Hildesheim - Wenn man sich auf die Suche nach einem der spannendsten Arbeitsplätze der Stadt begeben würde – der von Alexander Magiera käme vermutlich in die engere Wahl. Von seiner Krankabine in rund 15 Meter Höhe hat er einen perfekten Blick über den Hildesheimer Hafen, die einlaufenden Schiffe und das geschäftige Treiben drumherum. „So ein Hafen ist schon eine richtig geile Sache“, sagt der 36-Jährige und schwenkt das stählerne Ungetüm zwischen einem riesigen Berg gebrochenem Sandstein und einem Binnenschiff hin und her. Hinter ihm surren stählerne Seile, die über Winden gleiten. Riesige, fettglänzende Zahnräder setzen den Giganten in Bewegung. Manchmal schüttelt er sich wie ein gepiesackter Riese. Um anschließend leise vor sich hin zu schnurren wie eine zufriedene Katze.
So ein Hafen ist schon eine richtig geile Sache
Im Wesentlichen steuert Magiera den Kran über zwei kleine Joysticks. Mit dem linken dreht und wendet er den Kran. Mit dem rechten kontrolliert er den tonnenschweren Greifer, der sich immer wieder in den Berg aus Stein frisst und mit jedem Schwenk Tonnen des für die Düngemittelproduktion erforderlichen Materials transportiert. Den Inhalt des Greifers lässt Magiera anschließend in den geöffneten Bauch der „Labe 6“ fallen. Das Schiff aus Tschechien hat an der westlichen Kaimauer festgemacht. „Labe“ ist Tschechisch und bedeutet Elbe, und „Elbe 6“ war am Morgen über die Schleuse in Bolzum in den Hafen nach Hildesheim geschippert.
Zwischenstation Hildesheim – Endstation Baltikum
Unten am Rand der Ladefläche steht der tschechische Kapitän Peter Polsny und gibt dem Mann 15 Meter über ihm Zeichen, wo der die Steinbrocken abladen soll. Das schon etwas in die Jahre gekommene Binnenschiff hat eine Besonderheit: Es hat niedrige Aufbauten. Viele Binnenschiffer müssen zunächst Wasser aufnehmen, wenn sie die niedrigen Brücken der Umgebung durchfahren wollen. Die „Labe 6“ passt auch so durch. Das Binnenschiff muss am Mittwoch weiter nach Lübeck. Hier wird erneut umgeschlagen auf ein größeres Schiff über die Ostsee. Anschließend reist das Material ins Baltikum.
Auf den ersten Blick wirkt der Hafen vielleicht etwas beschaulich. Aber das täuscht. Mehr als 100 Mitarbeitende verschiedener Firmen sorgen jedes Jahr dafür, dass mehr als eine halbe Million Tonnen Güter von Metall, Getreide und Düngemittel bis zu Bau- und Treibstoffen umgeschlagen werden. Die Stadt Hildsheim als Eigentümerin der Flächen, aber auch der Bund und die Pächter nehmen gerade Millionenbeträge in die Hand, um Gebäude zu errichten, Mauern und Gleise auszutauschen und den Stichkanal in Gänze zu modernisieren.„Wir bewegen hier gerade sehr viel“, sagt Bastian Niggemeier, der sowohl die Geschäfte der Hafenbetriebsgesellschaft als auch die des weitaus größten Pächters Rhenus führt.
Arme so stark wie anderer Leute Unterschenkel
An dieser Stelle ist auch Alexander Magiera gefragt. Der 36-Jährige ist ein freundlicher und besonnener Mann. Zuhause in Ahrbergen wartet eine Familie mit zwei kleinen Kindern jeden Nachmittag auf seine Rückkehr. Seine Tochter ist dreieinhalb, sein Sohn eineinhalb Jahre alt. Die tätowierten Oberarme ihres Vaters sind stark wie Unterschenkel anderer Leute. An den Schläfen seines raspelkurzen Haares sind die ersten grauen Haare zu sehen. Ein Vollbart umschließt sein Kinn, die Oberlippe und die Wangen. Eigentlich ist er kein Mann, den es sonderlich in die Öffentlichkeit drängt. Aber hier geht es um den Hildesheimer Hafen. Und der ist ihm in Gänze und mit allen Aspekten wichtig, das macht er mehrfach deutlich.
Alexander Magiera ist ein Allrounder wie seine Kollegen auch. „Wir sind hier alle flexibel, jeder muss alles können“ sagt er. Auch Magiera kann nicht nur Krane bedienen, sondern auch Dieselloks fahren und vieles mehr. Nebenbei ist Magiera der Betriebsleiter am Hafen. Und damit jemand, der sich überall bis ins kleinste Detail auskennt. „Der Turm ist tot“, sagt er etwa während einer Kontrolltour mit einer Armbewegung zur Seite, als er an einer größere Lagerhalle vorbeikommt. Tot meint in diesem Fall: nicht mehr genutzt. Das Hauptgebäude ist von der Rhenus gepachtet, dem größten Player am Hildesheimer Hafen. Unten hat der große Logistiker Material gelagert, oben, in den turmartigen Etagen, waren früher Büroräume. Aber die stehen schon seit geraumer Zeit leer.
K31 steht für eine kleine Halle in der Kanalstraße
Magiera ist nun auf einer großen Freifläche im Nordwesten des Hafens unterwegs, wo das Wendebecken fast an die Klärbecken der Stadtentwässerung stößt. Hier sollen im August Arbeiter anrücken, um eine neue Halle für den Umschlag von Abfall zu bauen. Noch weiter nördlich soll später eine neue Mono-Klärschlammverbrennungsanlage errichtet werden. Noch arbeitet hier ein Hafenmitarbeiter allein auf weiter Flur und reinigt einen Entwässerungsgraben. Magiera lässt die Fensterscheibe seines kleinen Dacia-SUVs runter. „Stellst du die Bobcat nachher in die K31, Olli?“, ruft Magiera dem Mann zu. Bobcats sind kleine Minibagger, die oft mit den Kranen auf die Binnenschiffe gehoben werden, um die Reste, die kein Greifer mehr fassen kann, aus dem Schiffsbauch aufzunehmen. K31 ist eine kleine Halle in der nahen Kanalstraße 31. Wie in allen Berufs-Mikro-Kosmen bedient man sich auch am Hildesheimer Hafen einer eigenen Sprache. Der Arbeiter nickt. Alexander Magiera fährt weiter.
Für seine 36-Jahre hat der kräftige Mann mit der blauen Arbeitshose und der knalligen Warnweste schon eine Menge Erfahrung rund um sein Berufsleben gesammelt. Er war lange Soldat bei der Bundeswehr, hat Konstruktionsmechaniker beim Logistiker Rhenus gelernt und nach und nach alle Fortbildungen absolviert, um alle wichtigen Aufgaben an einem Hafen zu übernehmen. Zehn Jahre arbeitet er inzwischen am Hildesheimer Hafen, anfangs für die Rhenus Port Logistic Niedersachsen GmbH & Co. KG, heute als Betriebsleiter der Hafenbetriebsgesellschaft. Der Logistiker Rhenus bewirtschaftet mit rund 75.000 Quadratmetern Lager- und Freiflächen etwa drei Viertel des gesamten Areals.
Die Krane werden bald durch Mobilbagger ersetzt
Magiera ist jetzt am Hafenkopf angekommen, wo ein mehr als 100 Jahre altes Trafohäuschen dafür sorgt, dass die sieben Krane mit der richtigen Stromspannung versorgt sind. Der Betriebsleiter begutachtet Schmierereien an den Kranen und den Gebäuden der Umgebung. Die Krane sollen zwar auf kurz oder lang abgebaut und durch Mobilbagger ersetzt werden. Doch das Problem wird bestehen bleiben. Hafen-Chef Bastian Niggemeier hatte unlängst schon angekündigt, dass er über ein Überwachungssystem nachdenkt. Im Umfeld des Hafens seien viele Menschen unterwegs, die hier im Grund nichts zu suchen haben. Die einen laden illegal Müll ab, andere posen mit ihren Fahrzeugen, weitere hinterlassen unnötige Schmierereien am Hafen-Eigentum.
Magiera schaut sich auch die Gleisanlage in der Umgebung an. Mit seinem Arbeitsschuh stößt er zersplitterte Schwellen an, die so ausehen, als wenn sie schon am 20. Juni 1928 gemeinsam mit dem restlichen Hafen und dem Stichkanal eröffnet wurden. „Die Betriebssicherheit ist hier noch gegeben“, sagt Magiera. „Trotzdem sollte die bald ausgetauscht werden.“
Am Hafenkopf liegt ein tonnenschwerer Magnet
In der Umgebung: Lauter Dinge, die für den Hafenbetrieb wichtig sind, aber den wenigsten anderen etwas sagen dürften. Zum Beispiel ein tonnenschwerer Magnet, der auf den ersten Blick wie ein gigantisches Zahnrad aussieht und an dem ganze Autos kleben bleiben, wenn Strom fließt. Wenige Meter entfernt sind zwölf Reibhölzer aufgeschichtet. Die massiven Stämme dienen dem Schutz der alten Kaimauer auf der Ostseite. Deren Sanierung für rund 6 Millionen Euro wird gerade geplant. Danach muss noch der Rat grünes Licht für den Baustart geben.
Hier hängt überall mein Herzblut dran
Der 36-Jährige nähert sich jetzt seinem Feierabend. Im Kran, der noch die „Labe 6“ befüllt, hat ein Arbeitskollege übernommen. Noch aus der Entfernung kann man die surrenden Metallseile, klirrenden Ketten und das in den Schiffsbauch polternde Gestein hören. Magiera macht ein zufriedenen Eindruck. „Ich finde es extrem spannend, was hier alles passiert“, sagt er. Dann verlässt er den Hafenkopf in Richtung Büro. Meistens ist er der letzte Mitarbeiter, der hier nach dem Rechten sieht. Und sich in jedem Bereich auch zuständig fühlt. „Hier hängt überall mein Herzblut dran.“



