Stromversorgung

Expertenstreit um Riesen-Kraftwerk im Raum Hildesheim: Stütze oder Hindernis der Energiewende?

Mehrum - Deutschland braucht neue Gaskraftwerke, um den früheren Kohleausstieg zu schaffen, sagt die Bundesregierung. Die Erdgas-Pläne des Kraftwerks Mehrum stoßen bei Fachleuten und dem Landes-Umweltministerium dennoch auf Kritik. Wer sagt was in diesem sehr grundsätzlichen Streit zur deutschen Energiewende?

Mehrum - Das Steinkohle-Kraftwerk in Mehrum wird im März nächsten Jahres endgültig stillgelegt. Der Betreiber plant, auf dem Gelände stattdessen ein großes Gaskraftwerk zu errichten, und hat bereits erste Schritte auf dem Weg dorthin vollzogen.

Doch inzwischen entzündet sich an dem Vorhaben ein Streit, der exemplarisch für die Debatten der nächsten Jahre in Deutschland stehen dürfte: Sind Gaskraftwerke, wie sie in Mehrum konzipiert werden, für die Energiewende unverzichtbar, um eine Brücke zwischen dem Kohleausstieg und einer angestrebten Vollversorgung mit Strom aus erneuerbaren Quellen zu schlagen? Oder bremsen sie die Energiewende aus, weil sie auf Jahrzehnte die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen festschreiben?

Die Vorgeschichte

Der tschechische EPH-Konzern als Betreiber hatte das Steinkohle-Kraftwerk Mehrum ursprünglich im Herbst 2021 stillgelegt – im Rahmen des Kohleausstiegs gegen eine Prämie des Bundes. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und dem folgenden Ende der Erdgas-Lieferungen aus Russland gehörte Mehrum dann allerdings zu jenen Meilern, die durch eine Verordnung von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wieder in Betrieb gingen.

Das Konzept: Um Gas zu sparen, das für Haushalte und Industrie benötigt wurde, sollten Gaskraftwerke weniger laufen und befristet durch wieder mehr Stromproduktion aus Kohle ersetzt werden. Viele Experten betrachteten den Schritt als unumgänglich – viele andere monierten, die Stromproduktion in Deutschland werde dadurch wieder klimaschädlicher. Vor allem letztere Gruppe sprach sich eher für einen Weiterbetrieb der Atomkraftwerke aus, den die Bundesregierung aber ablehnte.

Der Plan in Mehrum

Gedankenspiele um eine Wasserstoff-Produktion und den Gewinn von Strom durch Verfeuern von Wasserstoff oder durch ein klassisches Gaskraftwerk gab es in Mehrum schon vor dem Ukraine-Krieg. Inzwischen wurden sie deutlich konkretisiert. Die Idee, auf die sich der Betreiber vorerst festgelegt hat: ein möglichst großes Gaskraftwerk, das technisch aber auch imstande sein soll, Wasserstoff – langfristig möglichst aus Ökostrom erzeugt – zu verbrennen, um daraus Strom zu gewinnen. Überlegungen gibt es zusätzlich zu einer Wasserstoff-Produktion aus Ökostrom auf dem Gelände.

Inzwischen hat die Kraftwerk Mehrum GmbH beim Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig einen sogenannten Vorbescheid nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz beantragt – ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu einer vollwertigen Baugenehmigung. Dabei haben die Verantwortlichen um Mehrum-Geschäftsführer Armin Fieber zwei Varianten vorgelegt: eine mit einer Leistung von 1,1 Gigawatt, eine sogar mit 1,2 Gigawatt.

Wir haben in der Energiewende-Diskussion keine Zeit, alles zu zerreden und nichts voranzubringen.

Armin Fieber, Geschäftsführer der Kraftwerk Mehrum GmbH

Das wäre gigantisch. Rechnerisch könnte eine solche Anlage bis zu 7,2 Milliarden Kilowattstunden Strom produzieren. Das wäre das Niveau eines Atomkraftwerks und deutlich mehr, als in Mehrum je durch Steinkohle-Verbrennung an Strom erzeugt wurde – genug für rund 2 Millionen Durchschnittshaushalte. Diese Zahlen wären aber erst einmal Theorie, betont Geschäftsführer Fieber. Zum einen werde das Gaskraftwerk kaum 6000 Stunden im Jahr laufen, sondern vor allem bei Mangel an Wind- und Photovoltaikstrom einspringen.

Zum anderen gebe es vergleichbare Gaskraftwerke noch gar nicht, die größte realisierte Anlage habe eine Leistung von 900 Megawatt. Die Verantwortlichen wollten allerdings für mögliche technische Weiterentwicklungen in der Zukunft gerüstet sein und dafür einen maximalen Rahmen schaffen.

Die Kritik

Scharfe Kritik an dem Mehrumer Vorhaben äußerte kürzlich Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Professorin an der Universität Lüneburg, beim „Energieforum“ an der Hochschule. Sie ist eine gefragte Expertin zum Thema Energiewende, Kritiker halten sie allerdings für zu optimistisch in Bezug auf das Tempo der Umstellung. Kemfert jedenfalls monierte, Mehrum sei ein „Dinosaurier“ der fossilen Stromerzeugung. Es ergebe wenig Sinn, ein derart großes Gaskraftwerk neu zu bauen. Viel sinnvoller sei es, 15 bis 20 kleine Anlagen, die insgesamt auf die gleiche Leistung kommen, dezentral zu bauen.

Andere Expertinnen und Experten, etwa von der Organisation „Scientists for Future“, sprangen ihr bei. Ein großer Kritikpunkt: In einem Kraftwerk, wie es in Mehrum geplant werde, entstehe genug Abwärme für die Wärmeversorgung mehrerer Großstädte – könne aber aufgrund des Standorts kaum für die Wärmewende genutzt werden und verpuffe deshalb in der Atmosphäre. „Ein Kraftwerk ohne Abwärmenutzung überhaupt noch zu planen, ist aus der Zeit gefallen“, schimpfte Kemfert.

Auch Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) übte auf HAZ-Anfrage Kritik: Niedersachsen wolle bis spätestens 2040 klimaneutral sein und bis dahin die Energieversorgung vollständig auf erneuerbare Quellen umgestellt haben. Neue fossile Gaskraftwerke „passen deshalb nicht mehr in die Zeit“. Ein Neubau, so Meyer, ergebe keinen Sinn.

So wehrt sich Mehrum

Geschäftsführer Armin Fieber kann die Einwände zum Teil nachvollziehen. „Die Alternative, statt einer großen Anlage lieber 20 kleine, dezentrale Anlagen zu bauen, halte ich aus Sicht der Energiewende für sehr interessant.“ Da Deutschland im Zuge des Kohleausstiegs ein „Erzeugungsloch“ von rund 15 Gigawatt drohe, reiche das aber nicht aus: „Wir müssen verschiedene Konzepte realisieren, damit die Versorgungslücke geschlossen werden kann.“ Ein neues Kraftwerk in Mehrum biete die Chance „sich Zeit zu verschaffen“. Denn das, so Fieber, „ist es, was wir in der ganzen Energiewende-Diskussion nicht haben. Zeit, alles zu zerreden und nichts voranzubringen.“

Neue fossile Gaskraftwerke passen nicht mehr in die Zeit.“ Christian Meyer, Umweltminister des Landes Niedersachsen

Mehrum biete dabei den großen Vorteil, dass das Kraftwerk eben nicht „auf der grünen Wiese“ entstehen würde, wie Kemfert monierte – und wie das bei vielen kleinen neuen Anlagen der Fall wäre – sondern auf einem genehmigten Kraftwerks-Standort. Dadurch könne es deutlich schneller gebaut werden und im besten Fall schon 2028 ans Netz gehen – rechtzeitig vor der für 2030 erwarteten Lücke bei der Stromversorgung durch den beschleunigten Kohleausstieg, wegen der auch die Bundesregierung den Bau Dutzender neuer Gaskraftwerke in den nächsten Jahren will. Bei der Stromproduktion aus Erdgas ist der CO2-Ausstoß pro Kilowattstunde deutlich geringer als bei der Erzeugung von Strom aus Steinkohle.

Das sagt das Bundeswirtschaftsministerium

Tatsächlich hält entgegen der Position des niedersächsischen Umweltministeriums das Bundeswirtschaftsministerium den Bau neuer Gaskraftwerke zur Bewältigung der Energiewende absolut für nötig. Minister Habeck bezeichnete zusätzliche Gaskraftwerke kürzlich als „entscheidende Voraussetzung“ für einen auf 2030 vorgezogenen Kohleausstieg. 15 Gigawatt Kapazität für neue „Wasserstoff-Kraftwerke, die vorübergehend mit Erdgas betrieben werden können“, so seine Formulierung, will der Bund ausschreiben, zusätzlich 8,8 Gigawatt für Anlagen, die von Anfang an mit Wasserstoff betrieben werden.

Ein Gigawatt in Mehrum könnte dazu gut passen. Das Bundeswirtschaftsministerium äußerte sich auf HAZ-Anfrage zu dem Vorhaben zwar nicht konkret auf den Standort bezogen – aber allgemein durchaus im Sinne von Geschäftsführer Fieber. „Wir brauchen langfristig keine Gaskraftwerke. Aber wir brauchen sie kurzfristig, bis sie dann möglichst schnell auf Wasserstoff umstellen können“, sagte eine Sprecherin – genau das also, was in Mehrum geplant wird. Und sie ergänzte: „Tatsächlich ist die Nutzung bestehender Kraftwerks-Standorte vielfach vorteilhaft, weil Infrastruktur anliegt.“ Ob die Kraftwerke groß oder klein ausfielen, sei „in erster Linie Sache des Betreibers oder Investors“.

Auf die Genehmigung haben Bundes- und Landesregierung ohnehin keinen Einfluss, es sei denn, es kommt noch zu Gesetzesänderungen. Ansonsten ist die Genehmigung Sache des Gewerbeaufsichtsamtes.

Die Wärme-Frage

Dass die Abwärme eines möglichen Gaskraftwerks in Mehrum wohl nicht komplett für Haushalte oder Industrie genutzt werden könnte, bestreitet Geschäftsführer Fieber nicht. Er betont aber: „Überlegungen zur Fernwärmenutzung gibt es natürlich.“ Schließlich würde dies die Wirtschaftlichkeit des geplanten Gaskraftwerks erhöhen. „Wir bringen uns daher in die Überlegungen der Gemeinden zur Entwicklung eines Wärmekonzeptes auf der Ebene des Landkreises Peine mit ein“, betont er. Ob sich dadurch tatsächlich eine Wärmenutzung ergeben könne, sei noch nicht klar. Überschüssige Wärme könne im Idealfall durch den bereits bestehenden Schornstein abgeführt werden, der dann stehen bleiben würde, wenn voraussichtlich vom nächsten Jahr an das Steinkohle-Kraftwerk abgerissen wird.



Was er den Kritikern noch entgegenhält: Das Konzept eines neuen Gaskraftwerks sei ja eher, einzuspringen, wenn nicht genug Ökostrom zur Verfügung steht. Dann gehe seine Anlage ans Netz und produziere auch Abwärme – unabhängig davon, ob diese gerade irgendwo benötigt werde.

Die wirtschaftliche Frage

Ob in Mehrum tatsächlich ein Gaskraftwerk gebaut wird, steht ohnehin noch nicht fest – nicht nur, weil es noch keine Baugenehmigung gibt. „Wenn sich das Kraftwerk unter den zukünftigen Rahmenbedingungen nicht rechnen sollte, wird kein Kraftwerk gebaut“, betont Geschäftsführer Fieber. „Diesen Rahmen auszuloten und Stück für Stück zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, ist unsere derzeitige Aufgabe.“

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