Anti-Terror-Einsatz am Mittwoch

Ex-Polizist, Bundestagskandidat, Unternehmer – und mutmaßlicher Rechtsterrorist: Die Hintergründe zum festgenommenen Alfelder Michael Fritsch

Alfeld - Michael Fritsch arbeitete Jahrzehnte bei der Polizei, war nebenbei Unternehmer und wurde schließlich zur Ikone der „Querdenker“-Szene – jetzt wurde er wegen Terrorismusverdachts festgenommen und sitzt in U-Haft. Dass er sich radikalisiert hatte, zeigen zahlreiche Äußerungen aus den vergangenen zwei Jahren.

Michael Fritsch bei einer Demonstration am 5. April 2021 in Berlin – am Mittwoch wurde er wegen mutmaßlicher Mitgliedschaft einer rechtsterroristischen Vereinigung festgenommen. Foto: Christophe Gateau/dpa

Alfeld - Mehr als 40 Jahre hat Michael Fritsch als Polizeibeamter gearbeitet, davon 15 Jahre als Sicherheitsberater bei der Polizeidirektion Hannover. Doch im Lauf der Zeit ist er politisch abgedriftet, während der Corona-Pandemie zog es ihn verstärkt auf Demos sogenannter Querdenker.

Schon nach seiner ersten öffentlichen Rede auf solch einer Veranstaltung in Dortmund im Sommer 2020 wurde Fritsch zu einer der bundesweit bekannten Gallionsfiguren in der Szene der Corona-Leugner und Regierungsgegner – bei seinem Arbeitgeber, dem Land Niedersachsen, wurde er deswegen zur Persona non grata, er wurde vom Dienst suspendiert. Für seine Anhänger war der Alfelder ein Vorbild und Kämpfer für die richtige Sache, ein echter „Schutzmann mit Herz und Hirn“, wie er sich selbst gerne bis zuletzt nannte – aus Sicht der Kritiker war der einstige Staatsdiener da längst radikalisierter Staatsfeind.

„Wir wollen raus aus dieser Diktatur“ forderte Fritsch im April öffentlich

Diese Annahme, das scheint sich jetzt zu bestätigen, war sehr berechtigt: Fritsch soll zum Führungsstab einer rechtsterroristischen Vereinigung gehört haben, Polizisten haben ihn neben 24 weiteren Personen am Mittwoch festgenommen. Ziel der Gruppe soll der Umsturz des politisches Systems in Deutschland gewesen sein.

Dass er die derzeitigen Strukturen beseitigt haben möchte, daraus hat Fritsch in den vergangenen Monaten nie einen Hehl gemacht. Wohl aber hat er sich stets bemüht, nicht öffentlich zur Gewalt aufzurufen. Nach einer Demonstration der „Querdenker“-Szene in Berlin im April dieses Jahres hatte Fritsch sich in einem Videostatement so geäußert: „Wir wollen auf jeden Fall eine Veränderung des politischen Systems, wir wollen aus dieser Diktatur, diesem Faschismus raus in eine friedfertige Gesellschaft. Wir sagen immer wieder, dass das nicht mit Gewalt geht. Wir wollen diesen Wandel anstreben, ohne dass ein Schuss fällt in Deutschland.“

Zu diesem Zeitpunkt soll der Ex-Polizist bereits Teil der nun zerschlagenen Terrorgruppe aus der Reichsbürgerszene gewesen sein. Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft haben die Beschuldigten spätestens Ende November 2021 die Vereinigung gegründet. Sie wollten die staatliche Ordnung in Deutschland durch eine eigene ersetzen, wie die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe dazu mitteilt. Diese Strukturen hätten sie in Grundzügen schon ausgearbeitet – samt einer Art Minister um ein Staatsoberhaupt. Für den Umsturz hätten sie auch Tote in Kauf genommen und gezielt Soldaten und Polizisten rekrutiert – darin sind sich die Ermittler sicher. Die Gruppe sei von Verschwörungsideologien getrieben.

Deutschland befinde sich im Krieg, meinte Michael Fritsch schon im vergangenen Jahr

Michael Fritsch hat in seinen öffentlichen Auftritten und in Stellungnahmen immer wieder Formulierungen und Codes benutzt, die in der Verschwörungstheoretiker-Szene, mitunter auch bei Rechtsextremen, bekannt und gängig sind. So forderte er immer wieder, bejubelt von Zuhörern, „die Wiederherstellung und Sicherung der freiheitlichen-demokratischen Grundordnung“, als sei diese tatsächlich abgeschafft.

Im April 2021 hatte Fritsch in der Telegram-Gruppe „Soldaten & Reservisten“ eine Sprachnachricht veröffentlicht, in der er konkret über die Rolle von Polizisten und Militär in Bezug auf einen möglichen Umsturz zu sprechen kam. Viele Polizisten würden „aus Angst und Bequemlichkeit nicht die Initiative ergreifen“ erklärte Fritsch, aber „wenn der Tag kommt, glaube ich, dass der überwiegende Teil sich auf die Seite der Bevölkerung stellt. Sie haben einfach nur Angst, sie sind es nicht gewohnt zu kämpfen. (…) Diese Kollegen haben zu einem weiten Teil noch nicht verinnerlicht, dass wir uns hier in einem Krieg befinden.“

Gegenüber der HAZ bestätigte Fritsch im Juni des vergangenen Jahres schriftlich, dass die Sprachnachricht vom ihm stamme.

Bundestagskandidat für Querdenker“-Partei dieBasis

Zu dieser Zeit war Fritsch bereits offiziell Kandidat für den Bundestag, er stand auf Platz eins der niedersächsischen Landesliste der aus der „Querdenker“-Szene hervorgegangenen Partei dieBasis.

In der auf Telegram geteilten Sprachnachricht hatte der Mann aus Alfeld noch gesagt: „Wir müssen uns auch sicher sein, wenn quasi die Regierung abgesetzt wird, dass die militärische Einheit dann vorübergehend die Kontrolle übernimmt und mit der Polizei zusammen für Frieden auf den Straßen sorgt, damit wir das neue System etablieren können. In Bildern gesprochen: Das alte marode und morsche Gebäude abreißen, auskoffern und dann ein neues Fundament gießen, damit wir was Neues aufbauen können. Das ist das, was ich als Ziel persönlich sehe.“

Mit dem Zitat konfrontiert, erklärte Fritsch im Juni 2021 gegenüber der HAZ: „Selbstverständlich wünsche ich mir keinen Militärputsch in Deutschland und ich betätige mich ausdrücklich weder an einem Putsch, an einer Revolution oder an einem Versuch, die Regierung gewaltsam abzusetzen. Vielmehr habe ich mich für die Option entschieden, auf dem politischen Weg positive Veränderungen zu bewirken.“ Dennoch befürchte er, „dass es auch in unserem vermeintlich sicheren Land durch die zunehmende, auch politisch bedingte Spaltung der Gesellschaft, zu Unruhen kommen könnte.“

Früherer Geschäftspartner hat sich schon vor längerem von Fritsch distanziert

Einer, der früher eng mit Fritsch verbunden war und sich aber schon vor einiger Zeit von ihm wegen dessen Radikalisierung distanziert hat, ist Holger Fricke. Er war ein Freund und Geschäftspartner Fritschs.

Neben seinem Polizeidienst war Michael Fritsch einige Jahre auch Unternehmer. 2015 gründete er zusammen Holger Fricke die Firma IPS-World GmBH (IPS steht für Individuelle Persönliche Sicherheit). Jeweils 100.000 Euro Eigenkapital haben Fritsch und Fricke in die Entwicklung einer Box investiert, in der beispielsweise am Strand oder im Freibad Wertsachen sicher deponiert werden können. Fritsch war von Anfang an Geschäftsführer des Unternehmens. Die Firma gilt aktuell allerdings als „vorübergehend geschlossen“.

Fricke hat inzwischen aber die Annullierung der GmbH beantragt. „Das Unternehmen befindet sich in Auflösung“, erklärt er am Mittwoch auf Nachfrage der HAZ. Nach den Gründen gefragt, verweist er auf Fritsch. Er habe schon vor längerem gemerkt, dass sein Kompagnon sich verändere. Das habe schon früh mit den ersten Querdenker-Demos begonnen, erinnert sich Fricke. Er selbst habe mehrfach das Gespräch mit Fritsch gesucht, doch nichts bewirken können. Mehr wolle er aber auch nicht zu dem Thema sagen.

Fricke hat seine Konsequenzen gezogen und sich von Fritsch distanziert, den Kontakt abgebrochen. Der nächste Schritt sei nun die Auflösung der gemeinsamen Firma. Ob damit auch der Strandsafe stirbt, ist noch ungewiss, sagt Fricke, der in Alfeld zudem ein IT-Unternehmen hat, das mit der IPS-World GmBH aber nichts zu tun hat. „Ich überlege, ob es einen Weg geben könnte, zumindest an der Box festzuhalten.“

Von Jan Fuhrhop und Ulrike Kohrs

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