Spektakulärer Abriss

Großer Knall am Kraftwerk Mehrum: Sprengmeister bringt zwei riesige Silos zum Einstürzen

Mehrum - Eine Landmarke der Region Hildesheim verschwindet. Nach und nach wird das Kraftwerk Mehrum abgerissen. Dabei werden große Teile der gewaltigen Anlage gesprengt. Wie die Aktion am Samstag gestartet ist – und was noch geplant ist.

Die beiden früheren Aschesilos liegen in Trümmern. Das Kraftwerk Mehrum wird Schritt für Schritt dem Erdboden gleichgemacht. Eindrucksvoll ist der Blick aus der Luft auf das Ergebnis der Sprengung. Foto: Clemens Heidrich

Mehrum - Für eine ordentliche Sprengung ist Eduard Reisch kein Weg zu weit. Mehr als 600 Kilometer hat er von Bayern nach Mehrum zurückgelegt, um mit seiner Arbeit auf der Anlage des ehemaligen Steinkohle-Kraftwerks zu beginnen. Das wird nach und nach abgerissen. Reisch, einer von wenigen Sprengmeistern in Deutschland, hat am Samstag mit seinem Team zwei je 70 Meter hohe Aschesilos zum Einsturz gebracht. Der erste Akt – vor weiteren großen Sprengungen im kommenden April.

„Krater-Edi“ wird er genannt, der Profi-Zerstörer aus München. „Ich mache das schon seit 40 Jahren“, erzählt Reisch. Also sollte es dem 63-Jährigen gelingen, auch die beiden früheren Aschesilos des Kraftwerks reibungslos zu sprengen. Den 116 Meter hohen AfE-Turm der Uni Frankfurt hat er 2014 flachgelegt, im Jahr 2008 das gut 50 Meter hohe Agfa-Hochhaus in München, 1999 die Donaubrücke in Leipheim – nur drei seiner etwa 100 Sprengungen pro Jahr.

Die heiße Phase

Es ist 10.30 Uhr. An einem strahlenden Samstagvormittag geht der Abriss des im März ausrangierten Kraftwerks Mehrum in seine heiße Phase. In die beiden Aschesilos, eines mit 15.000 Kubikmetern, das andere mit 25.000 Kubikmetern Fassungsvermögen, haben große Bagger Keile getrieben, damit diese kontrolliert wegkippen. „Sprengmäuler“, wie es die Experten nennen. Zudem hat das Sprengteam die beiden Gebäude durchlöchert, um gelatinösen Sprengstoff in sie zu füllen.

350 Kilo sind nötig, um die Riesen ins Wanken zu bringen – bis sie schließlich in der gewünschten, zuvor genau berechneten Richtung zu Boden donnern. Das Ganze wird zuvor mit Blick auf die Statik durchkalkuliert.

Gebannte Blicke

10.53 Uhr. Ein Warnsignal ertönt. Etwa 100 geladene Zuschauer, darunter Kraftwerk-Mitarbeiter, Journalisten und Behördenvertreter, stehen auf einer grünen Wiese des Kompostwerks, das an das Kraftwerk-Areal angrenzt. 500 Meter Sicherheitsabstand. Man wartet im nassen Gras, plaudert angeregt, viele haben ihr Handy in der Hand und blicken gebannt in die Richtung des Industrie-Giganten. Zwei Jungs haben es sich an einer Absperrung auf Klappstühlen gemütlich gemacht. Auch sie halten ihre Smartphones bereit.

10.59 Uhr. Atemlose Stille. Dann läuft der Countdown. „Feuer“ ruft der Sprengmeister. Zweimal knallt es dumpf, dann sacken die Silos in sich zusammen, krachen planmäßig Richtung Südwesten zu Boden. Dichter Qualm steigt auf, umhüllt den riesigen Trümmerhaufen. Innerhalb von vier Minuten ist alles vorbei.

Die Zuschauer klatschen Beifall. „Es war schon ein bisschen unheimlich“, sagte eine Frau. „Beängstigend“ – so hat es eine andere Zuschauerin empfunden.

11.22 Uhr. „Sicherheit herrscht“, lautet die Durchsage. Heißt: Das Publikum kann sich den Kraftwerksanlagen wieder nähern. Eine einsame rote Drohne summt über ihnen, sie trägt eine der fliegenden Kameras, die an diesem Tag in den Himmel steigen. Langsam ziehen die Besucher vom Kompostwerk in Richtung der Stelle, wo die Silos in Trümmern liegen. Das Material wird beseitigt und etwa als Tragschicht für Straßen wieder verwendet.

„Wie ein heißes Messer in die Butter“

Nach der Sprengung gibt es Bratwurst vom Grill, Limo und Zapfbier. Auch Spreng-Master Mind Reisch lässt sich eins davon nach dem Tagwerk schmecken. Er wird gefragt, ob er zufrieden sei. „Voll und ganz“, schwärmt er. Wie ein „heißes Messer in die Butter“, so sei der Sprengstoff in den Stahlbeton der Silos eingedrungen.

Der Mann, der, wie er sagt, schon als fünfjähriger Junge vom Sprengen träumte, hat mit seiner zehnköpfigen Mannschaft ganze Arbeit geleistet. Meint zumindest Armin Fieber, Geschäftsführer des Kraftwerks. Für den gilt nun: Erst der Abriss, und dann sollen die Pläne eines Gaskraftwerks mit etwa 50 Beschäftigten umgesetzt werden, auch ein Batteriespeicher auf dem Gelände ist das Ziel.

„Es trifft einen emotional“

Fieber steht an der Spitze der Belegschaft, zu der auch Torsten Habekost, Projektleiter des Rückbaus gehört. „Ich befasse mich schon seit vier Jahren mit dem Rückbau. Klar, es trifft einen emotional, aber es hält sich in Grenzen“, bekennt er.

Jens Böker, Ortsbürgermeister von Mehrum, wo 1125 Menschen wohnen, verfolgt ebenfalls die Sprengung. Wie beschreibt er die Stimmung im Ort – angesichts dessen, dass sich das Landschaftsbild ringsum drastisch wandeln wird? Böker nennt es „Anteilnahme“ der Bevölkerung, die viele Jahre mit dem Kraftwerk gelebt haben, ein Großteil des Personals kam aus Mehrum. Wehmut aber empfindet er nicht. Okay, ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Region verschwindet, aber wer neue Technologie will, also das eben angestrebte Gaskraftwerk als Nachfolger, der muss mit dem rigorosen Abriss leben. Das sieht Böker ganz pragmatisch.

Minutiöse Planung

Ähnlich tickt auch der Mann mit der Lizenz zum Sprengen. Und packt ihn Nervosität bei so viel Verantwortung? Der hagere Bayer winkt ab. „Wenn man ein schlechtes Gefühl hat, dann kann etwas bei der Vorbereitung nicht gestimmt haben.“ Minutiöse Planung, erst Statik, dann die Dynamik, das ist das A und O für den 63-Jährigen.

Unter idealen Bedingungen läuft die Sprengung aus Reischs Sicht wie gemalt. Bei Sturm hätte man die Aktion aufschieben müssen. Nun aber geht alles wie gewünscht über die Bühne. Für die Kraftwerk-Geschäftsführung ist der Einsturz der Aschesilos ein „Probelauf“, im kommenden April folgen im Zuge des Abrisses des 250 Meter hohen Schornsteins und des 130 Meter hohen Kühlturms.

Auch diese Kolosse wird Reisch in Zusammenarbeit mit dem Abbruchunternehmen Freimuth aus dem Raum Cuxhaven zu Boden bringen. 2026 ist das Kesselhaus an der Reihe, so Matthias Tonn. Der gebürtige Hildesheimer arbeitet als Projektchef bei dem Unternehmen. Sein Boss ist Bodo Freimuth. „Ich bin erleichtert. Knackig gesprengt – fertig“, jubiliert dieser mit Blick auf den versierten Abreißer.

4000 Brücken – und die nächste Aktion im Hildesheimer Land

Der wird neben Mehrum auch mit anderen Aufgaben noch sehr viel zu tun haben. „Die Bundesregierungen haben in den vergangenen Jahren unsere Infrastruktur sträflich vernachlässigt“, betont Resch und meint damit Brückenbauwerke. Er rechnet damit, in den kommenden Jahren bundesweit noch 4000 marode Brücken zu sprengen.

Kreuz und quer durch Deutschland unterwegs ist der Spezialist, der offiziell als Spreng-Berechtigter beauftragt wird. „Sprengmeister, so heißt es nur im Volksmund“, erklärt der Bayer.

Für ihn heißt es stets: Nach der Sprengung ist vor der Sprengung. Reisch hat jüngst in Diepholz Windräder und Fundamente beseitigt, eine ähnliche Aktion steht ihm in wenigen Wochen in Borsum bevor. Es knallt also wieder im Hildesheimer Land. Aber wohlbehütet. Dafür legt der Sprengmeister seine Hand ins Feuer.

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