48-Jähriger im Porträt

Chefarchäologe an Hildesheims bekanntester Baustelle: Wie Gregor Brose den Fund der Dammstraßen-Brücke einschätzt – und was ihn frustet

Hildesheim - Gregor Brose ist archäologischer Grabungsleiter an der historischen Brücke in der Hildesheimer Dammstraße. Er macht die Arbeit dort gern – wenn nur eine Sache nicht wäre.

Dauerarbeitsplatz Dammstraße: Der Hildesheimer Archäologe Gregor Brose leitet die Grabung rund um die 850 Jahre alte Brücke in Hildesheim. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Am Anfang war es für ihn einfach eine weitere Baustelle: Als Gregor Brose vor drei Jahren als archäologischer Grabungsleiter in die Dammstraße kam, waren bei den Kanalarbeiten dort gerade historische Mauerreste freigelegt worden, darunter Spuren der Johanniskirche, zudem hatten seine Kollegen etliche Gebeine aus dem Mittelalter geborgen. Was für Laien sehr spannend klingt, war für einen erfahrenen Archäologen wie Brose allerdings nicht wirklich etwas Außergewöhnliches. Doch das sollte noch kommen: Im Mai 2022 stieß Broses Mitarbeiter Kai Wedde auf einen Hohlraum unter der Fahrbahn. Und entdeckte so die 850 Jahre alte Steinbrücke, die seither den Verkehr in der Dammstraße lahmlegt. Und für Gregor Brose zum Dauerarbeitsplatz geworden ist.

Noch nie zuvor hat der 48-Jährige durchgängig so viel Zeit auf einer Baustelle verbracht. Doch den Einsatz in der Dammstraße bezeichnet er aus einem anderen Grund als Höhepunkt seiner 17-jährigen Berufslaufbahn als Archäologe. „Eine 850 Jahre alte Brücke findet man nicht alle Tage – und dann noch so gut erhalten, vom Scheitel bis zur Sohle. Das ist schon sehr besonders“, schwärmt Brose.

Die erste Reihe liegt ihm nicht: Brose ist ein zurückhaltender Typ

Dabei ist er von Natur aus ein zurückhaltender Typ, wie sich unter anderem beim Archäologie-Symposium der Stadt im Mai 2023 zum weiteren Umgang mit der Brücke zeigte: Während der eine oder andere Fachmann den Auftritt im vollen Rathaussaal durchaus zu genießen schien, wirkte Brose auf dem Podium regelrecht scheu. „Ich brauch’ das nicht, in der ersten Reihe zu stehen“, sagt er.

Experte vom Landesamt für Denkmalpflege und Ortsbürgermeister sind voll des Lobes über den Archäologen aus Hildesheim

In der Dammstraße tut er das aufgrund seiner Rolle zwangsweise. Und macht das mit Bravour, findet zum Beispiel Dr. Markus C. Blaich, der die Arbeiten an der historischen Brücke für das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege verfolgt. Er beschreibt Brose als „unglaublich zuverlässig, fachkundig und sehr engagiert“, Brose sei sehr bemüht um ein gutes Miteinander bei den Arbeiten. Auch Tobias Eckardt, Ortsbürgermeister für die Stadtmitte und die Neustadt, ist voll des Lobes über den Archäologen. Dieser habe ihm komplexe Zusammenhänge stets so gut erläutert, dass er sie wiederum Bürgern erklären konnte, die ihn wegen der Brücke angesprochen hätten, berichtet der SPD-Politiker: „Der direkte Kontakt zu Gregor Brose war ein Glücksfall.“

Das Was-ist-Was-Buch über die Römer weckte bei Gregor Brose die Lust auf die Vergangenheit

Broses Interesse an der Vergangenheit wurde schon als Kind geweckt. Als Drittklässler bekam der kleine Gregor, der drei Jahre zuvor mit seiner Familie aus Berlin in ein Dorf in Friesland gezogen war, die „Was-ist-was“-Ausgabe über die Römer geschenkt. „Ich fand das total spannend.“

So spannend, dass Brose am Gymnasium in Jever das Fach Geschichte als einen seiner Leistungskurse wählte und dann nach Abi und Zivildienst in Göttingen Ur- und Frühgeschichte sowie Mittlere und Neue Geschichte studierte. Mit dem Magister in der Tasche versuchte er sich zunächst als selbstständiger Archäologe, landete dann 2011 nach mehreren Jahren als Saison-Grabungshelfer bei Archaeofirm – jenem Grabungsbetrieb aus Isernhagen, der die Arbeiten in der Dammstraße von Anfang an begleitet.

Dabei stand Brose in den vergangenen zwei Jahren immer mal wieder auch mit seiner Frau Christiane in der Baugrube: Sie ist ebenfalls Archäologin, das Paar kennt sich seit dem Studium und lebt mit seinen drei Kindern ganz in der Nähe der Brücke. Für Brose ist der Einsatz dort also eine Art Heimspiel, entsprechend kurz ist der Weg zum Arbeitsplatz. „Das ist natürlich schön.“

Immer wieder Beschimpfungen:„Ein Unding“, ärgert sich Brose

Weniger schön findet der 48-Jährige, dass er, die anderen Archäologen und Bauarbeiter in der Dammstraße regelmäßig von Passanten beschimpft werden, die sich über die Sperrung der Fahrbahn ärgern. Er verstehe, dass Menschen die Straße schnell wieder nutzen wollten, versichert Brose, der als Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Moritzberg mit den Einschränkungen für die Bewohner des Stadtteils durch die Dammstraßen-Sperrung aus eigener Anschauung vertraut ist. Doch er und alle anderen auf der Baustelle erledigten dort nur ihren Job. „Uns dafür zu beschimpfen, ist ein Unding.“

Demnächst werden die Pöbler dazu keine Gelegenheit mehr haben, der Einsatz der Archäologen in der Dammstraße geht dieser Tage dem Ende entgegen. Was für Brose danach kommt, steht noch nicht fest – gern würde er einmal Funde aus der Römer-Zeit ausgraben. „Doch dafür müsste ich nach Süddeutschland gehen.“ Und danach steht ihm nicht der Sinn.

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