Ende der Priorisierung

Freigabe der Impfungen: So geht es in Hildesheims Praxen und Impfzentren weiter

Kreis Hildesheim - Von Montag an gilt die Impf-Priorisierung bundesweit nicht mehr. So geht es in Arztpraxen und Impfzentren weiter, das sollten Interessierte beachten.

Impfung in Arztpraxen: Vom kommenden Montag an fällt die amtliche Priorisierung, in der Praxis wird sie aber meist weitergeführt. Foto: Chris Gossmann

Kreis Hildesheim - Der kommende Montag ist der Stichtag: Vom 7. Juni an hebt der Bund die Priorisierung beim Impfen auf. Dann kann sich jede Einwohnerin und jeder Einwohner unabhängig von Alter, Beruf und Vorerkrankungen mit jedem zur Verfügung stehenden Impfstoff gegen das Coronavirus immunisieren lassen. Zumindest theoretisch. Denn zwar steht voraussichtlich wieder etwas mehr Impfstoff für Erstimpfungen in den Praxen der Haus- und Fachärzte zur Verfügung. Aber natürlich gibt es weder genug Serum noch genug Kapazitäten, um alle Interessierten auf einmal zu impfen. In vielen Praxen bleibt die Priorisierung faktisch bestehen, aber es gibt auch andere Modelle.

Entscheidung zu Impfzentren

In den Impfzentren wird die Priorisierung aufgehoben, von Montag an kann sich jede Einwohnerin und jeder Einwohner ab zwölf Jahren anmelden. Das hat das Land am Freitag entschieden.

Sozialministerin Daniela Behrens (SPD) hat gleichwohl an alle Angehörigen der ersten drei Prioritätsgruppen appelliert, sich spätestens jetzt zu registrieren, um auf den Wartelisten sicher vor Impfwilligen ohne Priorität zu landen. Auch im Landkreis Hildesheim sind die Wartelisten lang.

Ladenhüter Astrazeneca

Auch die Arztpraxen bekommen nicht so viel Impfstoff, wie sie wünschen, aber immerhin mehr als zuletzt. Zudem gilt die Aufhebung der Priorisierung für sie auf jeden Fall. Ein Hausarzt aus Hildesheim kann von Montag an theoretisch einen kerngesunden 28-Jährigen, der ausschließlich im Homeoffice sitzt, mit dem Präparat von Biontech impfen, wenn er das für richtig hält. Bislang dürfen unter 60-Jährige nur dann geimpft werden, wenn sie aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen zu einer Priorisierungsgruppe gehören.

Oder, was sehr häufig vorkommt: Wenn sie sich auf freiwilliger Basis von den von vielen Berechtigten verschmähten Präparaten von Astrazeneca oder Johnson & Johnson impfen lassen. Es gibt niedergelassene Ärzte in Hildesheim, die ihre Patienten bitten, auch praxisfremde Kollegen oder bekannte zu ihnen zu schicken – weil sie die beiden weniger beliebten Impfstoffe sonst gar nicht einsetzen könnten. Dr. Bernd Schüttrumpf, Mediziner in Sarstedt und Vorsitzender des Hausärzteverbandes im Landkreis Hildesheim, ärgert sich: „Selbst in einer Pandemiesituation geht das Wunschkonzert in unserem Land weiter.“ Er ziehe den Hut vor jüngeren Männern, die freiwillig Astrazeneca akzeptieren würden, während viele geeignetere und priorisierte Patientinnen und Patienten auf Biontech beharrten.

Mehr Biontech für Praxen

Doch Astrazeneca und Johnson & Johnson spielen weiterhin nicht die Hauptrolle in der Impfkampagne. Für die zweite Juniwoche bekommen die Arztpraxen in Deutschland rund 2,6 Millionen Dosen von Biontech, 500.000 von Johnson & Johnson und 300.000 von Astrazeneca. Dieses Verhältnis wird sich auch in den Praxen im Kreis Hildesheim niederschlagen, was bedeutet: Gut drei Viertel aller Impfdosen, die zur Verfügung stehen werden, kommen von Biontech.

Für Erstimpfungen sollen dabei pro Ärztin oder Arzt bis zu 18 Biontech-Dosen geliefert werden, in der laufenden Woche waren es nur sechs – der Rest wurde für anstehende Zweitimpfungen benötigt.

Interne Priorisierung

Die meisten Medizinerinnen und Mediziner werden nun intern ihre Priorisierung beibehalten. Davon geht auch die Bezirksvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Dr. Petra Lattmann aus Nordstemmen, aus, die das auch selbst so handhaben will.

Sie werde weiter anhand der Priorisierung arbeiten, sagt Lattmann – und sie wisse, dass viele Kollegen ähnlich vorgehen wollten: „Vor allem geht es mir dabei um die berufliche Situation. Nach Alter und Erkrankung sind die Priorisierungsgruppen vermutlich weitgehend abgearbeitet.“

Eigene Wartelisten

Es gebe aber noch viele, die beruflich mit vielen Menschen zu tun haben. „Das bedeutet zum Beispiel: Die 35-Jährige aus dem Supermarkt werde ich vor dem 55-jährigen Büroarbeiter impfen.“ Das Ganze erfordere viel Fingerspitzengefühl, wichtig sei zudem, dass eine Praxis einem einmal gewählten Prinzip treu bleibe. „Damit es für die Menschen auch nachvollziehbar bleibt.“ Wer sich mit Astrazeneca oder Johnson & Johnson impfen lassen wolle, könne in der Regel zügig einen Termin angeboten bekommen.

Intern weiter priorisieren – diesen Ansatz verfolgen auch Dr. Dorothea Mordeja und Dr. Elmar Wilde, die zusätzlich als Ärztliche Leiter der beiden Impfzentren in Alfeld (Mordeja) und Hildesheim (Wilde) fungieren. „Wir priorisieren weiter innerhalb unserer Patientenklientel nach den bekannten und zusätzlichen internen Kriterien. Es gibt kein Windhund-Prinzip dabei.“

Jeden Freitag neue Chancen

Dr. Dorothea Mordeja begrüßt das Ende der bundesweit geregelten Priorisierung. „Dadurch kann ich eine Priorisierung innerhalb des Patientenstammes vornehmen.“ Der Arzt, der seine Patienten kennt, kann entsprechend entscheiden ,wer vorrangig geimpft werden muss.“ In vielen Praxen gebe es noch lange Wartelisten Patienten der dritten Priorisierungsgruppe.

Doch es gibt auch andere Vorgehensweisen. Der Sarstedter Mediziner Dr. Bernd Schüttrumpf, Vorsitzender des Hausärzteverbandes im Kreis Hildesheim, nimmt jeden Freitag Anmeldungen an und impft am folgenden Mittwoch. Wartelisten will er aus organisatorischen Gründen nicht mehr führen, die Terminvergabe soll jeden Freitag neu beginnen. Lediglich Patienten, die aufgrund einer Vorerkrankung dringend geimpft werden sollten, aber bislang durchs Raster gefallen sind, sollen bevorzugt werden. Schüttrumpf hat sich aus zwei Gründen gegen Wartelisten entschieden. Das „Hinterhertelefonieren“ koste sehr viel Zeit, zudem wecke der Eintrag auf einer Warteliste die Erwartung einer baldigen Impfung, die nicht immer erfüllt werden könne. Er kenne Fälle, da stehe ein Patient auf Listenplatz 950 – die Praxis bekomme aber nur 30 bis 50 Impfdosen pro Woche.

Zurückhaltung bei Kindern

Sehr zurückhaltend äußern sich die Hildesheimer Ärztinnen und Ärzte zur Frage der Impfung von Kindern ab zwölf Jahren. Der Biontech-Impfstoff ist dafür in der EU inzwischen zugelassen, Deutschlands Ständige Impfkommission (Stiko) hat allerdings noch keine entsprechende Empfehlung ausgesprochen. Für Dorothea Mordeja stellt sich die Frage allerdings derzeit nicht: „Angesichts der vielen priorisierten Impfberechtigten ist die Impfung der Kinder in Allgemeinarztpraxen sicherlich nachrangig zu betrachten.“

Das bewertet Dr. Petra Lattmann ähnlich: „Zwölf- bis 15-Jährige kommen bei mir und bei vielen Kollegen frühestens nach den Sommerferien überhaupt auf die Wartelisten.“ Dr. Elmar Wilde sieht bei dem Thema ohnehin eher die Kinderärzte gefragt. Auch Dr. Bernd Schüttrumpf will zunächst keine Kinder impfen, sondern erst einmal eine Stiko-Empfehlung abwarten und dann im Zweifelsfall auf die Kinderärzte verweisen.

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