Kreis Hildesheim - Knapp dreieinhalb Monate nachdem Kriminelle einen Geldautomaten in Harsum gesprengt haben, verstärken Polizei und Justiz ihre Bemühungen, den Tätern auf die Spur zu kommen. Der Fall aus Harsum ist dabei allerdings nur einer in einer ganzen Serie von Automatensprengungen im ganzen Land: Niedersachsen steuert auf einen neuen Negativrekord zu.
Laut Justizministerium haben Kriminelle in diesem Jahr bis jetzt schon 53 Geldautomaten in Niedersachsen in die Luft gesprengt – bloß zwei weniger als im gesamten abgelaufenen Jahr. Damit setzt sich der seit 2015 steigende Trend ungehindert fort. Seitdem nahmen die Taten um mehr als 80 Prozent zu. Deshalb reagieren die Ermittlungsbehörden. Das Justizministerium zentralisiert ab sofort die Expertise an einem Ort, um schlagkräftiger zu werden: bei der Staatsanwaltschaft Osnabrück.
Ein anderes Vorgehen der Täter
„Die Sprengungen von Geldautomaten gehören zu den gemeingefährlichsten Taten unserer Zeit“, sagt die noch amtierende Justizministerin Barbara Havliza (CDU). „Es grenzt an ein Wunder, dass die immer wuchtigeren Explosionen noch zu keinem Unglück geführt haben.“ Denn: Nicht nur die Fallzahlen lagen 2015 bei lediglich 30 Sprengungen. Früher wurde bloß Gas eingeleitet, um die Maschinen zu öffnen. Da Detektoren dies aber nun feststellen können, greifen die Banden zu richtigem Sprengstoff – mit unkalkulierbaren Gefahren für Täter und Unbeteiligte in Explosionsnähe.
Durch die Wucht werden außerdem die Häuser meist stark beschädigt oder komplett zerstört. „Befinden sich Wohnungen in den betroffenen Gebäuden, besteht für die Bewohner eine reale Gefahr für Leib und Leben“, heißt es seitens des Ministeriums.
Explosion mit großer Wucht in Harsum
Auch in Harsum hatte die Explosion in der Filiale der Sparkasse – über der sich auch Wohnungen befinden – eine enorme Wucht, die Zerstörung war beachtlich, der Sachschaden lag bei mehr als 100 000 Euro. Ebenfalls in diesem Sommer hatten Unbekannte noch einen Fahrscheinautomaten am Hildesheimer Ostbahnhof und einen Geldautomaten in Gadenstedt im Kreis Peine gesprengt
Auch in der Region Hannover schlagen die Banden immer wieder zu: Mitte Mai etwa verwüsteten Unbekannte eine Sparkassen-Filiale in Altwarmbüchen (Isernhagen). Im Sommer 2021 gab es im gesamten Zuständigkeitsbereich der Polizei Hannover eine regelrechte Anschlagsserie.
Warum die Staatsanwaltschaft Osnabrück?
Deshalb sei es wichtig, die Erkenntnisse zu zentralisieren. „Wir brauchen kompetente, gut vernetzte und hochmotivierte Ermittlungseinheiten, die ohne Weiteres in der Lage sind, große Verfahren aus dem Bereich der Bandenkriminalität zu bearbeiten“, sagt Havliza. Das soll sicherstellen, dass die Strafverfolger selbst kleinste Zusammenhänge erkennen, die sonst untergehen. Beispiel: die organisierte Mietwagen-Szene, die hochmotorisierte Fahrzeuge über Strohfirmen und Strohmänner in Deutschland und den Niederlanden als Fluchtautos vermietet.
Doch warum ist nun die Staatsanwaltschaft Osnabrück zuständig? Die dortigen Strafverfolger führten in den vergangenen zwei Jahren bereits erfolgreich drei große Ermittlungskomplexe. Beispielsweise Ende Juni verhafteten die Beamtinnen und Beamten grenzübergreifend 13 Verdächtige. Alle Komplexe zeichneten sich laut Ministerium durch eine gute Zusammenarbeit mit den Niederlanden, mit Eurojust, Europol und dem Bundeskriminalamt aus. Die entsprechenden Kontakte seien somit schon vorhanden.
Die gesamte niedersächsische Grenze zu den Niederlanden liegt im Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft. Von dort stammen nicht nur Wagenverleiher, sondern auch die meisten Banden. Das Fachwissen in Osnabrück zu bündeln, liegt laut Havliza deshalb „auf der Hand“.
Vom Jan Fuhrhop und Peer Hellerling
