuss erzielt die Offensiv-Frau das 2:0 für Hildesheim. „Das ist Anne, so ist Anne ...“, sagt Hagemann damals nach Abpfiff anerkennend.
Anne war eine Spielerin, die sich jeder Coach wünscht
Auch Ralph-Uwe Schaffert, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes, hält große Stücke auf Arzbach. Der Hildesheimer ist früher jahrelang Cheftrainer der PSV-Frauen gewesen. „Anne war eine Spielerin, die sich jeder Coach wünscht. Sie hat immer 100 Prozent gegeben und sich in den Dienst der Mannschaft gestellt“, so Schaffert. „Trotz ihrer geringen Größe war sie ungemein Kopfball-stark. Zusammen mit ihrer extrem guten Schusstechnik war sie die ideale Strafraumspielerin.“
Ganz wird Arzbach ihre Fußballschuhe wohl nicht an den Nagel hängen. Wenn Not an der Frau ist, es beispielsweise viele Verletzungsausfälle im Kader gibt, „werde ich wohl einspringen“. Eventuell häufiger, als ihr lieb ist, denn die PSVerinnen müssen einige Abgänge verkraften. Aber richtig zurück auf die Spielerinnen-Seite, will sie nicht.
Anne Arzbach liebt ihren Sport. „Als ganz kleines Kind war ich eigentlich bewegungsfaul. Doch immer, wenn ein Ball ins Spiel kam, bin ich gerannt“, erzählt sie grinsend. Bevor sie im heimischen Garten noch mehr Vasen und Blumen kaputt schießt, melden die Eltern Angelika und Hans-Hermann Arzbach ihre Tochter lieber im Verein an – mit sechs Jahren kommt Anne zur JSG Sibbesse/Eberholzen/Westfeld. Sie ist gut, spielt bei den Jungs. 2008 folgt der Wechsel zum PSV Grün-Weiß. Im Kreis Hildesheim ist das der Verein für den Damen-Fußball.
Sie liebt ihren Sport
Bei den Frauen gibt es kein Geld, nicht einmal eine Aufwandsentschädigung. „Wir spielen wirklich aus Liebe zum Fußball.“ Das ist der eine Grund, warum Arzbach immer dabei geblieben ist und sich ein Leben ohne ihren Sport nicht vorstellen kann. Dazu kommt der soziale Aspekt: „Im Team gibt es wirklich einen echten Zusammenhalt, das sind Freundschaften.“
Da ist es logisch, dabeizubleiben. Wenn nicht als Spielerin, dann als Trainerin. Auch das mit voller Energie – und davon hat sie viel. Arzbach coacht nicht nur die Frauen, sondern gemeinsam mit Janine Budde auch die C-Juniorinnen des PSV Grün-Weiß. Das bedeutet wöchentlich insgesamt vier Trainingseinheiten, dazu kommen die Punktspiele. Das alles neben der Arbeit. Anne Arzbach ist solo. „Für eine Beziehung bleibt wenig Zeit.“
Sie schaut auf die Uhr. Gleich kommen die C-Juniorinnen zum Training. Anne Arzbach hat noch einiges vorzubereiten. Sie marschiert in die Geräte-Garage. Wie immer mit flottem Schritt.
Am Sonntag startet die Liga
Am Sonntag empfangen die PSV-Frauen zum 1. Spieltag der Saison den SV Wendessen. Anpfiff auf der Marienburger Höhe ist um 11 Uhr.




