Hildesheim - Seit Mai hat die Universität Hildesheim drei genderneutrale Toiletten – zwei auf dem Hauptcampus, eine an der Domäne Marienburg; eine weitere soll im kommenden Jahr dazukommen. Das Ganze ist eine Pilotphase, die ausloten soll, wie die Erfahrung mit Toiletten für alle Geschlechter ist, und ob es weitere bedarf. Drei genderneutrale Toiletten für mehr als 8000 Studierende – der Aktionsgruppe trans* ist das nicht genug. Sie fordern mehr und besser zugängliche Toiletten.
„Es gibt recht viele, die auf genderneutrale Toiletten angewiesen sind“, erklärt Seza Tiara Selen, Mitglied der Gruppe, die sich aus transgeschlechtlichen, nicht-binären und unterstützenden Studierenden zusammenschließt. „Transfrauen gehen häufig nicht gern auf Frauentoiletten aus Angst vor Transphobie, aber sie wollen auch nicht auf Männertoiletten gehen.“ Wenn etwa Transfrauen, also Personen, die sich mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen männlichen Geschlecht nicht identifizieren können, eine Toilette aufsuchen, müssen sie sich entscheiden: Damen- oder Herrentoilette. Und: Mit welchen möglichen Folgen? Kompliziert stellt sich der Toilettenbesuch auch für jene dar, die sich als non-binär definieren, heißt: sich weder als komplett männlich, noch komplett weiblich definieren. Eine genderneutrale Toilette, die für alle offen ist, könnte für diese Menschen Abhilfe schaffen, meint die studentische Gruppe.
Genaue Zahlen gibt es nicht
Wie viele transgeschlechtliche oder non-binäre Menschen die Uni Hildesheim besuchen, ist schwer zu sagen. Seit 2021 können Studierende neben „männlich“ oder „weiblich“ bei ihrer Anmeldung auch „divers“ auswählen – oder sich für „keine Angabe“ entscheiden. Im Sommersemester 2023 haben 42 Studierende die Optionen „divers“ beziehungsweise „keine Angabe“ gewählt. „Uns ist jedoch bewusst, dass divers auf gar keinen Fall mit Transidentität gleichzusetzen ist“, erklärt Viktoria Helene Ong von der Stabsstelle Kommunikation und Medien. Selen von der Aktionsgruppe trans* ist sich sicher, dass es viele transgeschlechtliche und non-binäre Menschen an der Bildungsstätte gibt. „Es wirkt nicht so groß, wie es ist“, sagt sie. „Viele trauen sich nicht, sich zu outen.“
Tatsächlich, das bestätigt die Uni, hat es „wiederholt von unterschiedlichen Gruppen Studierender“ die Forderung nach mehr genderneutralen Toiletten gegeben, auch im Studierendenparlament sei das Thema diskutiert worden. Die Forderung danach, ein Drittel oder gar sämtliche der Toiletten als genderneutral auszuweisen, hätte es gegeben – dafür gibt es von der Uni aber ein klares Nein. Nicht nur, weil das baurechtlichen Anforderungen widerspreche. „Unter anderem auch aus Gründen der Sensibilität und Schutz, vor allem von Frauen, ist es die Pflicht der Universität, für getrennte Toiletten in ausreichender Anzahl zu sorgen.“
Schutzräume – auch für transgeschlechtliche und non-binäre Menschen
Selen von der Aktionsgruppe pflichtet der Uni bei, dass es wichtig ist, Schutzräume für Frauen zu haben – das gelte aber genauso für Transfrauen und nicht-binäre Menschen. „Trans-Menschen sind sowieso in den meisten Situationen die gefährdeten Personen“, sagt sie. Studierende könnten weiterhin auf die ursprünglichen Toiletten gehen, auch wenn es mehr genderneutrale Toiletten gäbe – aber Trans-Menschen würden mehr genderneutrale Toiletten die Möglichkeit geben, „überhaupt aufs Klo zu gehen“.
Für die HAWK sind genderneutrale Toiletten längst ein Thema. Bereits 2018 hat sich die Hochschule mit Standorten in Hildesheim, Holzminden und Göttingen für Toiletten entschieden, auf die Studierende unabhängig vom Geschlecht gehen dürfen. „Die Initiative kam damals aus dem Gleichstellungsbüro“, sagt HAWK-Sprecherin Sabine zu Klampen. „Die HAWK hat sich seit vielen Jahren Gendergerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben und dabei immer sehr früh sichtbare Zeichen gesetzt.“ Beim Hildesheimer Standort, an dem etwa 3300 Menschen studieren, gibt es neun genderneutrale Toiletten. Beschwerden oder Kritik hat es an dem Konzept bislang nicht gegeben, wie zu Klampen sagt – weder von Studierenden noch von Beschäftigten.
Uni will im Austausch bleiben
Die trans*-Gruppe veranstaltete zuletzt Anfang Juni einen Streiktag an der Uni Hildesheim. Mit Möglichkeiten zum Austausch über Diskriminierungserfahrungen. Zudem versperrten Mitglieder einige der Unterrichtsräume, überklebten Toilettenschilder mit Zetteln, auf denen „all genders“, „alle Geschlechter“, stand. Seither, so berichtet Selen, wächst die Gruppe um neue Mitglieder.
Für die Uni war der Aktionstag eine Ausnahme in einem ansonsten konstruktiven Dialog über das Thema. „Vor dem Streiktag, an diesem und im Nachgang wurden Gesprächsangebote gemacht“, erklärt Pressesprecherin Ong. „Die Hochschulleitung ist zuversichtlich, dass dies in eine Fortsetzung der Gespräche in einem produktiven Rahmen mündet.“
