Hildesheim - „Natürlich hat man das im Hinterkopf“, gab Itamar Stein später zu. Was er meint: das Wissen, dass das zweite Play-off-Viertelfinale seiner Helios Grizzlys Giesen gegen die SWD Powervolleys Düren sein letztes Spiel als Trainer der Grizzlys sein kann.
Es kam tatsächlich so – nach einem Wechselbad der Gefühle verloren die Giesener knapp mit 2:3. Um 21.44 Uhr am Samstagabend war Steins Zeit bei den Grizzlys Geschichte. Gegenüber dieser Zeitung sagte Stein später: „Die Grizzlys sind meine Familie, ein ganz besonderer Teil meines Lebens.“
Aber wie erlebte der Trainer seinen letzten Abend als Grizzly? Eine Chronologie:
18.42 Uhr: Die Sparkassen-Arena füllt sich, die Mannschaften wärmen sich auf. Itamar Stein wirkt cool, fast schon stoisch. Er steht an der Auswechselbank, beobachtet das Geschehen. Später verrät er: „Ich war nicht nervös.“
18.45 Uhr: Stein gibt ein Interview für den Streamingdienst Dyn. Es scheint, als seien die Abläufe routiniert, alles wie immer. Nach dem Interview geht der Grizzlys-Coach zurück zur Bank, tauscht sich mit seinem Co-Trainer Aitor Barreros aus.
18.52 Uhr: In der Arena geht das Licht aus, die Einlaufshow der Grizzlys beginnt. Hallensprecher Mike Münkel kommt im Bad-Bunny-Aufzug daher. Der US-Amerikaner performte die Halbzeitshow beim Super Bowl. Stein schmunzelt über Münkels Aufzug. Dann läuft „Hey, wir wollen die Grizzlys sehen“ über die Boxen der Halle. Stein singt mit und klatscht in die Hände. Als Kapitän Jan Röling einläuft, bekommt dieser von Stein noch einen Schulterklopfer.
19.01 Uhr: Jetzt wirkt Stein fokussiert, hat die Hände in die Hüfte gestemmt. Den ersten Punkt des Spiels – für Düren – nimmt er regungslos zur Kenntnis.
19.07 Uhr: Die Gäste aus Nordrhein-Westfalen erwischen den besseren Start, die Grizzlys liegen 1:5 hinten. Itamar Stein nimmt die erste Auszeit, bittet seine Mannen zum Gespräch. Allerdings ohne Wirkung. Düren baut die Führung auf 6:1 und 9:4 aus.
19.21 Uhr: Stein lässt den Kopf ein wenig hängen. Gleich zwei Bälle fliegen von den Blockhänden der Dürener noch in das Giesener Feld. Es steht mittlerweile 13:18. Wenig später holen sich die Powervolleys Durchgang eins.
19.43 Uhr: Giesens Schweizer Lars Migge schlägt ein Ass zum 11:10 in Satz zwei. Stein ballt die Faust, feuert sein Team an.
20.35 Uhr: Die Grizzlys haben mittlerweile Satz zwei und ganz frisch auch Satz drei für sich entschieden. Die Sparkassen-Arena kocht, es gibt sogar Standing Ovations. Stein hat die Hände zusammengefaltet und hält sie an den Mund. Es wirkt, als würde er beten – vielleicht Richtung Volleyball-Gott?
20.50 Uhr: Mittlerweile ist Stein wie ein Duracellhäschen unterwegs am Spielfeldrand. Jeder Punkt wird kräftig bejubelt, mal die Faust geballt, mal die Arme in die Höhe gereckt. Über jeden Punkt der Dürener ärgert sich Stein arg. Zeit für ein kleines Einzelgespräch mit seinem Kapitän Jan Röling bleibt. Röling hatte er bereits Mitte des zweiten Satzes ausgewechselt. Trotzdem bleiben beide im Austausch.
21.20 Uhr: Es läuft der entscheidende fünfte Satz. Düren kommt besser in den Durchgang, Stein zieht beim Stand von 2:5 eine Auszeit. Ob er mittlerweile daran denkt, dass hier gleich alles enden könnte? „Nein, im Spiel bist du komplett fokussiert“, sagt er später.
21.39 Uhr: Es steht nach einer kleinen Giesener Aufholjagd 13:13. Macht Düren die nächsten beiden Punkte, ist Steins Zeit vorbei, punkten die Giesener doppelt, bekommt Stein noch mindestens ein weiteres Spiel als Coach.
21.44 Uhr: Dürens Jordan Canham schlägt ein Ass. Daran ändert auch Itamar Steins Challenge nichts mehr. Um 21.44 Uhr ist Steins Zeit bei den Grizzlys beendet. Den ersten Moment trägt der Trainer mit Fassung. Physiotherapeut und Athletiktrainer Luca Doliwa umarmt Stein.
21.46 Uhr: Handshake mit Trainerkollege Christophe Achten. Auch der Dürener Trainer herzt Stein. Derweil kündigt Hallensprecher Mike Münkel bereits Steins Verabschiedung an und man hört an seiner Stimme, auch er ringt mit den Tränen. Auch Stein kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Stein sagt später gegenüber dieser Zeitung: „Ich hätte gerne meine Tränen zurückgehalten, aber es ging nicht. Es war überwältigend.“
Erst verabschiedet Grizzlys-Geschäftsführer Sascha Kucera mit Mark Olsen, Austin Wilmot, Miguel Sinfronio, Yannik Ahr und Mark Rura fünf Spieler. Dann kommt er zum Trainer.
Zehn Jahre – von 2016 bis 2026 – war Stein als Cheftrainer der Grizzlys zugange. Von der 2. Bundesliga bis zur Champions League fielen viele besondere Momente in diese Zeit. Auch Kucera kämpft mit den Tränen. Er sagt: „Ich bin ihm unendlich dankbar. Die Reise, die wir gegangen sind, war unglaublich. Es ist sehr schade, aber für die Familie die beste Entscheidung. Alles Gute für euch.“
Auch Hauke Wagner sagt Tschüss
Dazu überreicht Kucera Stein und seiner gesamten Familie Trikots, zwei Bilder und ein großes Banner, ähnlich wie es Hauke Wagner bereits bekommen hatte.
Auch vom Team gibt es Abschiedsgeschenke. Kapitän Jan Röling dankt Stein „für sieben Jahre als mein Trainer“. „Der Erfolg der Grizzlys spricht für dich“, ergänzt Röling. Die Akteure haben viele Kleinigkeiten zusammen in eine große Kiste gepackt. Auch Ex-Kapitän Hauke Wagner ist dabei und der frühere Grizzlys-Libero Niklas Breilin. Wagner sagt: „Du hast einen großen Anteil am Weg der Grizzlys, danke!“
Arena bleibt lange voll
Die Sparkassen-Arena ist noch nahezu voll, kein Zuschauer oder keine Zuschauerin ist gegangen. Immer wieder brandet Applaus auf, immer wieder wird Steins Name geschrien. Dann nimmt der Trainer selbst das Mikro in die Hand. Er dankt Sascha Kucera, der „ihm die Chance bei den Grizzlys gegeben habe“, so Stein. Auch die Fans in der Sparkassen-Arena genießen beim Trainer einen hohen Stellenwert. „Danke an die besten Fans der Bundesliga, ach was der Welt“, so Stein. Das Gefühl in dieser Arena „habe er geliebt“. Zuletzt dankt Stein auch seiner Familie. „Ohne euch wäre das nicht möglich“, sagt er. Für die Familie nimmt er sich künftig noch mehr Zeit. Es geht in die tschechische Heimat seiner Frau Tereza, die ebenfalls viele Tränen verdrückt.
Steins Abend ist noch lange nicht vorbei, es warten Autogramm- und Fotowünsche. Nachdem er das erledigt hat, nimmt er sich noch Zeit für ein kurzes Gespräch mit dieser Zeitung und wird noch einmal emotional: „So viele Umarmungen, so viele nette Worte, so viel Liebe, die ich in der letzten Stunde bekommen habe, das macht mich einfach unglaublich stolz.“ Der Trainer erinnert sich an seine Anfänge in der zweiten Liga, denkt aber auch an die Champions League und gewonnene Medaillen. „Ich bin dankbar für diesen Abschied, so etwas erlebt man nicht oft“, ergänzt Stein und verschwand in den Katakomben der Arena.




