Hildesheim - Aufsetzen oder weglassen? In Schulen und Vereinen, in Gaststätten ebenso wie im privaten und beruflichen Umfeld wird gerade lebhaft diskutiert, ob angesichts der niedrigen Corona-Inzidenzwerte und der steigenden Zahl Geimpfter das Tragen der Mund-Nasen-Maske wirklich noch notwendig ist.
Thorsten Lüersen, Anästhesist und Krankenhaus-Hygieniker im Bernward-Krankenhaus, hat dazu eine klare Meinung: „Im geschlossenen Raum, in dem man sich über längere Zeit in größerer Personenzahl aufhält, auf jeden Fall weiterhin nur mit Maske.“ Die kritische Zeitbegrenzung liege bei etwa 30 Minuten: Sind die Menschen längere Zeit zusammen, sollte man auf jeden Fall bei der Maske bleiben.
Filtereinlage schützt
Dabei muss es nicht unbedingt die FFP2-Maske sein, auch ein medizinischer Mundschutz mit seinem dreilagigen Aufbau und der Filtereinlage im Innern biete bereits einen recht guten Schutz. „Er verhindert wirkungsvoll, dass ich Viruspartikel an andere weitergebe“, sagt Lüersen. Wer für sich selbst auf Nummer sicher gehen will, kommt indes an der FFP2-Maske nicht vorbei.
Wichtig aber auch: regelmäßiges Lüften, was in dieser Jahreszeit nicht schwer fallen dürfte. „Mit Bauchschmerzen“, so der Arzt, könne er dann in den Klassen die 20:5:20-Regel akzeptieren; will heißen: Innerhalb einer 45-minütigen Schulstunde sollte nach 20 Minuten fünf Minuten gelüftet werden, nach weiteren 20 Minuten erneut.
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Geimpfte sind kaum eine Gefahr
Ganz anders fällt seine Einschätzung für den Außenbereich aus: Wer auf gebührenden Abstand achte, könne sich im Freien inzwischen wohl auch ohne Schutzmaske aufhalten. Durch immer mehr Geimpfte verbessere sich die Lage kontinuierlich. Zwar könnten sich auch Geimpfte noch mit Corona infizieren, die Wahrscheinlichkeit aber, dass so jemand dann einen anderen anstecke, sei äußerst gering. „Das Virus kann sich ja nicht mehr vermehren.“ Und eine geringe Zahl von Viren sei kaum in der Lage, bei einem Betroffenen eine Erkrankung auszulösen. „Das ansteckendste Virus, das wir hier haben, ist das Noro-Virus. Da reichen schon 100 Partikel.“ Für eine Corona-Infektion müsse die Viruslast um ein Vielfaches höher sein.
Nach einer im Schweizer Medizinverlag Rosenfluh veröffentlichten Studie von Prof. Erin Bromage, Mikrobiologe und Immunologe an der Universität in Dartmouth (USA), sind mindestens 1000 Viruspartikel nötig, um sich mit Corona anzustecken. Dabei sei es egal, ob man die in einem Atemzug oder mehreren einatme. Was zeigt, dass eine Ansteckung von zwei Variablen abhängt: der Viruskonzentration des eingeatmeten Aerosols und der Zeit, der man ihm ausgesetzt ist.
Bis zu 320 Kilometer schnell
Ein Infizierter könne mit einmal Husten oder Niesen bis zu 200 Millionen Partikel ausstoßen, die beim Niesen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 320 Kilometern pro Stunde in die Luft geschleudert werden. Einige schwebten noch mehrere Minuten in der Luft, die meisten fielen bald zu Boden.
Bei normalem Atmen benötigte man, selbst bei der Annahme, dass das gesamte freigesetzte Virus vom Gegenüber inhaliert wird, bei 20 Viren pro Minute 50 Minuten, um auf die Infektionsdosis von 1000 Viruspartikeln zu kommen. Allerdings erhöhe bereits Sprechen die freigesetzte Virusmenge um das Zehnfache, so dass bei einer Konversation schon fünf Minuten genügen könnten, um eine Infektionsdosis zu erreichen.
Maske sollte bleiben
Thorsten Lüersen vermutet, dass die Maskenpflicht auf Parkplätzen vor Supermärkten bald fallen könnte, weil sich die Aerosolkonzentration im Freien sehr schnell verdünne. Er hofft aber dennoch, dass sich Politiker nun nicht gegenseitig mit Lockerungsmaßnahmen überbieten. „Die Masken tun uns doch nicht weh. Deshalb sollte man nicht ohne Not einen Schutz aus der Hand geben, der uns in der Pandemie bislang sehr geholfen hat.“ Sein Rat: Auch den Sommer über sollte, wo nötig, die Maskenpflicht bleiben.
