Die Reportage

Helene Sofie – ein Baby kommt im Auto zur Welt, mitten auf einer Kreuzung in der Hildesheimer Innenstadt

Hildesheim/Adensen - Eine Familie aus Adensen erwartet ihr zweites Kind. Was sie nicht erwartet: dass Mutter Karoline das Baby im Auto zur Welt bringen wird, auf der Kreuzung Kardinal-Bertram-Straße/Schuhstraße, auf dem Weg ins St. Bernward Krankenhaus. Am Morgen des 1. April startet im Haus der Familie Krüske ein Countdown, der ihnen alles abfordern wird.

Karoline und Moritz Krüske mit Töchterchen Helene Sofie – vor dem blauen Skoda, der in der Familie von nun an wohl einen ganz besonderen Stellenwert haben wird Foto: Privat

Hildesheim/Adensen - Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind im Auto geboren wird, auf dem Weg in die Klinik, ist statistisch gesehen vergleichbar mit der eines Sechsers im Lotto. Exakte Zahlen sind kaum zu finden – eben weil es so selten passiert. Auch in Adensen deutet an diesem Mittwochmorgen nichts darauf hin, dass etwas Außergewöhnliches geschehen könnte im Haus von Familie Krüske, die dieser Tage ihr zweites Baby erwartet. Im Gegenteil. Es ist Nacht und vollkommen ruhig.

5.30 Uhr. Als Karoline erwacht, schlafen ihr Mann und ihr Sohn Jaron noch. Sie spürt bereits beim Aufstehen die ersten Wehen, frühe Vorboten der bald bevorstehenden Geburt. Vielleicht ist ja heute der Tag, an dem sie ihr zweites Kind bekommt, denkt sie. Mittwoch, der 1. April. Ein schönes Datum. Ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, weiß sie nicht. Gemeinsam mit ihrem Mann Moritz hat sie entschieden, das Geschlecht nicht vorher erfahren zu wollen, die beiden lassen sich überraschen. Jetzt steht Karoline auf, ganz leise, um die anderen nicht zu wecken.

Der Countdown bis zur Geburt

6.30 Uhr. Der Tag soll so normal wie möglich beginnen. Karoline will ihren Sohn in die Kita bringen, sie macht ihm Frühstück. Er weiß, dass er bald ein großer Bruder sein wird. Im Rückblick sagt sie nachdenklich: „Ich glaube sogar, er war der Erste, der gefühlt hat: Es geht jetzt los.“ Vielleicht war es die Art, wie er ihr über den Bauch gestreichelt hat, vorsichtig und unendlich lieb, fast so, als wollte er seine Mama trösten, die an diesem Morgen von Zeit zu Zeit Schmerzen hat. Sie erklärt ihm: Das ist nichts Schlimmes. Das sind die Wehen. So ist es, wenn ein Baby bald zur Welt kommt, das war bei dir damals genauso. Später sagt sie: „Ganz genauso war es eigentlich nicht. Diesmal waren die Wehen gleich von Anfang an intensiv. Sie haben schon heftiger eingesetzt, als es damals bei meinem Sohn der Fall war.“

7.40 Uhr. Die Kita ist in Barnten, mit dem Auto ein Weg von gut zehn, zwölf Minuten. Alles überschaubar. Karoline bleibt ruhig, für alles andere ist sie auch einfach nicht der Typ. Nicht nur, dass sie schon einmal Mutter geworden ist. Sie ist zudem selbst Kinderkrankenschwester von Beruf, ausgebildet für die Intensivpflege, da gehören starke Nerven quasi zum Handwerkszeug. Aber auf der Rückfahrt von der Kita, auf Höhe der Marienburg, muss sie rechts ranfahren, als eine besonders starke Wehe sie erwischt. Sie atmet. Bewusst tief. Und noch einmal. Ein. Aus. Langsam legt sich der Schmerz wieder, bevor er in Wellen wiederkehrt. Noch immer bleibt sie ruhig. „Man geht bei einer Geburt ja immer von mehreren Stunden aus“, sagt sie. Diesmal soll es anders kommen.

Moritz hört seine Frau im Haus schreien vor Schmerzen

8.30 Uhr. Moritz ist schon auf dem Weg nach Hildesheim, als sie nach Hause zurückkommt. Er hat dort einen Termin, geht seinen Verpflichtungen nach wie jeden Tag, die Welt bleibt nun mal nicht neun Monate lang stehen, wenn man ein Kind erwartet. Karoline will ihn nicht anrufen, eigentlich nicht, sie zögert noch, wartet noch die nächste Wehe ab, die nächste – und dann wählt sie doch seine Nummer, sagt: Bitte komm nach Hause. Ich glaube, wir müssen los.

10.34 Uhr. Moritz ist zurück in Adensen. Als er ankommt und aus dem Auto steigt, hört er seine Frau drinnen schon schreien vor Schmerzen. Die ersten Presswehen haben eingesetzt. Moritz hält nur kurz, um seiner Frau auf den Beifahrersitz zu helfen, und ab geht’s Richtung Hildesheim.

„Das mit dem Beifahrersitz habe ich extra gemacht, weil man den so weit zurückschieben kann“, sagt Karoline. Sie erinnert sich, dass sie ein Bein angehoben und gegen die Windschutzscheibe gestemmt hat, weil ihr das in diesem Augenblick entlastend schien. Auf der Fahrt gibt Moritz Gas, während sie unter den Presswehen stöhnt. „Kann sein, dass wir unterwegs geblitzt worden sind“, sagt Karoline, „gut möglich. Ich habe nicht mitbekommen, dass er gehupt oder andere überholt hätte, aber das muss nichts heißen. Ich war einfach total auf mich konzentriert.“ Aufs Atmen. Auf die Schmerzen. Aufs Atmen. Ein, aus.

Es ist nicht mehr weit, sagt sie sich. Trotz der Presswehen glaubt sie in diesem Moment, dass sie es noch rechtzeitig ins Krankenhaus schaffen werden. Karoline hat sich für eine ambulante Geburt im St.-Bernward-Krankenhaus entschieden. Das bedeutet, dass die Mutter nur zur eigentlichen Niederkunft in den Kreißsaal kommt – verläuft alles ohne Komplikationen, kann sie mit ihrem Baby innerhalb von drei bis 24 Stunden wieder nach Hause zurückkehren. Als Intensiv-Kinderkrankenschwester weiß Karoline, wie wichtig es ist, sich im potenziellen Notfall auf sofortige und kompetente Hilfe verlassen zu können.

Sie spürt das Köpfchen. Das Baby kommt. Jetzt.

Auf der Fahrt spürt sie: Das Baby kommt. Jetzt. „Plötzlich habe ich schon das Köpfchen gefühlt“, sagt sie. Zuerst ist sie nicht sicher: Kann das sein? Ist es tatsächlich schon so weit? Aber hätte sie dann nicht längst fühlen müssen, dass die Fruchtblase geplatzt ist? Sie ist eine versierte Kinderkrankenschwester, Hebamme ist sie nicht. Doch tatsächlich, es ist so, ihr Baby kommt zur Welt. Jetzt, hier, in diesem Auto, auf dem Weg in die Klinik.

Einer der ganz seltenen Fälle. Allerdings, so prognostizieren es Experten, könnten in Zukunft noch viel öfter Kinder auf diese Weise geboren werden: auf Beifahrersitzen oder Rückbänken, in Autos, möglicherweise bei Tempo 80 oder 100. Der Grund: Entbindungsstationen schließen, Ärzte und Hebammen fehlen, die Versorgung konzentriert sich zunehmend auf Zentren. Gerade auf dem Land müssten Frauen deshalb für die Geburt oft viele Kilometer weit fahren, heißt es etwa vom Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte. Dadurch bestehe die Gefahr, dass künftig mehr Kinder in Autos auf die Welt kämen – ohne professionelle Hilfe.

Panik? Nein, sagt Karoline, Panik hatte sie in diesem Augenblick nicht. „Ich wusste ja, dass ich das allein hinkriegen muss. Mir war klar, mir kann jetzt niemand helfen, und gerade deshalb muss ich ruhig bleiben, nur dann schaffe ich das.“ Und dann, als Moritz über die Kreuzung Kardinal-Bertram-Straße/ Schuhstraße fuhr, ist es da. Das Baby. Genau vor der Andreaspassage kommt sie zur Welt: Helene Sofie. Da ist es, so rechnen sie es später aus, genau 10.51 Uhr.

„Sie hat geschrien“, sagt Karoline, „das war für mich das Allerwichtigste.“ Babys, sagt sie, holen ja Luft, wenn sie geboren werden, aber was genau bedeutet „geboren“? Müssen sie Luft holen, wenn ihr Köpfchen da ist, oder erst, wenn sie ganz auf der Welt sind? In Helenes Fall war das zum Glück fast ein und derselbe Moment.

Die Nabelschnur hat sich um den Hals des Babys gewickelt

Doch dann sieht ihre Mutter, dass sich die Nabelschnur um den Hals des Babys gelegt hat. Schnell nimmt sie sie ab, damit sie Helene nicht die Luft abschnürt. „Ich hielt sie im Arm, und man sagt ja immer, dass man Babys auf die nackte Haut legen soll, aber ich hatte noch alles an, Shirt und Unterwäsche, das war gar nicht möglich.“ Was ist es denn?, hört sie Moritz fragen, und Karoline sagt leise: „Ein Mädchen. Es ist ein Mädchen.“

Man darf nicht vergessen: Das alles geschieht in Sekunden. Es ist immer noch 10.51 Uhr, vielleicht 10.52 Uhr, Moritz saust immer noch in Richtung Bernward Krankenhaus, das er von unterwegs schon angerufen hat, nun rennt er zum Empfang und ruft sowas wie: Wir sind da! Hier sind wir, hier! Aber der Mann am Empfang schickt ihn zur Notaufnahme, also rennt Moritz zur Notaufnahme, wo er viele Menschen anstehen sieht, wen soll er hier ansprechen? Also wieder zurück zum Empfang, diesmal ist der Mann dort bereit, direkt im Kreißsaal Bescheid zu geben.

„Das dauerte insgesamt eine Weile“, sagt Karoline rückblickend. „Ich weiß noch, dass ich Helene gefragt habe: Was meinst du, wollen wir zwei einfach schon mal wieder nach Hause fahren?“

Dann wird ihr schlagartig kalt. Die ganze Zeit war ihr heiß, sie hat geschwitzt, doch nun friert sie plötzlich. Doch da kommen schon zwei Hebammen, sie haben Handtücher dabei und Decken. Moritz darf unter ihrer Anleitung die Nabelschnur durchtrennen, dann nehmen sie Karoline das Neugeborene ab und setzen sie in einen Rollstuhl. Im Kreißsaal wird für beide alles Nötige getan, die Geburtswunden der Mutter werden versorgt. Hier im Bernward Krankenhaus ist man auf solche Fälle vorbereitet, auch wenn die sich „sehr selten und meistens kurz vor der Klinik“ ereignen, wie Dr. Susanne Peschel, Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, St. Bernward, sagt.

Der Hautkontakt zur Mutter ist das Wichtigste

In so einem Fall passiert genau das, was jetzt passiert: Das Geburtsteam kommt mit allem notwendigen Equipment nach draußen und versorgt die Gebärende und ihr Baby professionell. Auch im Fall einer Frühgeburt oder etwaiger Komplikationen ist das Team der Kinderklinik und des Perinatalzentrums genauso schnell zur Stelle wie das Kreissaalteam. „Erfreulicherweise nahmen diese Geburten alle einen gutem Ausgang“, sagt Peschel.

Aus medizinischer Sicht rät sie im Fall einer plötzlichen Geburt dazu, wenn es irgendwie geht, einen Rettungswagen zu rufen. Und wenn es nicht mehr geht, das Auto anzuhalten. „Kommt das Kind plötzlich zur Welt, sind für das Neugeborene der Hautkontakt zur Mutter und Wärme besonders wichtig.“ Im Auto könne man die Standheizung einschalten und Mutter und Kind notfalls mit einer Jacke zudecken. „Auch das Köpfchen des Babys braucht eine Abdeckung, da der mögliche Wärmeverlust deutlich über das noch nasse Köpfchen geht.“ Wichtig ist auch, immer den Kontakt mit der Mutter zu halten, um zu sehen, wie sie sich fühlt.

Karoline fühlt sich erschöpft. Glücklich. Erleichtert. Und wahnsinnig dankbar, wie sie sagt: „Wie das Team im Kreißsaal für uns da war, das war großartig.“ Und nun ist es wirklich geschafft, ihr Töchterchen ist da, allen geht es gut.

Sie sind platt wie Flundern, todmüde – aber happy

In Adensen sind es die Großeltern, die an diesem Tag Jaron von der Kita abholen. Die ihm Essen machen und den anderen auch, die schon im Garten warten, als Karoline und Moritz und die kleine Helene Sofie am späten Nachmittag gemeinsam nach Hause kommen. Platt wie Flundern, todmüde, aber happy. Alle drei.

„Es war unglaublich“, sagt Moritz über den Moment der Geburt auf der Kreuzung. „Ich musste mich so stark aufs Fahren konzentrieren, während meine Frau neben mir presste und schrie, ich habe wirklich nur auf den Verkehr geschaut. Dann drehe ich mich nur einmal kurz nach rechts um – und plötzlich ist unsere Tochter auf der Welt.“ Ein Ereignis, das für Statistiker so selten sein mag wie ein Sechser mit Zusatzzahl. Für Moritz und Karoline ist es sogar noch mehr: einzigartig. Mehr Glück, da sind sie sicher, kann man nicht haben.

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