Elze - „Mein Gott, ich habe das Feuer nicht ausgekriegt!“, schreit der Chemielehrer. Er sitzt auf der Stufe zum Eingang der Krüger-Adorno-Schule in Elze. Der Mann ist verzweifelt, er kann nicht fassen, was da gerade passiert ist. Er berichtet dem Einsatzleiter, so gut es geht von einem Experiment, das er gemacht hat. Dann reißt er sich los und will wieder in das brennende Gebäude laufen.
Bei der Großübung in Elze am Sonnabendmorgen haben die Planer des Probeeinsatzes sich einiges einfallen lassen, um die Retter zu fordern. Das Szenario: Im zweiten Stock der Schule gibt es eine Explosion während des Chemieunterrichtes, es brennt, im Gebäude sind 22 Schüler, die gerettet werden müssen.
Kurz nach 9 Uhr gibt es einen lauten Knall im Heilswannenweg. Dann steigt Rauch aus dem ehemaligen Schulgebäude auf. Wenige Minuten später, um 9.19 Uhr piepen die Alarmempfänger, dann ertönt die Sirene. Wieder wenig später, noch eine Explosion, Flammen auf dem Dach. Der Sprengberechtigte Adolf Jürgensen vom THW Elze hat ganze Arbeit geleistet.
Um 9.27 Uhr rollen die ersten Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht in den Heilswannenweg. Die komplette Feuerwehr der Stadt Elze ist dabei, Gronauer Feuerwehr, Berufsfeuerwehr Hildesheim, THW Alfeld, Polizei Elze/Gronau, DRK Alfeld, der ASB Gronau und ein Team von Notfallseelsorgern – insgesamt sind etwa 150 Einsatzkräfte beteiligt.
Übung mit vielen Facetten
Der übungsverantwortliche Feuerwehrmann Christian Kerner und Elzes Stadtbrandmeister Heiko Buschmann sind die verantwortlichen Planer. Bei ihrer Übung haben es die Retter nicht nur mit Löschen und Bergen zu tun, sie finden auch zwei Tote im Schulgebäude, verletzte Schüler und treffen auf sehr verstörte und hysterische Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen.
Die Mütter und Väter werden von zehn Darstellern einer Alfelder Theatergruppe gemimt. „Auf der Trage liegen und ,Ahhh’ schreien, ist etwas ganz anderes“, erklärt Stadtbrandmeister Buschmann.
Die Darsteller aus Alfeld spielen die Verzweiflung perfekt. Auch Feuerwehrfrau Kerstin Serdjukow hat eine Rolle. Sie stellt eine Feuerwehrfrau dar, die dieser Einsatz völlig überfordert.
Nicht nur die Größe der Übung an diesem Sonnabend ist ungewöhnlich, sondern auch, dass ein Team der Psychosozialen Notfallversorgung mit dabei ist. Sechs Seelsorger unter der Leitung von Ann-Christin Ladwig. Die Pastorin aus dem Kirchenkreis Hildesheimer Land-Alfeld ist Mitglied der Feuerwehr in Sehlde. Ihr Team ist erkennbar an den lilafarbenen Westen, auf dem Rücken die Aufschrift: Notfallseelsorger.
Das ist für uns nicht alltäglich, auch für die Retter nicht
Zwar hat die Alarmierung der Seelsorger nicht geklappt, wie geplant, sie mussten telefonisch alarmiert werden, aber sie sind schnell zur Stelle. Der Einsatz hat gerade begonnen, die Lage muss gesichtet und das Vorgehen schnell besprochen werden. „Das ist für uns nicht alltäglich, auch für die Retter nicht“, sagt Ladwig. „Moritz, Moritz“, brüllt ein Darsteller und will in die Schule stürmen. Die Retter haben Mühe, den Mann festzuhalten. Als es gelingt, geben sie ihn in die Obhut der Seelsorger.
„Die Schreie und die Panik sind auch für Einsatzkräfte sehr belastend“, erklärt Ingo Seifert, stellvertretender Elzer Stadtbrandmeister. Wichtig sei in solchen Fällen die Nachbesprechung des Einsatzes, bei dem jeder Kamerad den anderem im Blick hat, um zu sehen, ob er vielleicht psychologische Hilfe benötigt. Daher ist auch ein Seelsorger an diesem Morgen dabei, der sich um die Einsatzkräfte kümmert. Wie um Feuerwehrfrau Kerstin Serdjukow.
Schaulustige filmen und fotografieren
Während Schaulustige auf den Gehwegen des Heilswannenweges ihre Handys zücken und die Einsatzkräfte filmen, gehen die Retter ihren Aufgaben nach. Auf dem Firmengrundstück gegenüber der Schule bringen die Seelsorger die verzweifelten Angehörigen in Abstand zum Geschehen. Heiner Birnstiel, Psychologe von der Psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNVE) Nordstemmen/Elze, beschäftigt sich mit zwei Jugendlichen, unterhält sich mit ihnen, bietet ihnen eine Cola an.
Nico Lassa, Diakon in Ausbildung und Benediktiner-Mönch, ist es gelungen, eine total hysterische junge Frau zu beruhigen und zur Gruppe zu bringen. Der 27-Jährige ist durchgeschwitzt von der anstrengenden Aufgabe. „Wir versuchen, mit den Betroffenen zu reden, sie aus dem Umfeld zu bringen, ihre Ressourcen zu aktivieren, in dem wir ihnen etwas zu trinken anbieten“, erklärt Lassa. Matthias Böning, Geschäftsführer Diakonisches Werk Kirchenkreisverband Hildesheim, schreibt als Notfallseelsorger die Namen der Kinder auf und versucht von den Einsatzkräften Informationen zu bekommen, um die den Eltern mitzuteilen.
Es war mega-anstrengend und ich habe wirklich großen Respekt vor den Aktiven
Am Ende der Übung nach zweieinhalb Stunden sind alle ziemlich geschafft, aber zufrieden. Der Stadtbrandmeister Buschmann sagt, dass die Ziele der Übung erreicht worden sind. Einziges Manko: Es waren zu wenig Atemschutzgeräteträger dabei. „Aber das hat man nicht in der Hand“, sagt er mit Blick auf die freiwilligen Retter. Im Ernstfall hätte er weitere Wehren alarmieren müssen. „Es war mega-anstrengend und ich habe wirklich großen Respekt vor den Aktiven“, sagt Pastorin Ladwig.
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Die Übung war eine Herausforderung für sie und ihr Team. Aber eine nachhaltige. Denn am Rande hatte sie Gelegenheit, auch mit anderen Einsatzkräften zu sprechen und von ihrem Team zu berichten. „Man weiß jetzt voneinander und kann die Seelsorge mit einbeziehen“, sagt sie.




