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Geplanter Verkauf von Gut Steuerwald: So positioniert sich die Spitze des Reitvereins

Hildesheim - Die Vinzentinerinnen wollen von der Stadt Hildesheim das Gut Steuerwald kaufen – betroffen wäre der ansässige Reitverein als Pächter. Jetzt äußern sich der Vorsitzende und sein Vize.

Sie wissen, was sie an dem Vereinsgelände auf dem Gut Steuerwald haben und wollen auch möglichst viel davon erhalten: Der Vereinsvorsitzende Oliver Tüpker (links) und sein Vize Torsten Haak. Foto: Werner Kaiser

Hildesheim - Wer sich mit Oliver Tüpker und Thorsten Haak bei bestem Wetter zu einem Rundgang über das Gut Steuerwald in Hildesheims Norden trifft, der begreift schnell, warum der ansässige Reitverein hier auf keinen Fall weg und diese Idylle im Grünen aufgeben will. Bis vor kurzem war dieser Gedanke ohnehin undenkbar, doch seit bekannt ist, dass der Orden der Vinzentinerinnen das Gut kaufen will und die Stadt als Eigentümerin begeistert von der Idee ist, herrscht durchaus Unruhe im Verein – auch wenn von den Schwestern und aus dem Rathaus klare Signale kommen: Der Verein müsste sich räumlich einschränken, könne aber bleiben.

Alle Beteiligten loben „konstruktive“ Atmosphäre und Gespräche

„Es gibt die ganze Bandbreite an Reaktionen“, sagt der Vereinsvorsitzende Oliver Tüpker, er und sein Vize Thorsten Haak sind erst kürzlich in ihren Ämtern bestätigt worden. „Es gibt die, die der Sache sehr aufgeschlossen gegenüber stehen, aber auch die, die Ängste und Sorgen haben.“ Tüpker und Haak selbst sind nach den ersten Treffen und Gesprächen mit Stadtbaudezernentin Andrea Döring und der Generaloberin der Vinzenterinnen, Schwester M. Teresa Slaby, eher zuversichtlich, dass es tatsächlich eine Lösung geben könnte, die für alle Beteiligten von Vorteil sind. Andrea Döring hat die Atmosphäre der Gespräche nach den Treffen mit der Vereinsspitze und der Kongregation gegenüber der HAZ als „konstruktiv und vertraulich“ beschrieben, Tüpker und Haak können das von ihrer Seite bestätigen. „Ich habe schon den Eindruck, dass wir und die Belange des Vereins ernst genommen werden“, sagt der Vereinsvorsitzende – und ergänzt: „Wir müssen natürlich die weiteren Gespräche und konkreten Vorstellungen des Ordens abwarten, ich kann mir vorstellen, dass das Vorhaben letztendlich sogar einen Kick für den Verein geben könnte.“

Wie berichtet, wollen die Vinzentinerinnen das insgesamt 70000 Quadratmeter große Gut samt Gebäuden und Grünflächen kaufen, um dort unter anderem ein Hospiz neu zu bauen, die historischen Bauten zu sanieren und auf der Anlage mittel- bis langfristig einen Komplex aufbauen, der Öko-Landwirtschaft, Hofladen, Hofcafé, inklusive Lernangebote und Arbeitsplätze bietet, ergänzt durch Kunst- und Kulturprojekte. „Wir wollen einen neuen Lebens- und Begegnungsraum für ganz unterschiedliche Menschen schaffen“, sagt die Generaloberin.

Lieber die Vinzentinerinnen als ein Immobilien-Investor?

Grundsätzlich klinge das erst einmal gut, meint Thorsten Haak, und auch die bisherigen Begegnungen und Gespräche hätten ihn eher beruhigt als verunsichert. „Ich könnte deutlich schlechter schlafen, wenn wir die Info bekommen hätten, dass hier ein Investor alles kauft, um Luxus-Wohnungen zu bauen.“ So bleibt die Hoffnung, dass sich der Orden als möglicher neuer Eigentümer und der Verein als Pächter tatsächlich arrangieren und gut mit und nebeneinander leben können, wie es sich auch Andrea Döring und Oberbürgermeister Ingo Meyer wünschen.

Es gibt aber auch bestimmte Punkte, die aus Sicht der Reiter nicht verhandelbar sind: Der Erhalt der großen Reithalle und des Reitplatzes zum Beispiel. Zudem, darauf weist Tüpker hin, sei der Verein zwar sicher flexibel, doch bestimmte Abläufe und Wege müssten im Betrieb auf der Anlage gewährleistet. „Wir sind ein Verein mit 350 Mitgliedern, und auch ein kleines Unternehmen mit drei Festangestellten und zwei Teilzeitkräften. Hier sind 80 Pferde untergebracht, wir haben einen Fuhrpark, sind auf dem Gelände mit Treckern und Anhängern unterwegs.“ Das lasse sich alles sicher etwas anders organisieren als bisher – aber eben nicht wegdiskutieren.

Klar ist: Der Verein könnte Gebäude nicht mit eigenen Mittel sanieren

Eines aber, so ehrlich sind Tüpker und sein Vize auch, ist klar: Das Geld, die denkmalgeschützten alten Guts-Gebäude aus dem 14. Jahrhundert zu sanieren, wie es nötig wäre, hat der Verein selbst nicht. Zuletzt haben sie einen mittleren fünfstelligen Betrag nur dafür ausgegeben, im früheren Bergfried der bischöflichen Burg über den Ställen Taubendreck von einer hölzernen Zwischendecke im Turm entfernen und entsorgen zu lassen. Über Jahrzehnte hatten die Vögel dort hingemacht – insgesamt 16 Tonnen Kot kamen nun bei der Entsorgung zusammen. Die beeindruckende große hohe Scheune, die von innen betrachtet „wie eine Kathedrale“ wirkt, wie Tüpker nach wie vor begeistert sagt, kann wegen der Baufälligkeit nicht mehr genutzt werden. Zurzeit lagern hier noch ein paar Strohballen. Mit viel Geld und Ideen ließe sich hier sicher etwas Tolles draus machen, meint Torsten Haak.

Etwa 200 Meter weiter steht der marode alte Schafstall, der schon länger ungenutzt ist. Hier, so die Pläne der Vinzentinerinnen, könnte nach einem Abriss das geplante Hospiz entstehen. Angrenzende Pferdekoppeln müssten dann auf eine andere Fläche des Guts verlegt werden.

Vorstand will Mitglieder befragen

Betroffen vom Verkauf an den Orden wären auch sechs Parteien, die derzeit verteilt auf zwei Gebäude auf dem Gelände wohnen und ihr Miete bislang an den Verein als Pächter zahlen. Ob das so alles bleiben würde? Oliver Tüpker weiß es nicht. Es gebe noch einiges zu klären, sagt er. Es stehe eine Mitgliederversammlung an, kündigt der Vereinsvorsitzende an, die Vinzentinerinnen sollten ihre Pläne selbst vorstellen und Fragen beantworten. Fest stehe: Der Vorstand des Reitvereins werde nicht im stillen Kämmerlein etwas entscheiden – auf einer weiteren außerordentlichen Mitgliederversammlung sollen alle die Möglichkeit bekommen, ihre Meinung zu sagen und letztlich abzustimmen.

Wichtig, sagt Haak, dass alle Beteiligten offen und sachlich diskutieren. Überrascht sei er von manchen Anrufen und Bemerkungen Außenstehender gewesen, nachdem die Kaufabsichten der Vinzentinerinnen bekannt geworden waren. „Da meint mancher, besonders gut Bescheid zu wissen“, sagt der Vereins-Vize. Er und der Vorsitzende Tüpker geben aber nichts auf Gerüchte und Stimmungmache. Der Vorstand habe nur einen Auftrag, und den nehmen sie ernst: „Wir werden die Interessen des Vereins so gut es geht vertreten, dafür wurden wir gewählt.“

Rein rechtlich gesehen hat der Verein kein Mitspracherecht

Allerdings, das gehört auch zur ganzen Wahrheit, könnte die Stadt den Deal mit den Vinzentinerinnen im Ernstfall auch machen, ohne dass sie die Reiter auf ihrer Seite und von den Plänen überzeugt hat. Rein rechtlich gesehen habe der Verein beim Verkauf kein Mitspracherecht, bestätigt Stadtsprecher Helge Miethe gegenüber der HAZ auf Nachfrage.

Doch die Beteiligten bringen bislang überhaupt nicht über diese theoretische Extremlösung als Möglichkeit ins Spiel, alle Beteiligten sind um Harmonie bemüht. So spricht auch Jürgen Schiele, kaufmännischer Leiter der Kongregation der Vinzentinerinnen, von einer „guten, konstruktivem Atmosphäre“ bei den bisherigen Gesprächen, auch bei dem Ortstermin auf dem Gut sei man vom Verein „sehr freundlich aufgenommen“ worden. Schiele hofft, bis September alle offenen Fragen klären und sich mit der Stadt und dem Verein über den Kauf und die künftige Nutzung des Guts verständigen zu können. Bis dahin sollen auch detailliertere Informationen über den baulichen Zustand der Gebäude vorliegen. Bislang, räumt Schiele ein, beruhe die Einschätzung auf Ordensseite vor allem auf „Inaugenscheinnahme“ während der Besichtigung beim Ortstermin.

Eines steht nach Angaben des kaufmännischen Leiters aber fest: Das geplante Hospiz komme nicht als Soloprojekt an diesem Standort infrage, es gehe beim Kauf um das ganze Gelände.

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