Drispenstedt - Ahmad Kahil legt einen Hebel in der Fahrerkabine seines schweren Arbeitsgeräts um, und in der Drispenstedter Baugrube für das neue Einkaufszentrum beginnt die Erde unter den Füßen zu vibrieren. Kahil und sein Kollege Justin Wester arbeiten für das Spezialunternehmen Heisig aus Winsen. Und das ist seit Anfang der Woche dabei, die riesige Baugrube zwischen Ehrlicher-, Jordan- und Hermann-Seeland-Straße durch bis zu zwölf Meter tiefe Spundwände zu sichern.
Welche Kräfte dabei wirken, kann man als Außenstehender durch die Vibrationen im Untergrund erkennen. Jede Spundbohle wiegt rund 600 Kilogramm. Kahil hebt sie mit seiner Ramme mühelos an ihren Platz, anschließend drückt das einem Bagger nicht unähnliche Arbeitsgerät das Eisen in den kalten Boden, als wäre es das sprichwörtliche heiße Messer, das in der kalten Butter versinkt. Geräuschvolle Schläge, wie man sie wohl erwarten würde, gibt es keine.
Die Baugrube wird heute satellitengestützt vermessen
Damit die Spundwand in der richtigen Flucht verläuft, muss auch Polier Mario Brauner vom Generalunternehmer Kümper + Schwarze aus Wolfenbüttel regelmäßig mit technischem Gerät in die Baugrube. Am Mittwoch misst er zum Beispiel die Achsen ein. Früher mussten die Arbeiter dann mit Maßband und Zollstock ans Werk. Brauner hingegen greift sich einen Stab mit Empfangsgerät am Kopfende und einem Computer in der Mitte und stiefelt los.
Das Gerät bringt die Baupläne mit Daten von Satelliten im Weltall zusammen. Auf diese Weise lässt sich in Sekunden und ganz ohne Messband feststellen, wo die künftigen Achsen der Gebäude verlaufen. „Das Gerät funktioniert auf drei Zentimeter genau“, sagt Brauner. Mit blauer Farbe sprühen er und Ahmad Kahil anschließend Markierungen für die Achsen auf den gefrorenen Untergrund. Die Mauern befinden sich später links und rechts der Achse.
Tiefbauer schachten sich vier Meter in die Erde
Doch bis sich die ersten Handwerker nach oben mauern, dürften noch viele Monate vergehen. Die Arbeiten liegen laut gbg nach wie vor im Zeitplan. „Aber allein der Einbau der Spundwände wird bis Mitte Februar dauern“, sagt Frank Satow, Sprecher der gbg Wohnungsbaugesellschaft Hildesheim AG. Anschließend rücken die Tiefbauer an und schachten sich vier Meter in die Tiefe. Die acht Meter dazwischen dienen der Sicherheit.
Das städtische Wohnungsunternehmen lässt am Standort der alten Ladenzeile für rund 42 Millionen Euro Neubauten errichten, in denen nach Abschluss der Arbeiten vor allem Geschäfte und Wohnungen Platz finden sollen. Im Neubau soll es mit 51 Sozialwohnungen fünfmal mehr als in den alten Gebäuden geben. Unter den Komplex setzen die Arbeiter zudem eine Tiefgarage mit 115 Stellplätzen. Dazu kommen 54 oberirdische.
Rossmann, Edeka und Eisdiele ziehen als neue Mieter ein
Voraussichtlich 2026 soll alles beendet sein. Dann ziehen nicht nur die Privatmieter, sondern auch neue Geschäfte wie Rossmann, Edeka und eine Eisdiele ein. Das Lehrter Abrissunternehmens A&S Betondemontage hatte im Vorfeld die alten Bauwerke – zusammen 5000 Tonnen Beton, Eisen und Holz – abgebrochen.
Doch jetzt ist zunächst einmal die eiserne Spundwand an der Reihe. Maschinenführer Kahil muss dafür sorgen, dass er sie nicht zu dicht an die von Polier Brauner eingemessenen Gebäudeachsen setzt, sondern mindestens einen Meter Abstand hält. Rund zwei Dutzend Spundbohlen hat er bis Mittwochvormittag schon in den Boden getrieben. Weitere 90 liegen in der Nähe. „268 werden es insgesamt“, sagt der Maschinenführer, ehe er sich wieder in sein schweres Arbeitsgerät setzt.

