Borsum - Die Flasche Schnaps, die ist noch da. Die hat auf Bastian Klinge gewartet, den Zimmermann aus Borsum, das war ihre Aufgabe. Und sie musste lange warten: Fünf Jahre war er fort, auf der Walz, in den Handwerksbetrieben der Welt, auf Kontinenten, bei Leuten in Norwegen und im Senegal und auf Sylt, hat in Wellblechhütten geschlafen, in Autos, Pensionen, an Stränden, in Himmelbetten aber auch. Er hat Freunde gefunden und immer wieder Arbeit, hat Heimweh und Corona überstanden. Oft war der Zufall sein Begleiter und Wegweiser.
Mehr als fünf Jahre von Zuhause fort, gefühlt ein halbes Leben: Im Alter von 22 gegangen, mit 27 zurückgekehrt. Nun ist er also tatsächlich wieder da, in Borsum, wo seine Familie schon am Ortseingang wartet, wo Mutter Erika-Maria es kaum glauben kann und ihn die Freunde kneifen möchten: Basti, Alter, bist dus wirklich? Dass ich das noch erleben darf! Siehst gut aus, Junge, richtig gut, bisschen zugelegt, oder?
Von einem zum anderen wird er gereicht, es wird gelacht, geweint, geplaudert. Umarm mal ein halbes Dorf, das dauert. Und dort also buddelt er mit seinen Begleitern die Flasche Korn wieder aus, die er am Tag seiner Abreise neben dem Ortsschild vergraben hatte. Eine von unzähligen Traditionen der Walz, deren Ursprung bis ins Mittelalter reicht.
Wer auf die Walz geht, darf nicht verheiratet sein
Im Grunde sind diese Gesellenjahre sowieso eine einzige Tradition: Wer losgeht, muss eine Handwerkerlehre absolviert haben, unter 30 sein, darf weder verheiratet sein noch verschuldet. Er muss bei seinem Abschied übers Ortsschild springen und darf sich ab sofort seiner Heimat für mindestens drei Jahre und einen Tag nicht weiter als bis auf 60 Kilometer nähern, er darf kein Handy bei sich haben und muss seine Handwerkerkluft tragen, Tag für Tag für Tag.
Fast 2000 Tage im Fall von Bastian Klinge. Was kann man über eine so lange Zeit erzählen, wie alles berichten, im Nachhinein? Chronologisch? Via Reiseroute, Stadt für Stadt, Land für Land? Basti hat da kein System, sagt er, und erzählt drauflos, was ihm einfällt, in schlichten Sätzen, in Geschichten, die gar keine Pointe brauchen, um spannend zu sein.
Füchse haben mir die Kamera und zwei Paar Socken geklaut.
Also: Mit zehn Kilo Gepäck zog er damals los, auf Dauer viel zu viel. Was er hingegen kaum hatte, war Ahnung, was nun auf ihn zukommt. Aber da war Johannes Hoppe an seiner Seite, auch Zimmerer und damals schon lange auf Wanderschaft. Hoppe wusste im Gegensatz zu Basti schon genau, wie das Leben unterwegs funktioniert: unkompliziert. Man hat so viel zu tun mit der Arbeit und den Eindrücken, sagte der eine Zimmerer zum anderen, da bleibt für Heimweh gar keine Zeit.
Seine Kamera, die holten sich die Füchse
„Ja, man merkt schnell, was man braucht und was nicht“, sagt Basti. Verzichten konnte er bald auf den kompletten Kosmetikkrempel, nicht verzichten auf seine Kamera und den MP3-Player. Seine Hose hielt zwei Jahre, dann ließ er sich unterwegs eine neue nähen. Dafür, dass er auch die Kamera bald nicht mehr schleppen musste, sorgten eines Nachts Füchse, sagt er. „Die haben mir das Ding geklaut, am Morgen hat man ihre Spuren gesehen. Die Kamera und zwei Paar Socken.“
Wir verlassen jeden Ort und jeden Betrieb so, dass andere Handwerker auf der Walz dort willkommen sind.
Mit leichtem Gepäck ging es für ihn nach Osnabrück, ins Erzgebirge, in die Schweiz. „An einem Ort bin ich meist so zwei Monate geblieben.“ Gearbeitet hat er in Werkstätten vor Ort, in Handwerksbetrieben, hat immer das gemacht, was gerade zu tun war. Fenster montieren, Dachstühle bauen, Dächer decken, Mädchen für alles sein. Geld gab es dafür, ein Essen, die Übernachtung in einer kleinen Pension im Ort.
Wie man die Jobs findet? „Wir Zimmerer sind in einer Vereinigung und stehen in Kontakt, und wenn wir irgendwohin kommen, haben wir sofort Anschluss.“ Untereinander und an Betriebe. Denn, auch das ist eine Tradition: „Wir haben die Regel, dass wir jeden Ort und jeden Betrieb so verlassen, dass andere Handwerker auf der Walz dort willkommen sind.“
In Portugal dachten ein paar Jungs, er sei Jude
Auf Island wurde nichts aus dem ursprünglich geplanten Job, stattdessen landete er im Hafen von Reykjavik und traf den Chef eines großen Verlags, der gerade mit seinem Yacht vor Anker lag und jemanden suchte, der ihm da zwei Holzdecken einziehen konnte. Na, so ein Zufall. „Da haben wir ihm die Holzdecken reingebaut“, sagt Basti achselzuckend, als wäre das nichts weiter, als hätte er dem Mann eine Flasche Cola aufgemacht oder die Koffer getragen. Keine Ursache.
In Spanien war es mit dem Trampen schwierig, in Portugal kam es eines Abends auf einer Promenade richtig dick. „Da dachten ein paar Jungs, ich bin Jude. Wegen der schwarzweißen Klamotten und dem Hut. Die kannten das nicht, Zimmerer auf der Walz.“ Wollten sie auch gar nicht wissen. Lieber wollten sie ihn verprügeln. Basti erholte sich schnell, sagt er, aber einen Zahn kostete ihn der Antisemitismus doch.
In Portugal dachten ein paar Jungs, ich bin Jude. Wegen der schwarzweißen Klamotten und dem Hut.
Im französischen Toulouse verbrachte er Weihnachten, das letzte vor Corona. „Das war schön, es gab ein großes Treffen der Vereinigung mit allen, die in der Nähe waren, bestimmt so 100 Leute“, sagt Basti. In Kanada war die Einreise komplizierter als gedacht, er hätte neben allen Ausweisen und Papieren ein polizeiliches Führungszeugnis gebraucht, hatte er nicht, also strich er Kanada von der Liste. „Was total schade war“, sagt er, „da wollte ich gern hin, am liebsten an die Westküste.“
In manches Abenteuer sind sie so reingerutscht
In die Dominikanische Republik, ja, in dieses Abenteuer sind sie so reingerutscht, er und die Jungs. Da saßen sie im Oktober 2022 in einem Reisebüro in Deutschland, draußen machte der Herbst gerade Ernst, es stürmte und regnete, und da antworteten sie auf die Frage, wo es hingehen soll: Ach, Hauptsache warm und nicht so teuer. Last Minute an die Costa de Coco, zu Fischern und Pelikanen, da war es warm genug.
In der Karibik fallen die Häuser schnell um, wenn ein Hurricane kommt. Aber sie sind auch schnell wieder aufgebaut.
„Da war es interessant zu sehen, wie der Großteil der Bevölkerung lebt. Wie die Leute da bauen. Viel mit Wellblech.“ Bauvorschriften wie in Deutschland, sagt Basti, findet man fast nirgendwo auf der Welt. „Die sind schon krass hier im Vergleich.“ Ohne geht es offensichtlich auch, nur anders. „In der Karibik fallen die Häuser schnell um, wenn ein Hurricane kommt oder so. Aber sie sind auch schnell wieder aufgebaut.“
Anders als in Deutschland, wo die Leute ihre Häuser für ein ganzes Leben bauen, fürs eigene und das der Kinder noch dazu. Anderswo auf der Welt zieht man leichteren Herzens um, verkauft, baut neu – und so sind die Häuser dann eben auch gemacht.
Zwei Monate verbrachte er im Senegal und in Gambia. Da haben sie gemeinsam mit den Gastgebern ein Stachelschwein gefangen und gegessen, doch doch, sagt Basti und lacht, kann man essen, wirklich. Seine letzte Station im Ausland war Norwegen, von dort ist er gerade erst wiedergekommen. Immer hat er Geld verdient und ist damit weitergereist, hat geschuftet und gelebt. „Am Ende waren die Zeiten, in denen ich gearbeitet und nicht gearbeitet habe, wohl gleich. Hälfte, Hälfte“, sagt er.
Das Reisetagebuch gab er bald wieder auf
So viele Orte, so viele Menschen. Was bleibt? Och, sagt Basti. Dokumentarisch nicht viel, die Kamera haben ja nun die Füchse. Nein, ernsthaft, er hat am Anfang eine Art Reisetagebuch geführt, das aber bald wieder aufgegeben. Aber er hat ein Wanderbuch, das jeder Zimmerer auf der Walz hat, für die Einträge und Stempel aus Betrieben und Städten. Die bleiben als Erinnerung.
Dann sind da die praktischen Erfahrungen: In Fulda hat er Lehmbau gelernt, hat viel mit Lehm restauriert, das will er ausbauen. Weil es traditionell und nachhaltig zugleich ist. Auf Sylt hat er zum ersten Mal Reetdächer gedeckt, war auch toll. Er hat zu improvisieren gelernt, hat einmal ein Carport aufgestellt, nur mithilfe von Kettensäge und Akkuschrauber, was ja eigentlich gar nicht geht. Ging aber. Mit diesen Erfahrungen will er weiterarbeiten, sagt Basti.
Die drei Kilometer bis nach Asel schafft er, aber mehr nicht.
Das Beste ist, dass er jetzt weiß: Er kann der Welt und sich vertrauen. Er wird da draußen immer einen Job finden, wird sich durchfragen können, egal in welcher Sprache, wird für sich und eine Familie sorgen können. Auch wenn die Welt nicht ganz frei von Irren ist, wie er sie in Portugal getroffen hat: Im Grunde hat er nur gute Erfahrungen gemacht, er wurde auf der ganzen Welt als Fremder wie ein Freund aufgenommen.
Jetzt freut er sich auf Kleider, die zum Wetter passen
Was er jetzt nach seiner Rückkehr tun will: ein paar Fahrradtouren machen, mit dem Handy telefonieren, ein Bad nehmen, Klamotten tragen, die zum Wetter passen. Und Braunkohl mit Bregenwurst essen, ohja, Braunkohl, den liebt er! Und nach Kanada will er, nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. An die Westküste, nach Vancouver, endlich. Aber vorher, vorher wird der Schnaps ausgetrunken, denn so ist es Tradition. Die Freunde füllen die Flasche anschließend mit Zetteln und Umschlägen voller guter Wünsche. Eine Willkommens-Flaschenpost.
Als er fortging damals, da machten seine Freunde Witze, wie weit es Basti an diesem Tag noch schaffen würde, zu Fuß. „Höchstens bis nach Hildesheim“, sagte einer. „Ach, nicht mal!“, rief ein anderer. „Die drei Kilometer bis nach Asel schafft er, mehr nicht.“ Alle lachten. Gott, wie lange das her ist.




