Kreis Hildesheim - Eine 17-Jährige kommt bei einem Motorradunfall in Nordstemmen ums Leben. Zwei 18-Jährige sterben bei einem Unfall in der Nähe von Schellerten. Bei einem Brand in Groß Lobke kommt eine 78-Jährige auf tragische Weise zu Tode. Alles Einsätze der vergangenen Wochen. Immer sind ehrenamtliche und zum Teil junge Feuerwehrleute dabei. Sie müssen danach mit den Bildern vom Einsatz leben, die dramatischen Szenen verarbeiten.
Doch anders als in anderen Landkreisen und Städten der Region ist im Landkreis Hildesheim professionelle psychische Unterstützung für die Retter nicht vorgesehen. Das hatte Schellertens Gemeindebrandmeister Peter Notka schon nach dem tödlichen Unfall dort kritisiert. Für ihn ist es unverständlich, dass es so ein Angebot derzeit nicht gibt: „Das ist ja bei der Landkreisgröße ein Armutszeugnis, ein Offenbarungseid.“ Das sieht der stellvertretende Gemeindebrandmeister von Algermissen, Stefan Sohns, ganz ähnlich: „Das ist eine Vollkatastrophe“. Nach jeden größeren Einsatz gibt es eine Nachbesprechung, berichtet Sohns. „Wenn es ganz böse war, dann auch am Folgetag.“ So wird es auch bei anderen Feuerwehren im Kreis gehandhabt. Gemeinsam über das Erlebte sprechen, bei einem Cola oder einem Kaffee. Das hilft oft schon. Aber nicht immer. Und Sohns und die übrigen Führungskräfte sind eben weder Seelsorger noch Psychiater.
In Hildesheims Nachbarkreisen gibt es solche Angebote längst
In Hildesheims Nachbarschaft gibt es diese Strukturen bereits. Der deutlich kleinere Landkreis Peine hat im vergangenen Jahr ein Team für Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte an den Start gebracht, das jederzeit über die Rettungsleitstelle angefordert werden kann. „Unsere Teams in der Einsatznachsorge bestehen aus einer psychologischen Fachkraft und den sogenannten Peers“, erklärt Koordinatorin Ramona Semmler: „Die Peers sind erfahrene und ausgebildete Einsatzkräfte, die auf Augenhöhe bedarfsgerechte Einzel- oder Gruppengespräche in der Einsatznachsorge führen.“ Die Gruppe ist aber nicht nur nach Einsätzen für die Retter da, sondern bietet auch Prävention an. So wird in Schulungen etwa vermittelt, wie der Körper auf belastende Ereignisse reagiert, und wie mit dem Stress nach belastenden Einsätzen umgegangen werden kann.
Bei der Braunschweiger Feuerwehr gibt es eine psychosoziale Notfallvorsorge für Einsatzkräfte bereits seit 25 Jahren. Seit 2017 in Form eines 25-köpfigen Einsatznachsorgeteams, unter anderem zwei Notärzte, eine Psychotherapeutin und ein Theologe. „Jedes Mitglied wird nach einem zertifizierten Verfahren 100 Stunden ausgebildet und trifft sich im Team drei bis vier Tage im Jahr zu Fortbildungen“, berichtet Stadtsprecher Rainer Keunecke. In der Stadt Hannover sind 17 Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger tätig, die sich nicht nur um Unfallopfer, sondern auch um ehren- und hauptamtliche Einsatzkräfte kümmern.
In Hildesheim sollte Betreuung schon 2018 starten
In der Region Hannover sind nicht alle Notfallseelsorger auch für die Betreuung von Einsatzkräften ausgebildet, wie Feuerwehrseelsorger und Pastor Matthias Stalmann erläutert: „Sie können aber durchaus erste Unterstützungen bieten beziehungsweise weitergehende Angebote vermitteln.“ Im Kreis Holzminden kümmern sich die Notfallseelsorger bei Bedarf auch um Einsatzkräfte. Dies sei nicht mit einer professionellen Psychosozialen Unterstützung (PSU) zu vergleichen, räumt Kreissprecher Peter Drews ein. Die von den Kirchen angebotene Hilfe könne aber auch Vorteile haben, so Drews, dann nämlich, wenn es bei den Gesprächen um Dinge gehe, die möglicherweise rechtliche Konsequenzen haben könnten: „Denn die christlichen Seelsorger unterliegen der Schweigepflicht, die Kräfte eines professionellen PSU-Teams nicht.“
Im Landkreis Hildesheim sollte es eigentlich auch längst ein solches Angebot geben, organisiert unter anderem von den Johannitern. Es wurde den Stadt- und Gemeindebrandmeistern bereits 2018 vorgestellt. Doch umgesetzt wurde das Konzept nach Angaben von Kreisbrandmeister Josef Franke bis heute nicht. „In der Corona-Zeit ist das wieder zurückgestellt worden“, sagt Franke. Das Angebot müsse nun erst wieder neu aufgebaut werden. Er rechnet damit, dass es im Laufe des nächsten Jahres so weit ist. Wann genau, könne er noch nicht sagen.
Söhldes Bürgermeister ist verärgert
Die Information, dass das geplante Angebot für Einsatzkräfte nicht umgesetzt wurde, ist bei den Gemeindefeuerwehren und bei den Bürgermeistern offenbar nicht angekommen. „Ich bin davon ausgegangen, dass es das gibt“, sagt René Marienfeldt, seit 2021 Bürgermeister von Söhlde und vorher dort Gemeindebrandmeister. Dass die Versorgung der Einsatzkräfte nun doch nicht zur Verfügung steht, habe ihn „gewundert und auch geärgert“, sagte Marienfeldt.
Vor allem aber versteht er nicht, warum dies nicht kommuniziert wurde. „Das hätte man ja wenigstens sagen können. Das geht so nicht“, sagt Marienfeldt, der auch unter den Bürgermeistern aus dem Landkreis für das Thema Feuerwehren zuständig ist: „Ich nehme das jetzt mit in unsere Runde, ist ja klar.“
Kommentar: Jetzt muss es schnell gehen
Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren sind ständig in Bereitschaft – für uns alle. Ob Brand, Unfall oder Hochwasser – die Einsätze sind oft in der Nacht, bei Regen und Kälte. Und die Retter müssen teilweise grausame Szenen mit ansehen. Manche Bilder bleiben noch lange im Kopf. Dass Feuerwehrleute bei Bedarf eine professionelle psychische Betreuung bekommen, sollte deswegen eigentlich selbstverständlich sein. Vertreter von Kommunen, Feuerwehren und Landkreis müssen sich an einen Tisch setzen – damit das eigentlich längst geplante Angebot jetzt ganz schnell an den Start gehen kann. Die Corona-Pandemie jedenfalls kann schon lange nicht mehr der Grund dafür sein, dass die Psychosoziale Notfallversorgung für die Einsatzkräfte noch nicht längst eingeführt ist.

