Hildesheim - Der Energieversorger Eon erhöht den Erdgas-Preis in der Grundversorgung im Landkreis Hildesheim um knapp 50 Prozent. Bei einem Gasverbrauch zwischen 5000 und 13.000 Kilowattstunden pro Jahr werden vom 1. August an 12,9 statt 8,52 Cent pro Kilowattstunde fällig, bei mehr als 13.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch sind es 12,5 statt 8,1 Cent. Die Grundpreise bleiben gleich. Bei einem durchschnittlichen Zwei-bis Drei-Personen-Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 10.000 Kilowattstunden würden die Gaskosten pro Jahr also um 438 Euro steigen. Die Erhöhung betrifft nur die Grundversorgung, keine anderen Tarife, wie sie die Mehrheit der Kundinnen und Kunden inzwischen nutzt.
Die Lage bei der EVI
Die Energieversorgung Hildesheim (EVI) erhöht ihren Grundversorgungs-Tarif für Erdgas hingegen zumindest zum 1. August nicht, wie Geschäftsführer Mustafa Sancar auf HAZ-Anfrage bestätigte. Tatsächlich müssen Energieversorger einen solchen Schritt spätestens sechs Wochen vorher bekannt machen und können ihn nur zum Monatsersten umsetzen. Die EVI könnte ihren Grundversorgungs-Preis also frühestens zu Anfang September erhöhen.
Derzeit bezahlen Hildesheimer Erdgas-Kunden in der EVI-Grundversorgung 9,52 Cent pro Kilowattstunde. Das ist mehr als bislang bei Eon, aber weniger als künftig bei dem Landkreis-Grundversorger. EVI erhebt zudem einen jährlichen Grundprei von 197,14 Euro.
Grundversorgung als Ausweg
Doch die Grundversorgung könnte für viele Erdgas-Nutzer in Stadt und Landkreis Hildesheim zum Rettungsanker werden, zumindest zeitweise. Denn nach dem momentanen Stand ist sie günstiger als die meisten Angebote, die Kunden mit auslaufenden Verträgen erwarten können. Das ist außergewöhnlich – üblicherweise ist die Grundversorgung der teuerste Tarif. Doch in der aktuellen Energiekrise stellt sich die Situation ganz anders dar.
Denn natürlich laufen auch derzeit täglich Verträge aus, die die Verbraucher für ein oder zwei Jahre mit garantierten – aus heutiger Perspektive sehr günstigen – Preisen abgeschlossen haben. Dann haben sie die Möglichkeit, ein Verlängerungs-Angebot ihres bisherigen Anbieters anzunehmen oder den Anbieter zu wechseln.
Neue Verträge sind teuer
Im Fall einer Verlängerung dürften die Versorger deutlich mehr verlangen als bisher. EVI und Eon wollten auf HAZ-Anfrage partout keine Beispiele nennen, mit welchen Aufschlägen Kunden bei ihnen im Fall von Vertragsverlängerungen rechnen müssen. „Das hängt von vielen Faktoren ab und ist sehr individuell“, sagt EVI-Chef Sancar. Und Eon-Sprecher Arne Schleef erklärt: „Leider werden sich die massiven Steigerungen bei den Beschaffungspreisen für Energie zwangsläufig auf die Endkundenpreise niederschlagen – und bei Verträgen, die lange von günstigen Konditionen profitiert haben, prozentual gesehen gegebenenfalls natürlich auch etwas stärker.“ Tatsächlich kommt es nach HAZ-Informationen durchaus vor, dass der Kilowattstunden-Preis sich verdreifacht.
Wer daraufhin den Anbieter wechselt, muss zumindest mit mehr als doppelt so hohen Ausgaben wie bislang rechnen. Am Freitag lag der günstigste Anbieter für Hildesheim beim Verbraucherportal Verivox, die Firma Yippie, bei 20,19 Cent pro Kilowattstunde – zweieinhalb mal so viel wie die derzeitige Eon-Grundversorgung und immer noch knapp doppelt so viel wie deren Preis ab August. Dass der Grundpreis bei Yippie etwas niedriger ist, fällt dabei kaum ins Gewicht, wie folgende Vergleichsrechnung zeigt.
Eine Vergleichsrechnung
Für 10.000 Kilowattstunden Gas werden in der EVI-Grundversorgung pro Jahr 952 Euro fällig, bei Eon derzeit 969 Euro und ab August 1407 Euro. Wer jetzt bei Yippie abschließt, zahlt für ein Jahr 2094 Euro. Die Auswahl ist ohnehin gering. Viele Strom- und Gasanbieter bieten derzeit überhaupt keine Tarife mit Preisgarantie für Neukunden an, auch EVI nicht. „Wir konzentrieren uns auf ein möglichst tragbares Preisniveau für unsere Bestandskunden“, sagt Geschäftsführer Sancar. Zusätzliche Kunden würden bedeuten, dass das Unternehmen sich kurzfristig zusätzliche Gasmengen sichern müsste – und die sind aktuell enorm teuer.
Bleibt der Kniff mit der Grundversorgung. Wer einen auslaufenden Vertrag hat und diesen nicht verlängert oder aufgrund einer angekündigten Preiserhöhung kündigt, fällt mit dem Ende seines bisherigen Vertrages automatisch in die Grundversorgung des regional zuständigen Unternehmens. Im Hildesheimer Stadtgebiet ist das die EVI, im fast kompletten Kreisgebiet Eon. Für viele Gasverbraucher in Stadt und Landkreis, deren Lieferverträge derzeit auslaufen, dürfte es also aktuell der bei weitem günstigste Weg sein, bisherige Verträge, egal bei wem, einfach auslaufen zu lassen.
Knifflige Klausel
Zumindest zunächst dürfte das Entlastung bringen. Die Kehrseite: Machen das viele Kunden, dürften Versorger wie die EVI ihre Preise auch in der Grundversorgung anheben müssen – eben, weil sie mehr Kunden zu günstigeren Konditionen bedienen müssen, was für sie wiederum ab einer gewissen Menge nicht mehr wirtschaftlich sein dürfte. Günstiger als Tarife mit Preisgarantie könnte sie aber dennoch bleiben. Zumal die EVI auf Nachfrage betont, sie werde ihre Grundversorgungs-Tarife nicht wieder splitten.
Über allen Tarifen, ob Grundversorgung oder mit befristeter Preisgarantie, schwebt allerdings ein Damoklesschwert. Verschärft sich die Krise weiter und geraten Gasanbieter in wirtschaftliche Schieflage, kann die Bundesregierung die sogenannte Preisanpassungsklausel aktivieren. Dann können große Gaslieferanten Abnehmern wie Stadtwerken und anderen Versorgern kurzfristig deutlich höhere Preise abverlangen, die diese wiederum kurzfristig an die Verbraucher weitergeben können – unabhängig vom Vertrag. Nachdem mit dem aus dem Eon-Konzern hervorgegangenen Unternehmen Uniper ein Branchenriese bereits um Staatshilfe gebeten hat, droht dieses Szenario wahrscheinlicher zu werden.
Banger Blick auf die Pipeline
EVI-Chef Sancar hält den Juli für einen ganz wichtigen Monat mit Blick auf die weitere Entwicklung der Gaspreise. Vom 11. bis 21. Juli geht die Ostsee-Pipeline NordStream I für Wartungen für zehn Tage vom Netz. Solche Stilllegungen gab es in den Vorjahren auch schon, doch in diesem Jahr ist das ganze aufgrund der Auseinandersetzung mit Russland heikel: „Entscheidend wird sein: Fließt danach wieder die volle Gasmenge dort hindurch – oder weniger oder gar nichts?“, sagt Sancar.
Während beim Erdgas also massive Preissteigerungen drohen und zum Teil auch schon eingetreten sind – erste Unternehmen in Hildesheim berichten von Teilzeit-Beschäftigten, die Stunden aufstocken wollen, um den neuen Gas-Abschlag bezahlen zu können – sieht es beim Strom aktuell nicht ganz so dramatisch aus. Wer einen neuen Anbieter sucht, wird bereits ab etwa 37 Cent pro Kilowattstunde fündig. Das ist zwar mehr als die EVI-Grundversorgung (29,96 Cent), doch mit Neukunden-Bonus kommt ein Preis zustande, der nicht allzu viel teurer ist als bisherige Tarife mit Preisgarantie. Und auch hier bietet sich im Zweifel temporär der freiwillige Gang in die Grundversorgung an. Zur Erinnerung: Anfang des Jahres war zeitweise kein Tarif mehr unter 45 Cent pro Kilowattstunde zu finden.
EEG-Umlage entfällt
Was beim Strom hinzukommt: Am 1. Juli wird die EEG-Umlage gestrichen. Es handelt sich um einen Bestandteil des Kilowattstunden-Preises, der zur Finanzierung erneuerbarer Energien dient. Das macht 4,43 Cent brutto pro Kilowattstunde aus. EVI-Geschäftsführer Sancar betonte am Donnerstag noch einmal, dass der Hildesheimer Energieversorger diese Preissenkung in allen seinen Tarifen komplett weitergibt – die Kunden also pro Kilowattstunde also diese Summe weniger bezahlen müssen. Bei einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden Strom macht das pro Monat etwa 15 Euro Ersparnis aus.
