Hildesheim - Kein Durchkommen mehr – viele Autofahrer fluchen über die Wartezeiten und Umwege durch die zahlreichen Baustellen in Hildesheim. Autofahrer, die zur Arbeit wollen oder zum Einkaufen in die Stadt. Die sich einfach ärgern. Aber es gibt auch diejenigen, für die das richtig ins Geld geht. Wie zum Beispiel diejenigen, die in der Pflege und Krankenversorgung ins Auto steigen, um zu ihren Kunden und Kundinnen oder Patienten zu gelangen. „Die Baustellen kosten uns enorm viel Zeit“, sagt Sebastian Adamski, und es fällt ihm schwer, nicht gleich wütend zu werden.
Adamski ist Geschäftsführer des Pflegedienstes Daheim statt Heim. Er ist mit den anderen Anbietern in der Region in ständigem Austausch. „Das Thema Baustellen ist bei uns allen schon lange auf der Agenda“, sagt er, „aber im Gegensatz zu Rettungsdiensten haben wir keine Möglichkeiten, gegen den Zeitverlust durch die Baustellen etwas zu unternehmen.“
Zeitverlust bei Anfahrten
Die Anfahrt zu den Kundenterminen wird über die Pflegekasse pauschal vergütet. Derzeit liegt der Satz bei 5,44 Euro pro Anfahrt, am Wochenende etwas höher. „Wir kalkulieren unsere Touren so, dass wir im Schnitt unter sieben Minuten für eine Anfahrt benötigen.“ Allein das sei schon ein logistischer Aufwand. Adamski lässt gerade die neue ambulante Station im Ostend technisch auf Vordermann bringen. Eines ist für ihn jetzt schon klar: „Wir werden versuchen, für unsere Tourenplanung auch KI einzusetzen.“
Die kann zwar rechnen, aber keine Baustellen verhindern. Deswegen hat sich die Kalkulation für die Tourenplanung seit langem schon deutlich verändert: auf das Doppelte. „Wir brauchen derzeit im Schnitt gut eine Viertelstunde.“ Doch bezahlt wird das nicht. Pauschale ist Pauschale.
Weniger Zeit für die Patienten
Hinzu kommt, dass die ursprünglichen Tourenpläne nicht mehr eingehalten werden können. Die Folgen: Entweder die Pflegezeiten müssen straffer werden, darunter leidet aber der menschliche Kontakt zwischen Pflegenden und Gepflegten. Und der Stress steigt. Oder die Arbeitszeiten müssen ausgeweitet werden. Doch dazu braucht man neues Personal. Auch das verursacht Kosten, die nicht abgedeckt sind, rechnet Adamski vor.
Täglich hat allein sein Pflegedienst um die 350 Patientenkontakte im ganzen Stadtgebiet. Für die tägliche Einsatzplanung sind zwei Frauen zuständig. Die Touren sollen möglichst lokal engmaschig ablaufen, doch das klappt nur in der Theorie. Die Praxis sieht anders aus, erzählt Adamski. Er hat Kunden, die direkte Nachbarn sind, der eine ist Frühaufsteher, der andere schläft gerne aus. „Darauf nehmen wir eben auch Rücksicht.“ Also zwei Anfahrten zu unterschiedlichen Zeiten.
Termine werden abgesagt
Oder ein fest um 10 Uhr gebuchter Termin wird abgesagt, weil ein Arzttermin dazwischen kommt. Solche Beispiele gibt es viele. Dazu gehören auch die Tourenplanung der Müllabfuhr und ja, eben die Baustellen. Und künftig auch die neuen Zeiten für die Ampelschaltung. „Der Gedanke, den Verkehr aus der Innenstadt rauszuhalten, ist ja an sich plausibel. Aber es trifft dann eben auch Dienstleister wie uns. Die laufen bei den Planern unter dem Radar.“
Rund 30 Prozent der Hildesheimer sind älter als 60 Jahre, der Anteil derjenigen, die einen Pflegebedarf haben, steigt. Die meisten zu Pflegenden leben in den eigenen vier Wänden. Oft sind es kleine Dienstleistungen bei niedrigen Pflegegraden, die fallen aber zwei- bis dreimal täglich an. „Eine logistische Herausforderung, die wir stemmen müssen.“
Busspuren mitnutzen
Eine Erleichterung haben Anbieter wie er bereits, und dafür lobt er die Stadt. Für 180 Euro im Jahr können seine Leute überall ticketfrei Parkplätze nutzen. Doch das bremst nicht die Baustellen und Ampeln aus. Eine Option wäre daher, dass Dienstleister wie er auch Bus- oder Taxispuren nutzen könnten, um wenigstens partiell an Autoschlangen vorbeizukommen.
Diana Gehre ist Dienststellenleiterin bei der MTN Krankentransporte GmbH. Auch sie rechnet mit deutlichen Zeitverlusten. Bei Krankentransporten würden zwar die Kilometerkosten erstattet, also die Umwege, aber nicht der Zeitverlust dadurch. Hinzu kommt, dass die Abrechnungen bundesweit zentral bearbeitet werden. „Wenn plötzlich für bestimmte Strecken mehr Kilometer benötigt werden, müssen wir das aufwändig belegen“, sagt sie. Und das bei jeder Krankenkasse, bei denen die Patienten versichert sind. „Hildesheim ist derzeit als Baustellenstadt besonders schlimm“, sagt Gehre. „Manche Touren werden zu regelrechten Stadtrundfahrten“.
Probleme für den Rettungsdienst
Der Einsatzalltag der Rettungskräfte und der Polizei wird ebenfalls beeinträchtigt, doch sie haben auch das Blaulichtprivileg – man muss ihnen Platz machen. Die Baustellen und die Streckenführung sind in den Einsatzzentralen bekannt und werden jeweils aktualisiert, teilt zum Beispiel Volker Huck von der Berufsfeuerwehr Hildesheim mit. Doch die Baustellen führen zu einem neuen Problem: „Die werden meist von den Anliegern zugeparkt, Freiflächen für Rettungskräfte fallen weg.“
Zwar könne man zur Not beim ärztlichen Rettungseinsatz auch ein paar Meter laufen, doch Feuerwehrwagen wie die Drehleiter müssen eben möglichst direkt an den Einsatzort kommen können. „Für uns gab es schon problematische Situationen durch das Zuparken“, sagt Huck.
Anlieger ignorieren Parkverbote
Für die Polizei hat sich Pressesprecherin Kristin Möller im Haus umgehört: „Mir sind derzeit keine Fälle bekannt, bei denen es durch Baustellen oder Zufahrten, die von Fahrzeugen blockiert wurden, Probleme beim Erreichen von Einsätzen gegeben hat.“ Aber sie weist trotzdem darauf hin, auf die Beschilderungen zu achten. Parkverbote gelten auch an Feiertagen, obwohl dann Anlieger oft davon ausgehen, der Platz werde ja dann nicht mehr benötigt. Ein fataler Irrtum.
Kommentar: Pflegedienste sehen Rot
Hildesheim - Während der Coronaphase wurden Pflegekräfte beklatscht. Das hat aber nichts daran geändert, dass sie bei vielen Themen weiterhin großen Belastungen unterliegen – und damit auch die von ihnen betreuten Menschen. So richtig es ist, den motorisierten Individualverkehr aus der Hildesheimer Innenstadt rauszuhalten, das darf aber nicht diejenigen treffen, die täglich zu ihren pflegerischen oder medizinischen Tätigkeiten unterwegs sind und längst wertvolle Zeit für den Umgang mit den von ihnen Betreuten verlieren. Auch das macht deutlich, wie wichtig ein vernünftiges Baustellenmanagement bei der Stadt ist. Man muss aber nicht warten, bis das anläuft. Die Stadt muss bereits jetzt mit Betroffenen wie eben den Pflegediensten ins Gespräch kommen, um kurzfristige Lösungen anzuschieben. Oder auch, um die Ampelpläne wieder zu stoppen, wenn es tatsächlich helfen sollte, die Versorgung von Patienten zu verbessern.

