Hildesheim - Der lange Arm des Hubsteigers schwankt sacht im Wind. Doch der Mann hoch oben im Korb lässt sich nicht beirren. Mit der Sprühdose in der Hand malt er Stück für Stück einen riesigen Schlagzeuger auf eine Giebelwand in der Fußgängerzone. Man denkt, es müssten Schlangenlinien dabei herauskommen, doch das Graffiti sieht komplett akkurat aus.
Der erste Tag im Korb ist immer ein bisschen komisch
„Der erste Tag im Korb ist immer ein bisschen komisch“, sagt Rookie The Weird alias Robert Matzke, als er später wieder festen Boden unter den Füßen hat. „Das ist wie auf einem Schiff.“ An windigen Tagen, berichtet er, fühlt man sich nach zehn Stunden dort oben abends regelrecht seekrank. Früher habe er Höhenangst gehabt, fügt der 44-Jährige hinzu. Aber die konnte er mit Trainings in Kletterparks zum Glück überwinden.
Sonst wären Jobs wie dieser definitiv nicht machbar: Matzke ist einer der beiden Künstler, die die Fassadenkunst-Ausschreibung von Stadt und Kulturfabrik gewonnen haben. Für 90 000 Euro, die größtenteils aus EU-Töpfen kommen, werden zwei prominente Fassaden an der Almsstraße mit großflächigen Graffitis neu gestaltet.
Matzke ist an der Ecke Fußgängerzone/Wallstraße aktiv, Unterstützung bekommt er von seinem Kollegen Tobias Wüstefeld. Am Almstor, dem ehemaligen 2025-Büro, legt demnächst Welf Schiefer los. Bei der ursprünglich geplanten Farbgebung wird es dort allerdings nicht ganz bleiben können; die Denkmalpflege hatte Einwände.
Robert Matzke hat es leichter, er braucht keine Vorgaben zu berücksichtigen. „Ich bin glücklich, dass sich die Farbauswahl hier gut einfügt“, sagt er aber. „Man hat ja auch eine Verantwortung.“ Grün, Blau Beige und Orange werden die Tonart vorgeben, in der eine spezielle Kapelle auf der Fassade des Flachbaus an der Ecke und auf dem darüber liegenden Giebel spielen wird. Der menschliche Schlagzeuger hat unter anderem einen Kranich mit Banjo und ein Skateboard fahrendes Krokodil an seiner Seite.
Fachjury und Bevölkerung entscheiden
Gemeinschaft und Vielfalt lauteten einige der thematischen Vorgaben. „Musik verbindet“, erklärt Matzke seine Motivwahl. Eine Fachjury und 630 Hildesheimerinnen und Hildesheimer haben seinen Entwurf aus fünf Vorschlägen ausgewählt. Nicht zu übersehen ist Matzkes Faible für Groteskes und Skurriles – der Münsteraner sieht sich in der Tradition der so genannten Lowbrow Art, auch Pop-Surrealismus genannt, die ihre Impulse aus Comics, Magazinen, Rockmusik und B-Movies bezieht.
Es ist wichtig, etwas zu tun, wofür man brennt
Lowbrow ist das englische Wort für anspruchslos, und so gibt sich auch der Mann mit dem Künstlernamen Rookie The Weird, der Illustration studiert hat. Ein Rookie ist im Basketball ein Spieler, der vom College ins Profiteam aufrückt, ein Neuling also. Und The Weird ist die zehnköpfige internationale Sprayer-Crew, zu der er gehört. Auf dem Teppich bleiben ist seine Devise. Das, was er macht, müsse man nicht unbedingt als Kunst betrachten. „Ich habe einfach Lust, zu malen und zu zeichnen“, sagt er. Und: „Es ist wichtig, etwas zu tun, wofür man brennt.“
Das sind bei ihm nicht nur Graffitis, obwohl er schon als Jugendlicher mit dem Sprayen begonnen hat – anfangs überwiegend Schriftzüge, bald ausschließlich figurativ. Vor allem in der kalten und nassen Jahreshälfte stehen andere Aufträge im Vordergrund, etwa die Illustration von Internetseiten, die Gestaltung von Plattencovern oder T-Shirt-Designs. „Und ab und zu sitze ich im Atelier und male Ölbilder.“
Der Angler bleibt
Das ist definitiv wetterunabhängiger als sein jetziger Job in Hildesheim. Am Dienstag hat er angefangen, nach vier bis fünf Tagen will er fertig sein. Dafür darf es freilich nicht zu viel regnen. Wie die Vorhersagen sind? „Ich habe nicht nachgeguckt“, entgegnet Matzke gelassen. „Die Sprayfarbe zieht eigentlich ziemlich schnell an.“
Den Angler und den Fisch, die schon vorher die Giebelfassade geziert haben, will er in sein Graffiti integrieren, „weil die mit der Hand gemalt wurden. Das hat man nicht mehr so oft, das sollte man bewahren.“ Es kann gut sein, dass der Angler aber noch ein Instrument in die Hand gedrückt bekommt.
Im Internet findet man Rookie The Weird bei Instagram und auf seiner Homepage.


