Mehle/Delligsen - Eigentlich sei es ihr ein bisschen unangenehm, „wenn das alles in der Zeitung steht“, sagt Sabine Weisig vom Delligser Lauftreff. „Nicht, dass die Leute denken, ich will damit angeben.“ Ihre Skepsis ist unbegründet: Denn das, was die 65-Jährige geschafft hat, kann sich sehen lassen. Sie hat nämlich eine persönliche Einladung zur Senioren-Weltmeisterschaft im Rahmen des diesjährigen New-York-Marathons erhalten – vom Abbott World Marathon Majors, einer Vereinigung, die weltweit die größten Marathon-Events organisiert. Und der Wettkampf in New York ist eines der Größten.
Eine Einladung und damit eine Startplatz-Garantie für Big Apple bekommen nur die besten Läufer, alle anderen der jährlich rund 55.000 Teilnehmer müssen sich vorher bewerben. Und weil es rund 130.000 Interessenten gibt, werden die Plätze verlost. So ein Startplatz für New York ist also etwas sehr besonderes.
Post aus New York
Als bei Sabine Weisig in Mehle unlängst der Brief des Veranstalters im Postkasten liegt, freut sie sich riesig. Aber in diese Freude mischt sich auch ein großen Bangen, dazu ein Hoffen: „Hoffentlich bin ich bis dahin überhaupt wieder fit.“ Bis dahin heißt in ihrem Fall der 2. November, denn dann geht der New-York-Marathon über die Bühne. Doch der Reihe nach.
Sabine Weisig hat schon etliche Marathons gefinisht und gewonnen, obwohl sie erst relativ spät zu diesem Sport gestoßen ist. „So mit Mitte 30.“ Heute ist sie 65. Beim Hannover-Marathon im vergangenen April siegt Weisig in ihrer Altersklasse in 3:23 Stunden und wird damit Deutsche Meisterin der W65 (weiblich 65 Jahre). In der Jahresabrechnung für 2024 rangiert die Frau aus Mehle mit dieser Zeit weltweit unter den besten zehn Läuferinnen. In der W65-Weltrangliste klettert sie auf Platz fünf und in Europa auf zwei. Zugleich zieht sie durch diese Leistung ein Ticket für New York.
Bestzeit von 2:53 Stunden
„Sabine ist übrigens schon schneller gewesen. Ihre Bestzeit liegt bei 2:53“, sagt ihr Trainer Thomas Knackstedt vom Delligser Lauftreff. Bei erwähntem Hannover-Marathon beginnen aber auch die Probleme, die sich bis heute hinziehen. „Ich hatte nach einem Rennen noch nie Schmerzen, nach dem in Hannover schon“, so Weisig. Und zwar Schmerzen im Rücken.
Sie geht zum Arzt. Diagnostiziert wird eine Spinalkanalstenose, eine Einengung, die auf die Nerven innerhalb des Wirbelkanals drückt. Obendrauf kommt noch eine Verknöcherung. Sie beginnt mit konservativen Behandlungsmethoden – also Physiotherapie und Krafttraining. „Ich mache das seit fast einem Dreivierteljahr, und wie immer, wenn ich trainiere, mache ich das zu 100 Prozent“, sagt sie. Oder auch ein bisschen mehr. „Ich bin halt ehrgeizig.“
Angst vor einer Operation
Mittlerweile ist auch von einer möglichen Operation die Rede, um die Verknöcherung zu beseitigen. Davor hat Weisig großen Respekt, wenn nicht gar Angst. Zwei Eingriffe im Rücken muss sie bereits vor Jahren wegen eines Bandscheibenvorfalls über sich ergehen lassen. Es folgt damals eine lange Leidenszeit, verbunden mit Schmerzen. Und vor allen Dingen kann sie sich lange Zeit nicht richtig bewegen. Laufen geht gar nicht, von Wettkämpfen ganz zu schweigen.
Sabine Weisig ohne Sport ist eigentlich undenkbar, oder wie es ihr Trainer Knackstedt ausdrückt: „Sabine in einen kleinen Raum sperren zu wollen, funktioniert einfach nicht.“ Seit dem Hannover-Marathon im vergangenen Frühjahr kann Weisig keine Rennen mehr bestreiten – auch Lauftraining funktioniert nicht. „Darunter hat auch mein Mann Sigurd zu leiden“, verrät sie und lacht herzlich. „Ich muss mich einfach bewegen! Wenn ich schlechte Laune oder Frust habe, sagt mein Mann sonst immer: Komm’ zieh’ dir deine Laufschuhe an. Aber das geht gerade nicht.“
Unglaubliche Ausdauer-Physis
Trainiert hat Weisig früher erst in Alfeld. Bis sie Ende der 1990er ihren heutigen Trainer Thomas Knackstedt kennenlernt. „Sabine ist ein Naturtalent, wirklich, sie verfügt über eine unglaubliche Ausdauer-Physis“, sagt der Coach des Delligser Lauftreffs. Ihm läuft Weisig im wahrsten Sinne des Wortes vor mehr als 25 Jahren bei einem Rennen über den Weg. Knackstedt: „Mich hatte bis dahin noch nie eine Frau in einem Halbmarathon überholt – bis Sabine kam. Die lief damals im Wettkampf an mir vorbei. Mit einem Lächeln.“
Kurz darauf schließt sich die heute 65-Jährige dann Knackstedts Lauftreff an. „Das war ein großes Glück für mich, denn das Training dort hat mich wirklich nach vorn gebracht“, sagt sie.
500 Euro Startgeld
Nun muss sie sich entscheiden: Operation oder nicht? „Nach meiner früheren Erfahrung tue ich mich wirklich schwer damit“, so Weisig. Und hinzu kommt noch der New-York-Druck, denn langsam rennt ihr die Zeit bis November davon. Sie würde nur zu gern dabei sein bei dem Lauf, der durch alle fünf Stadtteile der Metropole führt: von Staten Island über die Verrazano-Narrows-Bridge ins Zentrum, durch Brooklyn, Queens, die Bronx und schließlich durch die Häuserschluchten von Manhattan. Mehr als zwei Millionen Zuschauer stehen immer an der Strecke.
Auch, wenn Sabine Weisig dazu eingeladen ist – Flug und Hotel müsste sie aus eigener Tasche bezahlen. „Allein das Startgeld beträgt 500 Euro.“ Aber das wäre es ihr Wert.
