Gronau/Kreis Hildesheim - Die Bürgermeister im Landkreis Hildesheim fordern, Erzieherinnen und Erzieher schneller zu impfen als bislang geplant. Im HAZ-Interview erklärt Sabine Böllert, Leiterin einer großen Kita in Gronau, wieso sie das Ansinnen unterstützt, warum sie jeden Tag in der Einrichtung als Spagat empfindet, und warum Erzieherinnen anders als Lehrer keine Masken tragen sollten.
Frau Böllert, die Bürgermeister im Kreis Hildesheim fordern, Erzieherinnen und Erzieher schneller zu impfen als bisher geplant. Unterstützen Sie das?
Ja, absolut. Zum Beispiel, weil wir ja quasi die Wirtschaft mit am Laufen halten. Es heißt ja immer, Kitas und Schulen sollen als erste wieder öffnen. Dann sollte man in diesen Bereichen auch mit höherer Priorität impfen.
Lehrer tragen im Unterricht Masken, Erzieherinnen in einigen Bundesländern auch. Ist das keine Option für Sie?
Ich stelle das den Mitarbeiterinnen frei, aber nur eine trägt Maske. Ich finde, das geht auch nicht. Gerade bei kleinen Kindern sind Empathie und Nähe wichtig, dabei ist die Mimik ganz entscheidend. Vielleicht kann man bei Vorschulkindern schon ein bisschen was mit Abstand und Maske machen, wenn überhaupt – bei den Kleineren geht das nicht.
Wollen Sie zum Beispiel vor Polizisten und Lehrern eingestuft werden?
Ja, das fände ich richtig. Polizisten sind auch großen Belastungen und vielen Kontakten ausgesetzt, können aber Masken tragen. Lehrer tun das ja auch, meine Tochter ist selbst Lehrerin. Nur bei uns geht es meiner Ansicht nach eben nicht und ist ja in Niedersachsen auch nicht vorgeschrieben.
Wie gehen Ihre Kolleginnen damit um? Ist immer eine gewisse Angst da, oder haben die sich über die Monate dran gewöhnt?
Ein gewisser Gewöhnungseffekt ist sicher da. Es ist aber auch individuell. Gerade die älteren Kolleginnen sind eher besorgter, die jüngeren weniger. Hinzu kommt die private Situation: Hat jemand einen Mann zu Hause, der zur Risikogruppe gehört? Oder pflegt jemand gar seine Eltern? Da bildet sich bei uns die gesamte Gesellschaft ab. Eine Rolle spielt auch die allgemeine Lage in Gronau. Aktuell gibt es Corona-Fälle in einem Seniorenheim in der Stadt, da ist die Anspannung gleich größer. Ein bisschen angespannt geht man aber jeden Tag zur Arbeit, seit vielen Monaten. Es ist jeden Tag ein Spagat.
Hatten Sie selbst schon Corona-Fälle in der Einrichtung?
Gott sei Dank nicht. Wir tun natürlich alles Mögliche für den Gesundheitsschutz, wie alle anderen auch. Wenn ich als freigestellte Leiterin von Gruppe zu Gruppe gehe, trage ich zum Beispiel eine FFP2-Maske. Allerdings gab es auch schon Verdachtsfälle, und bis dann das Ergebnis kommt, ist das schon extrem nervenaufreibend für alle Beteiligten.
Derzeit fordern viele Angehörige bestimmter Berufe sowie diverse gesellschaftliche Gruppen eine höhere Priorität bei der Impfung. Kann es da überhaupt gerecht zugehen?
Das ist sicher nicht einfach, und jede Forderung ist irgendwo auch berechtigt. Mir fällt aber tatsächlich keine andere Berufsgruppe ein, die seit Beginn der Pandemie, also seit vielen Monaten, permanent ungeschützten Kontakt zu so vielen anderen Menschen hat.
