Das Handball-Derby-Drama in der Volksbank-Arena

Die Sportfreunde Söhre im Glückstaumel: Wie der große Außenseiter das Ding gegen Spitzenreiter Eintracht Hildesheim noch drehte

Hildesheim/Söhre - Mit seinem verwandelten Siebenmeter zum 30:30 in letzter Sekunde gegen Eintracht Hildesheim löste Söhres Handballer Artjom Antonevitch bei Mitspielern und Fans einen kollektiven Glückstaumel aus.

Hildesheim/Söhre - Am Ende lag alle Last auf den Schultern von Artjom Antonevitch. Drei Siebenmeter hatte der Shooter der Sportfreunde Söhre schon verwandelt im Drittliga-Handball-Derby gegen Eintracht Hildesheim. Drei Sekunden vor Spielende gab es einen weiteren und letzten Strafwurf für die Sportfreunde. Sein Team lag mit 29:30 zurück.

Artjom Antonevitch behält die Nerven

Würde Antonevitch die Nerven behalten? Würde er die grandiose Aufholjagd des Außenseiters mit dem Ausgleichstreffer krönen? Im Söhrer Fanblock, wo es trotz hoher Rückstände während des gesamten Derbys sehr laut war, wurde es auf einmal still. Einige Anhänger drückten angespannt die Daumen, andere kauten nervös an den Fingernägeln – und nicht wenige drehten sich um und wollten sich den Schlussakt dieses Handball-Dramas gar nicht mitansehen.

Es war die Ruhe vor dem Sturm: Antonevitch blieb cool, täuschte kurz an und bugsierte den Ball an Eintracht-Torwart Leon Krka vorbei ins Netz. Spätestens jetzt wurde die Volksbank-Arena zum Tollhaus – kollektives Ausrasten zumindest auf jener Seite, auf der sich die mehr als 1200 Sportfreunde-Fans unter den insgesamt 2215 Zuschauern versammelt hatten. Dann wurde das Spielfeld gestürmt. Spieler, Betreuer und Fans sangen, hüften und tanzten – Söhrer Karneval in der Volksbank-Arena!

Das tut weh

Eintracht-Spieler Philipp Wäger

Dagegen wirkten die Einträchtler konsterniert. Ausgerechnet im Derby musste der Spitzenreiter, der bis dato mit 34:0 Punkten durch die 3. Liga Nord-West marschiert war, den ersten Punktverlust hinnehmen. „Das tut weh“, gab HCE-Rückraumer Philipp Wäger zu. „Wir haben es leichtfertig aus der Hand gegeben“, meinte sein Kollege René Gruszka.

Eine richtige Erklärung, wie und warum man einen satten Neun-Tore-Vorsprung (23:14) in den letzten 20 Minuten noch verspielen konnte, hatte auch Eintracht-Trainer Daniel Deutsch nicht: Die Umstellung der Söhrer auf den siebten Feldspieler habe seine Mannschaft aus dem Konzept gebracht. Aber darf sich ein Spitzenteam so überrumpeln lassen?

Daniel Deutsch hatte eine Vorahnung

Deutsch hatte wohl eine gewisse Vorahnung: „Man weiß nie, wie so ein Derby verläuft“, hatte er im Vorfeld des Spiels gesagt. 40 Minuten lang verlief alles nach seinen Vorstellungen. Seine Mannschaft dominierte, stand hinten sicher und agierte im Angriff kaltschnäuziger als die Söhrer, die jede Menge Chancen vergaben und in der Deckung ungewohnte Lücken offenbarten. Folge: Zur Pause führte der Tabellenführer mit 17:10 – und nach Lukas Quedenbaums Treffer zum 23:14 (41.) schien das Spiel gelaufen zu sein.

„Hätte mir da einer gesagt, dass wir das Ding noch drehen, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, gab selbst Sportfreunde-Keeper Pascal Kinzel nach dem Match zu. Dass die Söhrer das Ding tatsächlich drehten, lag auch und vor allem an Kinzel, der in den letzten 20 Minuten über sich hinauswuchs, eine ganze Reihe von Würfen parierte und so den Grundstein zur rasanten Aufholjagd legte.

Hätte mir da einer gesagt, dass wir das Ding noch drehen, hätte ich ihn für verrückt erklärt

Söhres Keeper Pascal Kinzel zum 14:23-Rückstand

Tor um Tor kämpften sich die Söhrer heran. In der 47. Minute tankte sich Kreisläufer Norman Kordas durch und traf zum 21:24. „Da habe ich zum ersten Mal daran geglaubt, dass da vielleicht noch was geht“, erzählte Söhres Klubchef Matthias Ihmann hinterher.

Spiel entwickelt eine eigene Dynamik

Zwar lagen die Einträchtler auch nach 52 Minuten noch mit drei Toren vorn (27:24), aber jetzt hatte dieses Derby längst eine eigene Dynamik entwickelt. Es ging emotional zu – auf der Platte und auf den Rängen, wo die rot-weiße Wand nun vollends das Kommando übernahm. Als Kordas die Sportfreunde in der 57. Minute erstmals in Führung brachte, schien für den großen Außenseiter sogar der Sieg greifbar nahe.

Doch bei eigenem Ballbesitz verpassten die Sportfreunde die Zwei-Tore-Führung. Ein Fehlpass landete bei Matteo Ehlers, der den Ball ins leere Söhrer Tor warf. Wenig später verwandelte Gruszka einen Strafwurf zum 30:29 für Eintracht. Schon oft hatten die Hildesheimer in dieser Saison auf den letzten Drücker doch noch gewonnen. Aber diesmal setzte der Gegner den Schlusspunkt.

Diesen Ball musste ich einfach ins Tor werfen – für diese geile Truppe und unsere sagenhaften Fans

Artjom Antonevitch

„Ich konnte der Mannschaft im Spiel nicht viel helfen“, erzählte Artjom Antonevitch, der unter den Folgen eines Muskelfaserrisses litt. „Da wollte und musste ich diesen Ball einfach ins Tor werfen – für diese geile Truppe und unsere sagenhaften Fans.“ Der 31-Jährige traf und stürzte seine Mitspieler und die Anhänger in einen Taumel von Glück und Freude.

Vereinschef Ihmann konnte kaum glauben, was da gerade passiert war: „Wir liegen gegen den Spitzenreiter mit neun Toren hinten und drehen das Ding in 20 Minuten. Unglaublich!“ Abwehrchef Philipp Klein sprach sogar von „einem der größten Momente“ in seiner Handballkarriere: „Klar, auch in der vergangenen Saison haben wir hier ein Unentschieden erkämpft. Aber damals haben wir einen Sieben-Tore-Vorsprung verspielt.“ Klein betonte: „Diesmal fühlt es sich anders an, viel besser! Einen solchen Rückstand in recht kurzer Zeit aufzuholen, das ist magisch.“

Der erste Rückschlag für Eintracht

Während die Sportfreunde das Remis in der Halle wie einen Sieg feierten, gab HCE-Coach Deutsch in den Katakomben der Arena ein erstes Interview. „Für uns fühlt sich das Unentschieden wie eine Niederlage an“, gab er unumwunden zu. Etwas nachdenklich ergänzte er: „Es ist die erste Enttäuschung in der Saison. Mal schauen, was das mit den Spielern macht.“

Ein ganz besonderer Abend war es für Söhres Trainer Sven Lakenmacher. Er hört nach der Saison auf. Es war sein letztes Derby. „Dass die Mannschaft mir und den Fans dieses Spiel geschenkt hat, ist riesig“, erklärte er. Für einen rundum gelungen Abschied des langjährigen Coaches fehlt jetzt nur noch der erneute Klassenerhalt. Wer mag daran nach diesem kampfstarken Auftritt noch zweifeln?

Dass in einer Saison irgendwann der erste Rückschlag kommt, ist eigentlich klar. Aber es musste ja nicht gerade im Derby passieren

Eintrachts Philipp Wäger

Und bei Eintracht? Tauchen da nun Zweifel auf am großen Ziel – dem Aufstieg in die 2. Liga? Philipp Wäger glaubt das nicht: „Dass in einer Saison irgendwann der erste Rückschlag kommt, ist eigentlich klar.“ Dann lächelte er ein wenig gequält: „Aber es musste ja nicht gerade im Derby passieren.“

Eine Bildergalerie zum Derby gibt es hier.

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