Hildesheim - Auf der Lilie lässt es sich wunderbar feiern. Das wissen alle, die den Citybeach mögen, die Genuss- und Weintage, den Pflasterzauber oder auch den Bauernmarkt. Direkt im Zentrum quasi als Zwilling des Marktplatzes gelegen, empfiehlt sich die Lilie als Veranstaltungsort für fast jede Art von Event. Allerdings: Auch hier wohnen Menschen drumherum. Und für diese Anlieger sind die Veranstaltungen nicht wie für andere Gäste oder die jeweiligen Standbetreiber ein einzelnes Highlight, sondern sie erleben Feste vor der Haustür am laufenden Band.
Wie es sich damit lebt, beschreibt einer von ihnen so: „Für uns beginnt die Saison im Frühjahr und endet im Dezember mit dem Weihnachtsmarkt. Es gehen nicht alle Veranstaltungen mit einem hohen Lärmpegel und nächtlicher Ruhestörung einher, einige aber schon.“ Naturgemäß solche, die im Sommer stattfinden. Die längste von ihnen ist der Citybeach. Der ging in diesem Jahr vom 9. Juni bis 16. August, also genau zehn Wochen. Geöffnet wochentags von 12 bis 22 Uhr, freitags und samstags von 12 bis 23 Uhr. „Der Citybeach ist gut organisiert, die Gastronomen professionell, da wird selten überzogen“, so der Anwohner, der sich mit seiner Meinung stellvertretend für viele Anlieger sieht. „Als ich hergezogen bin, war die Lilie noch ein Parkplatz. Später kamen erste Veranstaltungen.“ Inzwischen sei ständig was los. „Es ist allein die Dauer“, sagt der Mann. „Ein Citybeach über zehn Wochen, das macht einen fertig.“
Die Lautstärke, das sind oft schon die Leute selbst
Auch Hamun Hirbod ist in doppeltem Sinne Anlieger. Er lebt am Platz auf der Lilie und führt hier auch sein Restaurant Amadeus – ebenfalls schon seit 20 Jahren. Er sagt: „Den Geräuschpegel machen allein schon die Menschen aus. Wenn ein paar hundert Leute feiern, ist das eine krasse Lautstärke, ein richtiger Bass, unabhängig von der Musik.“ Die komme aber oft noch hinzu: Bei den Wein- und Genusstagen sei nach der Live-Musik noch bis 24 Uhr „Rambazamba“ gewesen, so beschreiben es Anwohner. „Und wenn dann offiziell Schluss ist, bleiben die Leute auf dem Platz und feiern weiter, und das ist dann das Problem der Anwohner.“
Und zwar offenbar nicht nur in akustischer Hinsicht. „Obwohl es mehrere Toiletten gibt, benutzen viele Leute zu später Stunde Hauseingänge oder unsere Höfe“, sagt Hirbod – er habe sogar einen Nachbarn, der verstelle seine Einfahrt dann immer mit Baustellen-Baken, um des Pinkelproblems Herr zu werden. „Und da hört es wirklich auf.“
Keine einzige Beschwerde während des Citybeachs
Auf HAZ-Nachfrage äußert sich Hildesheim Marketing umfassend zur Problematik: Beschwerden der Anwohnenden nehme man dort sehr ernst, so Geschäftsführer Fritz Ahrberg, und gehe ihnen „schnellstmöglich“ nach. Es sei „aber auch so, dass wir in diesem Jahr beispielsweise während des Citybeachs keine einzige Beschwerde erhalten haben“. Als Veranstalter sei für Hildesheim die Berücksichtigung aller Vorgaben selbstverständlich, etwa die „zur Einpegelung von Musikanlagen, zur ausreichenden Bereitstellung sanitärer Anlagen sowie speziell zur Vermeidung von Ruhestörungen während der Nachtruhe“, wie Ahrberg sagt.
Insbesondere für den Citybeach habe man Maßnahmen ergriffen und unter anderem ein „Last-Order-Prinzip“ eingeführt: Die letzte Runde wird spätestens 15 Minuten vor dem offiziellen Veranstaltungsende ausgeschenkt. Außerdem wird schon eine halbe Stunde zuvor auf die bevorstehende Schließung des Citybeach hingewiesen. Außerdem habe man bei diesem Event in diesem Jahr erstmals komplett auf Live-Musik verzichtet und wolle das auch weiterhin tun. „Einzige Ausnahme“, so Ahrberg, „war der Festakt anlässlich der Special Olympics World Games – jedoch fand das Musikprogramm dort nachmittags sowie am frühen Abend statt.“
Ein Ordnungsgeld kann der Veranstalter nicht erheben
Nicht auf jedes Fehlverhalten habe man jedoch Einfluss. „Wenn sich Personen trotz ausreichend zur Verfügung stehenden Toilettenanlagen in Hausecken erleichtern, verurteile ich dies und kann den Unmut der Anwohnerinnen und Anwohner komplett nachvollziehen. Einschreiten können wir jedoch allenfalls verbal, wenn wir dies beobachten.“ Ein Durchgriffsrecht im Sinne eines Ordnungsgeldes habe man als Veranstalter nicht.
Auch Ralf Gurnhofer von G1 Events, dem Veranstalter der Genuss- und Weintage, betont, dass er seinen Auflagen nachkommt. „Die Lautstärke der Musik wird eingepegelt, und zwar nicht von uns selbst, dafür kommt extra eine Firma aus Hannover“, sagt er, zusätzlich werde das Ganze abgenommen von der Immissionsschutzbehörde. „Und wenn die Veranstaltung zu Ende ist, machen wir den Platz sauber, das ist klar“, sagt Gurnhofer. Auch das verursache sicher Geräusche, man unterhalte sich dabei und trinke vielleicht auch noch etwas gemeinsam, man gebe sich aber Mühe, all das im Rahmen zu halten.
Schwierig wird es, wenn Alkohol im Spiel ist
Doch genau dieser Rahmen sei eben mehr als die Summe einzelner Faktoren, so Hirbod. Und Grenzüberschreitungen einer Veranstaltung könnten sich negativ auf die Toleranz auch gegenüber anderen Events auswirken, selbst wenn die dann ganz andere Verantwortliche haben. Eine Gefahr, die man auch bei der Stadt sieht: „Die Gefahr, dass andere Veranstaltungen bei Verstößen leiden, wenn sich Veranstalter nicht an Auflagen halten, besteht selbstverständlich immer“, so Sprecher Helge Miethe. „Der Stadt Hildesheim ist sehr daran gelegen, sowohl den Belangen der Gäste als auch den berechtigten Belangen der Anwohnenden gerecht zu werden.“ Damit dies gelinge, müssten aber alle Beteiligten mitspielen. „Das ist leider – gerade wenn Alkohol im Spiel ist – nicht immer der Fall.“
Fritz Ahrberg kann zumindest mit der Aussicht auf ein Anwohner-freundlicheres Jahr 2024 schließen: Da werde es „durch die früheren Schulferien sowie den kürzeren Citybeach zu einer deutlichen Entzerrung der Termine kommen“. Ging der Citybeach in diesem Jahr 69 Tage, werden es im kommenden nur 52 Tage sein. Zwischen dem Citybeach und den Genuss- und Weintagen werden nach aktueller Planung dreieinhalb Wochen liegen. 2023 sei in dieser Hinsicht eine Ausnahme gewesen. „Ich hoffe“, so Ahrberg, „dass auch diese Entzerrung zu einer Erleichterung für die Anwohnerinnen und Anwohner führt“.



