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Thomas Wedig
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Hildesheimer Rettungsdienst: Verunsicherung liegt auch an zusammenhanglosen Zahlen

Kreis Hildesheim - Die Verunsicherung rund um den Hildesheimer Rettungsdienst wächst. Ein Grund ist, dass die Planer und Kritiker jeweils eindrucksvolle Zahlen präsentieren, die ihre eigene Sicht untermauern. So ist entweder alles gut oder schlecht. Die Wahrheit liegt in der Mitte, meint Redakteur Thomas Wedig.

Ein Rettungswagen in Hildesheim. Foto: Werner Kaiser

Kreis Hildesheim - Die Unsicherheiten und Sorgen rund um die Zukunft des Rettungsdienstes im Kreis Hildesheim sind offenbar groß. Das zeigt die enorme Zahl von rund 40.000 Unterschriften, die innerhalb weniger Tage bei der Petition zusammengekommen sind – eine gewaltige Menge.

Die Verunsicherung liegt allerdings zu einem großen Teil daran, dass scheinbar unvereinbare Zahlen aufeinanderprallen. „Alles gut“ signalisieren die Zahlen der Kreisverwaltung, „alles schlecht“ die der Kritiker. Das Problem ist, dass die Zahlen beider Seiten zu wenig aussagekräftig sind, wenn sie absolut dastehen.

Von 30 auf 18 – hört sich erst mal sehr dramatisch an

So ist es problematisch, wenn in der Petition behauptet wird, die Zahl der Rettungswagen werde von 30 auf 18 reduziert. Völlig unerwähnt bleibt, dass ja die dort eingesetzten Notfallsanitäter und -sanitäterinnen von vielen Bagatellfällen entbunden und für wirkliche Notfälle freigeschaufelt werden sollen. Ob das funktionieren wird, steht auf einem anderen Blatt. Von 30 auf 18, das klingt erst mal sehr dramatisch. Aber zumindest so dramatisch, wie es in dieser Rechnung wirkt, wird es nicht.

Auf der anderen Seite weiß niemand, ob die Gegenrechnung des Landkreises aufgehen wird. Alle bisher veröffentlichten Daten über den Rettungsdienst im Kreis Hildesheim zeigen Defizite. Die gesetzlich vorgegebenen Hilfsfristen werden schlichtweg nicht erreicht. Und die Fristen sind in manch anderem Bundesland noch niedriger als in Niedersachsen. In Nordrhein-Westfalen soll der Rettungswagen in städtischen Gebieten innerhalb von acht, in ländlichen Gebieten innerhalb von zwölf Minuten am Einsatzort sein, in Niedersachsen in 15 Minuten. Die Kritik der AG, in einzelnen Gemeinden des Hildesheimer Landes dauere es im Durchschnitt noch deutlich länger, wurde bisher nicht entkräftet. Da ist dringend mehr Transparenz nötig.

Auf keinen Fall im Wahlkampf ausschlachten

Die ist freilich in Sichtweite der nächsten Kommunalwahl auch politisch gefährlich. Auf keinen Fall darf das sensible Thema im Wahlkampf ausgeschlachtet werden. Aber: Die Einwohnerinnen und Einwohner haben überall im Kreis Hildesheim einen Anspruch darauf, zu erfahren, wie die Notfallhilfe konkret in ihrem Wohnort organisiert und gesichert ist – und nicht nur rein statistisch auf Kreisebene, auf die sich alle veröffentlichten Zahlen beziehen.

Der Knackpunkt der neuen Systems, das die gut ausgebildeten Notfallsanitäter und -sanitäterinnen auf weniger Wagen konzentriert, ist dieser: Wenn mehrere Notfälle gleichzeitig passieren, hier ein Unfall mit mehreren Verletzten, dort ein Herzinfarkt, in einer anderen Ecke des Kreisgebietes ein Schlaganfall, kann es bei den Kapazitäten schnell mal eng werden. Denn ein Risiko kann die Kreisverwaltung nicht wegrechnen: Je weniger Rettungswagen mit Notallsanitätern insgesamt zur Verfügung stehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass einmal alle gleichzeitig im Einsatz sind. Der Pool verteilt sich eben nicht mehr auf 30, sondern nur noch auf 18 Wagen mit entsprechend qualifizierter Besatzung – wobei die Unterschiede in den Kompetenzen und Befugnissen eines Notfallsanitäters, der in Rettungswagen fährt, und eines Rettungssanitäters, der Transporte im Krankenwagen begleitet, riesig sind. Der eine darf medizinisch viel, der andere kaum etwas. Die Sorge der Rettungsdienst-AG, dass die konzentrierte Kompetenz künftig bei mehr Notfällen als bisher nicht zur Verfügung stehen könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Zumal die durchschnittlichen Wege der Rettungswagenfahrten durch Schließung mehrerer Notaufnahmen wie in Alfeld oder Holzminden länger geworden sind. Der Landkreis will das Einsatzgeschehen künftig zwar besser durch eine gezieltere Abfrage bei den Notrufen in der Einsatzleitstelle steuern. Doch auch das muss sich erst mal bewähren.

Bedeutung der Hilfsfrist nicht kleinreden

Auf jeden Fall sollten die Kreisverwaltung und ihre Berater nun nicht die Bedeutung der Hilfsfrist kleinreden, wie es kürzlich in einem Fachausschuss des Kreistages der Fall war. Wenige Minuten machen sehr oft einen großen Unterschied, wenn ein Herzinfarktpatient eines der Herzkatheterlabore der Hildesheimer Krankenhäuser für den nötigen Eingriff erreichen muss, ein Unfallopfer in einem kritischen Zustand schwebt oder nach einem Schlaganfall so schnell wie möglich die Behandlung eingeleitet werden muss. Je mehr solche Behandlungen auf qualifizierte Kliniken und Zentren konzentriert werden, desto wichtiger wird der Rettungsdienst, der die Menschen dorthin bringt, wo ihnen geholfen werden kann.

Die rot-grüne Mehrheitsfraktion will dem Bedarfsplan am Donnerstag im Kreistag zustimmen und antwortet den Kritikern aus den Reihen der AG, es seien ja immer Nachbesserungen möglich. Nur: Wenn die Zahl der hochqualifizierten Notfallsanitäter im Rahmen der geplanten Systemumstellung erst einmal reduziert ist, sind neue Kräfte bei Bedarf schwer zu finden. Schon jetzt ist der Fachkräftemangel in der Branche so groß, dass immer wieder Rettungswagen abgemeldet werden müssen, weil Personal fehlt. Die AG fürchtet: Wer erst mal entlassen und weg ist, kommt so schnell nicht wieder. Und da ist etwas dran.

Viele berechtigte Zweifel

Es wäre den Einwohnerinnen und Einwohnern im Landkreis Hildesheim zu wünschen, dass das neue System wie erhofft funktioniert. Doch daran gibt es viele berechtigte Zweifel. Und es ist gut, dass die Rettungsdienst-AG, die aus Praktikern besteht, sie schonungslos benennt. Auf der anderen Seite darf das Thema nun auch nicht mehr länger zerredet werden. Insofern hat die Mehrheitsfraktion Recht, wenn sie auf eine Entscheidung drängt. Wenn die am Donnerstag fällt, ist eines wichtig: Die weitere Entwicklung muss intensiv ausgewertet und beobachtet werden. Und transparent.

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