Hildesheim - Maria Rockenfeller aus Hildesheim arbeitet als Familienberaterin und Paartherapeutin. Im Interview gibt sie Tipps für mehr Gelassenheit im Familienalltag und verrät, wie Eltern reagieren sollten, wenn sich das Kind an der Supermarktkasse brüllend auf den Boden wirft.
Viele Eltern streben nach Perfektion – ist das überhaupt gut für die Kinder?
Ich denke, dass unperfekt das neue perfekt ist. Wenn unsere Kinder sehen, dass auch wir nicht perfekt sind, lernen sie unglaublich viel. Die Frage ist aber natürlich: Was ist perfekt? Wenn ich sage, für mich ist perfekt, dass ich nach meinen Werten handle und es so mache, wie es für mich gut passt, dann könnte das in die Richtung gehen. Aber das ist natürlich nicht wirklich leicht.
Inwiefern?
Gerade, wenn wir in Stress kommen, passiert es schnell, dass wir etwas sagen, das wir nie zu unseren Kindern sagen wollten.
Und was empfehlen Sie Eltern, um auch in stressigen Situationen gelassen zu bleiben?
Ich werde immer wieder gefragt: Wie kann ich unter Stress nett sein zu meinen Kindern? Und dann sage ich: gar nicht. Es geht darum, dass wir gar nicht erst hochfahren. Wir fahren oft hoch, weil wir nicht gemerkt haben, dass ein Bedürfnis nach dem anderen in Mangel geraten ist. Und dann geschieht das, was viele Eltern beschreiben und was ich selber auch kenne: Auf einmal sind wir wie fremdgesteuert und handeln nicht mehr nach unseren Werten. Da ist es spannend, genauer hinzuschauen: Denn es kam sicher nicht wirklich so plötzlich.
Und wie kann man lernen, nicht mehr hochzufahren?
Eine Verhaltensveränderung beginnt immer mit Beobachtung. Wir können uns selbst beobachten und schauen, was es für Situationen sind, in denen wir hochfahren. Häufig machen wir uns selbst wütend. Wir sagen uns zum Beispiel: Was sind wir eigentlich für eine Familie? Wir richten Wut gegen uns selber oder gerne auch mal gegen den Partner oder die Partnerin. Und das kommt dann in Verbindung mit alten Glaubenssätzen, die wir haben.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel „ich darf keine Fehler machen“, „ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas leiste“, „ich muss alles alleine schaffen“. „Eine gute Mutter, ein guter Vater ist ...“ Egal, wie dieser Satz endet, da bin ich kein Fan von. Das wird den Familien nicht gerecht. Es ist so individuell.
Beeinflusst unsere eigene Kindheit auch, wann wir in Stress geraten?
Unsere Glaubenssätze festigen sich, je nachdem, was wir in der eigenen Familie für Erfahrungen gemacht haben. Es gibt ein Zitat von Peggy O´Mara: „Die Art, wie wir mit unseren Kindern sprechen, wird zu ihrer inneren Stimme.“ Wenn uns zum Beispiel unser Kind beschimpft, „du blöde Kacka-Mama“, dann denken wir möglicherweise sofort: So spricht ein Kind nicht mit seiner Mutter. Weil uns das vermittelt wurde. Das beobachte ich oft bei der Arbeit mit Eltern, dass sie dann herausfallen aus ihren Werten. Oder wenn ich zum Beispiel als Kind oft das Gefühl hatte, dass ich nicht gehört wurde, und dann hört mein Kind nicht auf mich, dann kann das ein Trigger sein, und ich fühle mich wieder wie das Kind.
Dagegen anzugehen klingt nach viel Arbeit. Gibt es denn auch schnelle Mittel für mehr Gelassenheit in der Familie?
Auf jeden Fall, das muss parallel laufen. Wir können noch so viel innere Arbeit leisten: Wenn es überall brennt, weil so viel Arbeit da ist und so wenig Unterstützung, dann ist es ganz wichtig, an der Basis anzusetzen und zu gucken: Wie geht es uns als Familie? Wo können wir uns Hilfe holen? Was wünschen wir uns konkret? Und wie hat sich das auch verändert? Viele Mütter erleben starke Veränderungen nach einer Schwangerschaft und Geburt, weil damit ein Prozess des Mutterseins beginnt.
Was heißt das genau?
Man spricht von Matreszenz, angelehnt an Adoleszenz. Oder im Deutschen: Muttertät, wie Pubertät. Unser Gehirn verändert sich – und das passiert nur ein weiteres Mal im Leben, in der Pubertät. Es ist über Gehirnscans zu erkennen, ob eine Frau Mutter ist oder nicht. Das Mutterwerden bringt Identitätsveränderungen mit sich, oft werden Freundschaften hinterfragt oder der eigene Job. Viele Eltern atmen auf, wenn ich dann von Matreszenz spreche. Sie sind erleichtert, weil es ganz normal ist.
Ich beobachte oft, dass Mütter – und auch Väter – unglaublich streng mit sich sind. Wird man in der Matreszenz wieder so selbstunsicher wie in der Pubertät?
Ja, auf jeden Fall, Identitätsveränderungen gehen mit ganz viel Verunsicherung einher. Und dazu kommt, dass wir uns in einer Generation von Eltern befinden, die nicht mal eben die Großeltern fragen, wie sie es gemacht haben. Die meisten wollen es ganz anders machen.
Warum eigentlich?
Ich glaube, weil sich immer weiter verbreitet, dass wir über die Wissenschaft wissen, was die Begleitung von Kindern mit ihrer Entwicklung und ihrer psychischen Gesundheit macht.
Früher gab es auch Studien. Aber diese extreme Abkehr ist etwas Neues, oder?
Ja, das ist interessant. Ich glaube, da kommt das Thema Identität mit rein. Früher hatte man eine Partei- oder Vereinszugehörigkeit. Gruppen, mit denen man sich identifiziert hat. Was ich jetzt beobachte, ist, dass sich immer mehr Eltern über die Elternschaft identifizieren. Diese bedürfnisorientierte Begleitung von Kindern ist Teil der eigenen Identität. Das ist auch spannend: Denn wenn da jemand anderes kommt mit einer anderen Meinung, dann sind wir schnell in einer Abwehrhaltung. Wir verteidigen diese Identität.
Das ist ganz schön viel Druck: Durch die alten Glaubenssätze, die uns immer noch prägen, und den Wunsch, alles anders zu machen.
Deshalb finde ich es auch so wichtig, sich zusammenzusetzen in der Familie und zu überlegen: Was passt für uns? Wer arbeitet wie viel? Wer arbeitet wo? Es ist spannend, zu schauen, warum wir es so oder so machen. Es ist noch nicht lange her, da war es klar, dass die Frau zuhause war und sich um die Kinder gekümmert hat. Und ich beobachte, dass in vielen Fällen weiterhin die Mutter die meiste Care-Arbeit leistet. Aber die Frau soll zusätzlich noch erfolgreich im Beruf sein. Und die Partnerschaft soll gut laufen. Sie soll Sport machen, sich fit halten. Diese Ansprüche dürfen wir immer wieder hinterfragen: Machen wir etwas, weil es uns entspricht oder weil wir denken, dass es von uns erwartet wird?
Also sollten sich Eltern selbst wichtiger nehmen?
Es ist eins der größten Missverständnisse, dass eine bedürfnisorientierte Erziehung bedeutet, es gehe nur um die Bedürfnisse der Kinder. Alle Bedürfnisse in der Familie müssen gesehen werden – alle sind gleichwertig.
Woher kommt das schlechte Gewissen von Eltern, wenn sie etwas nur für sich selber tun?
Wenn wir als Kinder gesagt haben, „das möchte ich nicht“, wurden die wenigsten von uns dafür wertgeschätzt. Das ist immer noch in uns – und das ist nicht gut. Denn Kinder lernen am Vorbild. Sie machen nach, wie wir mit anderen umgehen und mit uns selbst. Wenn ein Kind sieht, dass die Eltern Nein sagen und persönliche Grenzen zeigen, dann lernt es, dass es auch Nein sagen und Grenzen zeigen darf.
Haben Sie einen Tipp für Eltern, wie man sich Fehler verzeihen kann?
Mit Selbstmitgefühl. Dazu gebe ich auch Kurse. Wir können lernen, mit uns selbst so zu sprechen wie mit einer guten Freundin oder einem guten Freund. Wir würden niemals sagen: „Was bist du denn für eine Mutter? Das geht ja gar nicht.“ Aber mit uns selbst machen wir das. Das müssen wir nicht so hinnehmen. Man kann lernen, durch Übungen freundlicher zu sich selbst zu werden.
Was mir auffällt, ist, dass viel Druck durch den Umgang von Müttern untereinander entsteht. Gerade gab es in Sozialen Medien einen Shitstorm, weil eine Frau in einer Kolumne schrieb, dass sie nur noch ohne ihre Kinder Urlaub macht. Warum gehen Mütter so aufeinander los?
Vielleicht ist das auch das Thema Identität. Und vielleicht hätten manche das auch gerne selber gemacht, und dann traut es sich wer anders. Einer der Grundwerte Jesper Juuls ist die Gleichwürdigkeit. Das heißt nicht Gleichberechtigung und auch nicht Gleichsein. Es geht darum, dass wir alle die gleiche Würde besitzen und dass ein Kind mit seiner Welt und seinen Ansichten ernst genommen wird. Diese Gleichwürdigkeit ist vielen Eltern mit ihren Kindern sehr wichtig. Wo es dann interessant wird, ist: Wie steht es um die Gleichwürdigkeit, wenn es um meinen Partner geht oder um Freunde oder um andere Eltern? Es heißt nicht, dass man alles toll finden muss, was andere machen. Aber die andere Person ist trotzdem als Mensch in Ordnung.
Finden Sie den Austausch mit anderen Müttern trotzdem wichtig?
Ich ermutige Eltern, genau zu überlegen: Welche Menschen tun mir gut? Es ist so eine herausfordernde Zeit, gerade wenn die Kinder noch jung sind. Es geraten so viele Bedürfnisse in Mangel bei den Eltern. Da gilt es genau zu überlegen, wer einem Energie gibt und wer sie einem nimmt. Wenn da Menschen sind, die mit mir auf einer Wellenlänge sind, dann kann es super bereichernd sein. Allein diese Einsicht, dass ich nicht alleine bin mit meinen Herausforderungen. Das gibt schon viel Erleichterung. Evolutionsbiologisch macht dieses Dasein in Kleinfamilien überhaupt keinen Sinn. Das vielzitierte Dorf brauchen wir einfach. Es ist nicht so gedacht, dass sich zwei Personen um ein oder mehrere Kinder kümmern. Es hat einen Grund, dass viele Eltern so überlastet sind.
Wir haben viel allgemein gesprochen, was man für mehr Gelassenheit tun kann. Schauen wir nochmal in eine konkrete Situation: Ein Kind schmeißt sich vor der Supermarktkasse auf den Boden und brüllt. Wie kann man da gut reagieren?
In der Akutsituation ist es hilfreich, erst einmal gut für sich selber da zu sein. Also wie kann ich mit den Gefühlen, die das Verhalten meines Kindes gerade in mir auslöst, umgehen? Da gibt es zum Beispiel bestimmte Atemtechniken, die unser Nervensystem runterfahren. Denn das Kind klinkt sich mit seinem Nervensystem in unseres ein. Das heißt, wenn wir hochfahren, ist es unmöglich, ein Kind zu beruhigen. Es wird so noch weiter hochfahren.
Und wie reagiert man dann aufs Kind?
Häufig werden Kinder in jüngstem Alter herausgeschickt, damit sie sich beruhigen. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Kind in Wut ist ein Kind in Not. Unser Kind braucht uns in diesen Momenten ganz besonders. Und durch unsere Unterstützung lernt das Kind die Selbstregulation. Wenn Kinder voll unter der Wut sind, dann ist ein Teil des Gehirns größtenteils wie abgeschaltet, im Urlaub. Worte kommen nicht an. Was aber ankommt, sind Körperhaltung, Mimik, Tonfall. Das Kind spürt, ob ich Mitgefühl habe. Außerdem lernt es: Meine Wut und Traurigkeit dürfen sein, ich bin okay, so wie ich bin. Das stärkt seinen Selbstwert und unsere Beziehung.
Also ist der Schlüssel zu mehr Gelassenheit, den Druck rauszunehmen – in Bezug auf uns selber und unsere Kinder?
Und die Paarebene bitte nicht vergessen. Sie ist oft das erste, was hinten überfällt: Wir lassen den Sport sausen und den Kinoabend mit dem Partner. Das empfehle ich nicht. Man sollte sich – so unromantisch das auch klingt – Paarzeit in den Kalender eintragen. Und ich kann wirklich nicht oft genug sagen, dass Eltern sich selbst feiern sollen. Sie sind die Heldinnen und Helden des Alltags. Es ist einfach herausfordernd mit so vielen Bedürfnissen, die aufeinander kommen in der Familie. Wir dürfen uns oft sagen: So wie ich es gemacht habe, ist es gut. Und uns bewusst machen, dass wir auch nur Menschen sind. Ich weiß nicht, wer auf die Idee gekommen ist, dass wir, wenn wir Kinder haben, keine Menschen mehr sind. Wenn wir uns selbst so wie wir sind als Mensch annehmen und unser Kind als Mensch annehmen, dann erst kann echte Beziehung entstehen. Und das ist ein großes Geschenk für uns selbst – und für unsere Kinder.
Das ist Maria Rockenfeller
Maria Rockenfeller ist 1983 in Hildesheim geboren und zur Schule gegangen. Sie hat in Bremen studiert und in Erziehungswissenschaften promoviert. 2020 hat sie „Rock your Family“ gegründet, ein Unternehmen für Familien- und Paarberatung. Rockenfeller arbeitet als Familylab-Familienberaterin nach Jesper Juul, Paartherapeutin, Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation und Achtsamkeitstrainerin für Eltern. Ihre Beratungen und Kurse finden in der Hebammerei Nestglück in Hildesheim sowie online statt. Zusätzlich bietet sie Vorträge, Workshops und Kita-Weiterbildungen an. Seit 2020 lebt Rockenfeller wieder in Hildesheim – gemeinsam mit ihrer Familie. Sie ist Mutter von drei Söhnen im Alter von neun, fünf und drei Jahren. Neben Jesper Juul empfiehlt sie Eltern, die sich weiter mit den Themen auseinandersetzen möchten, die Bücher von Nicole Wilhelm und Nora Imlau.

