Hospiz-Leiter im Interview

Hospizbau in Hildesheim beginnt: Gibt es so etwas wie ein schönes Sterben, Herr Bliefernicht?

Hildesheim - In Hildesheim beginnt am Mittwoch offiziell der Bau des ersten stationären Hospizes. In der Trägergesellschaft sind auch die Vinzentinerinnen dabei, die in Hannover bereits das Hospiz Luise betreiben. Im Interview spricht dessen Leiter darüber, was Hospizarbeit leisten soll – und wo die Grenzen liegen.

Um in einem Hospiz aufgenommen zu werden, ist die Voraussetzung, dass die Krankheit ganz akut fortschreitend ist und die Lebenserwartung nur auf Tage bis wenige Wochen vermutet wird. Foto: Peter Förster/dpa

Hildesheim - Kurt Bliefernicht hat die Gesamtleitung im Hospiz Luise in Hannover, das in Trägerschaft des in Hildesheim ansässigen Vinzentinerinnen-Ordens ist. Bliefernicht war vor 28 Jahren Gründungsmitglied des Hospiz’, hat zunächst in der Pflege und Betreuung gearbeitet, seit knapp 20 Jahren ist er Leiter. Der 62-Jährige ist gelernter Krankenpfleger und hat zudem Zusatz-Weiterbildungen in Palliative Care und Management absolviert.

Herr Bliefernicht, Sie arbeiten seit fast 20 Jahren als Leiter im Hospiz Luise in Hannover. Haben Sie zu irgendeinem Zeitpunkt gedacht: Ich kann das nicht mehr, ich will nicht mehr jeden Tag mit Sterben und Tod konfrontiert werden?

Nein, ich selbst hatte diesen Gedanken tatsächlich noch nicht ein Mal. Ich glaube, ich bin einfach am richtigen Platz. Aber grundsätzlich ist es natürlich möglich, dass Mitarbeitende an den Punkt kommen, an dem sie das Gefühl haben: Es wird mir alles zu viel.

Was unternehmen Sie dann als Leiter?

Für uns ist die Mitarbeiterfürsorge ganz entscheidend. Gerade wenn man täglich mit Sterben und Tod konfrontiert wird, ist es wichtig, dass alle im Team und in der Leitung ansprechbar sind. Es ist unbedingt notwendig, dass jedes Hospiz Supervisionen anbietet, damit Mitarbeitende das Erlebte reflektieren und darüber sprechen können. Es ist absolut keine Schande, Hospizarbeit nur eine gewisse Zeit zu machen, und sich dann anderen Bereichen zu widmen, wenn man das Gefühl hat, es tut einem nicht mehr gut. Selbstreflexion ist ganz, ganz wichtig. Das machen wir schon in Vorstellungsgesprächen deutlich, wenn wir fragen: Was tun Sie für sich, wo tanken sie auf? Wenn Bewerber dann keine Antwort darauf haben oder vielleicht erklären, in ihrer Freizeit kümmern sie sich vor allem noch um eine kranke Tante, dann ist das ein Alarmzeichen.

Hat Ihnen die Hospizarbeit die Angst vor dem Tod genommen – oder hatten Sie die nie?

Ich kann sagen: Als Kind und Jugendlicher hatte ich schon richtig Schiss vor dem Sterben und dem Tod. Aber ich bin durch meine Eltern tatsächlich sehr gut an das Thema herangeführt worden. Dadurch und durch mein spirituelles Leben und meinen Glauben habe ich diese Furcht verloren. Durch die Hospiz- und Palliativarbeit weiß ich, welche Möglichkeiten der Behandlung und Pflege es gibt, falls ich schwer erkranke. Das gibt mir eine große Beruhigung.

Welche Situationen sind für Sie auch heute noch belastend?

Hart und besonders schwer ist es, wenn junge Familien bei uns sind. Wenn zum Beispiel eine Mutter Anfang 30 im Sterben liegt, die Erkrankung einen sehr rapiden Verlauf hat und die Familie gar nicht hinterherkommt, zu begreifen, was da eigentlich passiert. Wenn der Vater dann noch arbeiten und die Kinder alleine versorgen muss, das ist schon eine schwierige Situation, auch für unser Team. Und auch, wenn wir jemanden im Hospiz betreuen, der sich nicht mehr klar äußern kann, der keine Angehörigen hat und der auch in keiner Patientenverfügung festgelegt hat, wie er behandelt werden will, ist das eine besondere Herausforderung. Denn Ziel unserer Arbeit ist immer, die Patientin oder den Patienten am Lebensende genauso zu begleiten, wie es ihr oder ihm wichtig ist.

Das Hospiz Luise ist in Trägerschaft des katholischen Vinzentinerinnen-Ordens. Hinter dem neuen Hildesheimer Hospiz steht eine ökumenische Trägergesellschaft, auch hier ist der Orden dabei. Welche Rolle spielen Religion und Glaube in der Betreuung der Patienten – werden tatsächlich alle gleich behandelt, auch wenn sie mit Gott und Kirche nichts anfangen können?

Unbedingt! Niemand darf im Hospiz mit Dingen und Themen konfrontiert werden, die ihm nicht wichtig waren und sind – das ist elementar für gute Hospizarbeit. Das gilt auch für Menschen, die mit Religion überhaupt nichts am Hut haben: Wenn Glaube in deren Leben bisher nicht wichtig war und er ihnen keinen Halt gibt, dann gehört er auch nicht an ihr Bett, wenn sie im Sterben liegen. Es kommt vor, dass Menschen, denen Glaube bisher nichts gegeben hat, uns dann in den letzten Tagen fragen, ob nicht doch ein geistlicher Seelsorger zum Gespräch kommen könnte. Das ermöglichen wir dann natürlich, aber nur, wenn es der ausdrückliche Wunsch des Patienten ist.

Dürfen Mitarbeitende bei der Betreuung weinen, oder verbietet sich das als professionelle Kraft in einem Hospiz?

Das Mitfühlende ist in der Arbeit entscheidend und es ist wichtig für die Patienten, dass ihnen kein kaltes Herz gegenüber sitzt. Und natürlich darf es sein, dass auch mal Tränen fließen, das verbietet niemand. Aber es kann ein Zeichen für mich als Leiter sein, nachzufragen: Ist es in Ordnung für dich, dass du es vor den Patienten rausgeweint hast, oder brauchst du ein Gespräch und Unterstützung? Entscheidend ist, offen damit umzugehen. Wir arbeiten ja in drei Schichten, und bei der Übergabe nehmen wir uns eine Stunde Zeit – nicht nur für Informationen über die acht Patienten, sondern auch für den Austausch innerhalb des Teams und die Frage: Wie geht es mir gerade?

Gibt es so etwas wie schönes Sterben?

Mir stellen sich bei dem Begriff immer die Nackenhaare auf, wenn Leute damit meinen, dass im Hospiz alles immer leicht und schön ist. Nein, es gibt auch bei uns ein schweres Sterben. Wir versuchen aber durch Medikamente und die Betreuung, es für jeden so gut wie nur möglich zu gestalten.

Sind es bei Ihnen immer die Kranken selbst, die ins Hospiz möchten oder melden sich auch Angehörige, die mit der Betreuung überfordert sind?

Es kommt vor, dass Angehörige sich bei uns melden, wenn sie überlastet, ausgebrannt und verzweifelt sind. In vielen Fällen können wir dann mit unserem ambulanten Dienst so viel Entlastung schaffen, dass der Patient gar nicht in eine stationäre Einrichtung muss. Entscheidend ist immer, dass der Patient tatsächlich selbst zu uns kommen will. Gegen seinen Willen darf gar nichts geschehen.

In Hildesheim wird nun das erste stationäre Hospiz gebaut, voraussichtlich zehn Patienten können dort künftig zeitgleich betreut werden. Reicht die Versorgung in Niedersachsen, oder braucht es noch deutlich mehr stationäre Plätze?

Es ist gut und richtig, dass in Hildesheim ein stationäres Hospiz errichtet wird. Dass die Träger sich zusammengeschlossen haben, ist wunderbar. Aber es braucht meiner Einschätzung nach darüber hinaus keinen weiteren massiven Ausbau in der Region und in Niedersachsen. Das wichtigste Ziel in der Palliativ- und Hospizarbeit ist, dass der Sterbenskranke im besten Fall dort, wo er gelebt hat, dieses Leben auch beenden kann. Wir müssen alles tun, dass die ambulanten Palliativ- und Hospizdienste so gestärkt werden, dass die Aufnahme in einem stationären Hospiz in den allermeisten Fällen gar nicht notwendig sind. Wir als stationäres Hospiz wollen immer das letzte Glied in einer ganz langen Versorgungskette sein. Was mir ganz wichtig ist zu sagen: Hospiz- und Palliativarbeit ist ohne Ehrenamtliche nicht denkbar, sie tragen maßgeblich zum Gelingen bei.

Es wird doch aber sicher mehr Anfragen bei Ihnen geben, als Plätze zur Verfügung stehen. Müssen Sie vielen absagen?

Es kommt vor, dass wir Patienten keinen Platz anbieten könnten, die aus medizinischer Sicht die Bedingungen erfüllen. Dann ist es wichtig zu prüfen ob vorübergehend noch eine ambulante Begleitung durch den Ambulanten Palliativdienst möglich ist oder der Patient gegebenenfalls in eine Palliativeinheit eines Pflegeheimes versorgt werden kann. Sonst muss der Patient noch im Krankenhaus verbleiben. Der Gesetzgeber hat klar geregelt: Um in einem Hospiz aufgenommen zu werden, ist die Voraussetzung, dass die Krankheit ganz akut fortschreitend ist und die Lebenserwartung nur auf Tage bis wenige Wochen vermutet wird.

Wenden sich auch Menschen hilfesuchend an Sie, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen? Wie gehen Sie mit solchen Wünschen nach Sterbehilfe um?

Es kommt nicht häufig vor, aber es gibt Anfragen nach aktiver Sterbehilfe. In Gesprächen stellen wir dann fest: Es ist vielleicht eher eine aktive Sterbebegleitung, die die Menschen suchen. Wir machen dann deutlich, dass die Hospiz- und Palliativbewegung genau dafür Möglichkeiten hat, aber eine Sterbehilfe ablehnt. Aber mir ist auch ganz wichtig, dass Menschen, die den Wunsch danach äußern, nicht einfach abgewiesen werden. Sie sind in größter Not, was sie brauchen, ist Verständnis für Ihre Lage. Auch wenn wir ihnen nicht das geben können, was sie sich vorstellen, machen wir Ihnen ein Gesprächsangebot und laden sie auch ein, sich ein Bild von der stationären und ambulanten Hospiz- und Palliativarbeit zu machen. Es wird aber immer Menschen geben, die den anderen Weg wählen und ihr Leben aktiv beenden wollen. Das muss man akzeptieren.

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