Hildesheim/Essen - Es hatte sich angedeutet, als Galeria Karstadt Kaufhof vor einigen Wochen den Sanierungstarifvertrag kündigte und neue Staatshilfen beantragte – der erneute Insolvenzantrag der Warenhaus-Kette sorgte am Montagabend dennoch für einen Schock. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Wie kam es zum Insolvenzantrag?
Vor allem durch zwei Aspekte: Zum einen führt Vorstandschef Miguel Müllenbach an, dass steigende Energiepreise und die Kaufzurückhaltung vieler Kundinnen und Kunden aufgrund der Inflation zu höheren Ausgaben, aber niedrigeren Einnahmen als erwartet geführt hätten. Damit fehle das Geld, um die nach dem Insolvenzverfahren vor zwei Jahren angestrebten Umstrukturierungen weiter voranzutreiben.
Zum anderen hatte Galeria noch einmal 250 Millionen Euro Staatshilfe in Form von Krediten des Wirtschaftsstabilisierungsfonds beantragt. In den Verhandlungen über ein erneutes Darlehen des Bundes gab es jedoch keine Einigung.
Vorstandschef Müllenbach erklärte zwar jetzt, ein erneuter Kredit hätte das Unternehmen ohnehin zu stark belastet. Beantragt hatte er ihn zuvor allerdings – die jetzigen Aussagen sollen wohl eher davon ablenken, dass der Bund der Warenhaus-Kette offenbar deutlich skeptischer gegenüber steht als vor zwei Jahren. Müllenbach spricht dennoch von Einigkeit mit dem Bund: „Dauerhafte staatliche Darlehen können nicht die Lösung sein, sondern es bedarf eines klaren Schnitts hin zu wirtschaftlich tragfähigen Strukturen“, sagte er der FAZ. Für das Schutzschirm-Verfahren habe sich das Unternehmen „gemeinschaftlich mit dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds entschieden“.
Was ist ein Schutzschirm-Verfahren?
Sozusagen eine milde Form des Insolvenzverfahrens. Es kann vom zuständigen Gericht genehmigt werden, wenn dem betroffenen Unternehmen die Zahlungsunfähigkeit zwar droht, diese aber noch nicht eingetreten ist und eine Sanierung aus Sicht von Experten als gut möglich gilt. Zumal viele Schritte einer solchen Sanierung durch das Insolvenzverfahren erleichtert werden.
Was heißt das für die Filialen?
Vorstandschef Müllenbach hat angekündigt, mindestens ein Drittel der Filialen zu schließen, daran führe kein Weg vorbei. Das „Handelsblatt“ berichtet von Stimmen aus dem Galeria-Aufsichtsrat, wonach es schon ein Erfolg sei, weniger als die Hälfte der Warenhäuser aufzugeben. Aktuell betreibt Galeria 131 Warenhäuser in 97 deutschen Städten. Legt man die genannten Einschätzungen zugrunde, müssen 44 bis 65 Filialen schließen. Allerdings: Beim Schutzschirm-Verfahren vor zwei Jahren wurde zunächst die Aufgabe von 85 Geschäften angekündigt, am Ende wurden es 42.
Was heißt das für die Beschäftigten?
Schließt eine Filiale, droht auch den Beschäftigten das Aus. Und hier greifen die Erleichterungen, die das Insolvenzverfahren mit sich bringt. „Nur dadurch ist die Optimierung des Filialportfolios wie notwendig darstellbar“, formulierte Müllenbach in der FAZ. Heißt im Klartext: Weil im Insolvenzverfahren nur drei Monate Kündigungsfrist gelten, unabhängig von der Betriebszugehörigkeit, kann sich Galeria deutlich günstiger von Beschäftigten trennen. Hinzu kommt, dass die Gehälter aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für drei Monate durch das Insolvenzgeld abgedeckt werden.
Wie ist die Lage in Hildesheim?
Schwer einzuschätzen. Die Warenhaus-Schließungen vor zwei Jahren überstand das 80-Mitarbeiter-Haus unbeschadet. Seinerzeit gab Galeria vor allem Häuser in Großstädten mit mehreren Filialen sowie in Kleinstädten auf. Darauf dürfte sich das Unternehmen diesmal kaum beschränken. Grundsätzlich will Galeria seine Filialen massiv umgestalten – und alle diejenigen schließen, bei denen die Firma „anders als nach der ersten Prognose 2020“ (Müllenbach) auch nach derartigen Investitionen keinen dauerhaften Erfolg erwartet. Schließungen oder selbst Ankündigungen von Filial-Aufgaben vor Abschluss des Weihnachtsgeschäfts gelten bei Fachleuten als unwahrscheinlich.
Wie will Galeria weitermachen?
Das Unternehmen hat bereits mit der Modernisierung von Filialen nach neuen Konzepten begonnen. Bislang wurde das an zehn Standorten umgesetzt, die Umsätze dort haben sich laut Vorstandschef Müllenbach seither deutlich verbessert. In Hildesheim ist noch nichts dergleichen geschehen. Wiederholte HAZ-Anfragen, ob das geplant war oder ist, hat Galeria bisher nie beantwortet. Allerdings erklärte das Unternehmen jetzt, durch die verschiedenen Krisen habe nicht so viel Geld wie erwartet zur Verfügung gestanden – ursprünglich sollte die Umgestaltung von Filialen schneller gehen.
Wie viel Staatsgeld steckt in Galeria Karstadt Kaufhof?
Über den Wirtschaftsstabilisierungsfonds hatte der Bund in der Corona-Krise bereits ein Darlehen in Höhe von 460 Millionen Euro sowie eine stille Einlage von 220 Millionen Euro gewährt. Wie viel davon er wiedersieht, ist offen und vom Verlauf des Insolvenzverfahrens abhängig.


