Hildesheim - Er rechne mit allem – also auch mit dem Schlimmsten. Das hatte Hildesheims Bischof Heiner Wilmer im Frühjahr 2019 erklärt, als er das Expertengremium vorstellte, dass in den folgenden Monaten über Archivrecherchen und Interviews mit Bistums-Mitarbeitern herausfinden sollte: Welches Ausmaß hatte die sexualisierter Gewalt im Bistum in der Vergangenheit, speziell während der Amtszeit von Bischof Heinrich Maria Janssen? Gab es weitere Hinweise darauf, dass Janssen selbst Täter war, was zwei mutmaßliche Opfer behaupteten? Und hatte sich um diesen Bischof womöglich ein regelrechtes Täternetzwerk gebildet, in dem Kinder und Jugendliche zum Missbrauch weitergereicht wurden?
So viel vorweg: Es gibt keine neuen Belege für die Vorwürfe gegen Janssen, er habe sich an einem Jungen vergangen und sich einen anderen aus dem Kinderheim Bernwardshof zuführen lassen, dann aber von einem Missbrauch abgesehen. Ebenso wenig fanden die Fachleute Material, dass die Beschuldigungen entkräftet und Janssen reinwäscht. Auch für ein organisiertes Netzwerk gibt es keine konkreten Beweise.
Doch es gab, das zeigt das jetzt vorliegende Gutachten, unter Bischof Janssen und dessen Nachfolger Josef Homeyer Strukturen, dessen Auswirkungen Hildesheims derzeitiger Bischof Heiner Wilmer scharf als „teuflisch“ verurteilt: „Den jungen Menschen in Heimen oder Pfarreien, die diese Gewalt erleiden mussten, wurde unausgesprochen vermittelt: ,Ich habe alle Macht über dich. Ich kann mit dir tun, was ich will. Dir wird sowieso nicht geglaubt. Du hast keinen Wert.“
Kartell des Schweigens und der Vertuschung
Die Expertengruppe um die frühere Niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz hat klar herausgearbeitet: Es war in einem Kartell des Schweigens und der Vertuschung gar kein organisiertes Netzwerk nötig. Priester konnten, wenn sie es wollten, immer Kinder missbrauchen, ob in der Gemeinde, in der der Wohnung oder im Zeltlager. Täter mussten nicht mit einer Verfolgung durch die Bistumsspitze rechnen, maximal eine Versetzung in Kauf nehmen – ohne, dass sie am neuen Dienstort irgendwelche Nachteile gehabt hätten oder Familien und Kinder gewarnt worden wären. Bischof Janssen habe deutliche eine „pastorale protegierende Haltung gegenüber Tatverdächtigen“ gehabt, bekräfigt Peter Caspari vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP).
Ein Ort, an dem sich nach Erkenntnissen der Gutachter, diese menschenverachtende Haltung des Täterschutzes und der Opfer-Missachtung Bahn brach, war das Kinderheim St. Bernwardshof. Janssen soll mit den „dort herrschenden Verhältnissen vertraut gewesen sein. In dem Heim sollen unter anderem ein Erzieher und drei Ordensschwestern für sexualisierte Übergriffe und Gewalt verantwortlich gewesen sein. Zudem hätten sie hilfesuchenden Kinder jegliche Hilfe verweigert. „Es ist nichts darüber bekannt, dass Bischof Janssen in irgendeiner Weise regulierend in dieses Gewaltsystem eingegriffen hätte, um junge Menschen vor weiteren schwerwiegenden Schädigungen zu schützen“, so die Gutachter.
In dem Schülerheim Collegium Albertinum, das bis Anfang der 1980er am Domhof angesiedelt war, soll nach übereinstimmenden Meldungen in den 1970er Jahren der damalige geistliche Rektor Schüler mehrfach zu sich „in die Badewanne eingeladen“ haben, in einem Fall soll er einen Jungen „überall“ und vor allem am Geschlechtsteil eingeseift haben. Auch ein Konrektor soll in den 1950er Jahren einen Jungen missbraucht haben.
Bericht ist weitere, tiefe Erschütterung des Bistums
Der am Dienstag im Generalvikariat vorgestellte Abschlussberichts der Expertenkomission ist eine weitere, tiefe Erschütterung für das Bistum und für die katholische Kirche – sowie eine Bestätigung des bereits in einem älteren Gutachten erhobenen Vorwurfs. Jahrzehntelang haben Hildesheimer Bistumsverantwortliche Missbrauch an Kindern und Jugendlichen geduldet, Täter gedeckt und Opfer allein gelassen, eine Mauer des Schweigens aufgebaut. „Es gibt zahlreiche Fälle von Verheimlichung und Vertuschung“, berichtet Kurt Schrimm. Opfer hätten aus Angst geschwiegen, auch im Wissen, dass meist nicht einmal die eigenen Eltern ihnen geglaubt hätten
Der frühere Oberstaatsanwalt hat das Hildesheimer Bistumsarchiv durchforstet – und hat dabei zehn Tatverdächtige identifiziert, die in der ersten großen Untersuchung von 2018 (MHG-Studie) noch nicht benannt worden waren. Damals waren bereits 46 Priester beschuldigt worden (die meisten waren bereits verstorben). Parallel zu Schrimms Aktenrecherche lief eine großangelegte Befragung von Bistumsmitarbeitenden (auch nicht geistlichen) und Missbrauchs-Betroffenen, die sich gegenüber Forschern des IPP offenbarten – auch sie erfuhren so von weiteren, bis dahin noch nicht bekannte Fällen, in denen nicht nur Kleriker, sondern auch „weltliche“ Tatverdächtige ausgemacht wurden.
81 Personen tatverdächtig
Nach Auswertung aller bisherigen Untersuchungen inklusive der MHG-Studie gelten somit insgesamt 81 Personen als Tatverdächtige (51 davon während der Amtszeit Bischof Janssens). Elf sind namentlich nicht bekannt, zwölf sind „weltliche“ Mitarbeiter, sieben sind zur Tatzeit Jugendliche gewesen, fünf waren Ordensangehörige (davon drei Frauen), zwei Klerikern wird zudem sexualisierte Gewalt gegen Frauen vorgeworfen.
Viele der neu identifizierten Beschuldigten (die in dem Gutachten anonymisiert auftauchen), sind bereits verstorben. Strafrechtlich sind die anderen Fälle verjährt – Bischof Heiner Wilmer, der das Gutachten auch erst seit einigen Tagen kennt, kündigt aber an, kirchenrechtliche Schritte prüfen zu lassen, wenn es noch lebende Beschuldigte gibt.
Betroffener: „Ich appelliere an die ehemaligen Mitarbeitenden des Domhofs, ihr Wissen zu teilen“
Wilmer dankt den Experten für die Recherche und Einordnung – und allen Betroffenen, die den Mut hatten, sich zu offenbaren, um die Aufklärung voranzutreiben. Einer von denen ist Jens Windel. Der Algermissener ist selbst als Kind von einem Hildesheimer Pfarrer missbraucht worden und hat die Betroffeneninitiative Hildesheim gegründet. Für ihn sei es eine Herausforderung gewesen, die neue Studie zu lesen, erklärt er bei der Vorstellung des Berichts. Wieder einmal zeige sich, „mit welch perfider Grausamkeit“ die Täter vorgegangen seien. Zugleich sei für ihn erschreckend gewesen, dass ihn nichts mehr überrascht habe, sagt Windel – und nutzt seine Ansprache im Beisein von Bischof Wilmer, weitere Aufklärung und Gerechtigkeit für Betroffene zu fordern, mögliche Täter bis in die jüngste Vergangenheit zu suchen und Opfer zu entschädigen. „Ich appelliere an die ehemaligen Mitarbeitenden des Domhofs, ihr Wissen zu teilen. Ein Schweigen empfinden wir Betroffene als stille Befürwortung für das menschliche Verbrechen an uns, den Kindern und Jugendlichen von damals und leider auch noch von heute.“
