Vor dem Kreistagsbeschluss

Jetzt 40.000 Unterschriften für Petition zum Hildesheimer Rettungsdienst – und weiter Sorgen in Holle

Kreis Hildesheim - Am Donnerstag stellt der Hildesheimer Kreistag die Weichen für den kreisweiten Rettungsdienst der kommenden Jahre. Eine Petition gegen die Pläne knackte am Sonntag die Marke von 40.000 Unterschriften. Große Bedenken gibt es weiterhin in Holle – zum Beispiel bei einer 27-Jährigen nach einem Notfall vor zwei Jahren. (mit Kommentar)

Ein Rettungswagen ist in Hildesheim unterwegs. Foto: Werner Kaiser

Kreis Hildesheim - Das haben die Initiatoren von der AG Rettungsdienst Hildesheim selbst nicht erwartet: 40.000 Unterstützer und Unterstützerinnen haben bisher innerhalb von zehn Tagen ihre Petition gegen die Pläne des Landkreises Hildesheim für die künftige Ausstattung des Rettungsdienstes unterschrieben. Das ist ein deutliches Signal vor der entscheidenden Abstimmung im Kreistag am kommenden Donnerstag, 26. Juni. Die rot-grün geführte Kreistagsgruppe will den Rettungsdienstbedarfsplan dann mit ihrer Mehrheit verabschieden. Sie hat die Petition der AG scharf kritisiert, wirft den organisierten Notfallsanitätern falsche Angaben vor. Die weisen das empört zurück.

Tatsächlich treffen in der Diskussion völlig unterschiedliche Zahlen aufeinander: Die AG kritisiert in ihrer Petition, dass „die Vorhaltestunden von Rettungsmitteln, die mit einem Notfallsanitäter mit dreijähriger Ausbildung besetzt sind“, kreisweit pro Woche um 600 Stunden reduziert werden soll, die Zahl der Rettungswagen sinke von 30 auf 18 – obwohl die gesetzlichen Vorgaben, in welcher Frist ein Rettungswagen am Einsatzort sein soll, derzeit schon nicht erreicht werden. Diese Zahlen nennt der CDU-Fraktionsvorsitzende Friedhelm Prior auch in einem aktuellen Brief an die Niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens.

Landkreis: „Der neue Plan stellt sicher, dass die richtigen Fahrzeuge mit dem richtigen Personal zum Einsatz kommen“

Die Kreisverwaltung entgegnet in einem einer Frage-Antwort-Liste (FAQ) auf ihrer Homepage mit dem Hinweis, dass künftig sogar insgesamt 31 Fahrzeuge zur Verfügung stehen – nur eben nach einem neuen System, das dringende Rettungseinsätze und problemlose Krankentransporte auf verschiedene Wagentypen mit unterschiedlich qualifizierter Besatzung verteilt – bisher wird alles von Mehrzweckfahrzeugen erledigt. Die Kreisverwaltung weist darauf hin, dass die Einsätze der Rettungswagen bisher zu 44 Prozent eher leichten bis moderaten Notfällen gelten, weitere 44 Prozent ernsten, aber nicht lebensbedrohlichen Situationen – und nur etwa 12 Prozent der Einsätze erfolgten bei tatsächlich lebensgefährlichen Notfällen. Die eigentlichen Rettungswagen mit den gut ausgebildeten Notfallsanitätern und -sanitäterinnen sollen diesen echten Notfällen vorbehalten sein. „Der neue Plan stellt sicher, dass die richtigen Fahrzeuge mit dem richtigen Personal zum Einsatz kommen – je nach Lage“, heißt es in dem FAQ. Die Zahl der Vorhaltestunden im gesamten Versorgungssystem werde sogar um 200 Stunden pro Woche erhöht.

Wer hat den nun Recht? Beide – was sich unterscheidet, ist die Bewertung, ob das System wie erhofft funktionieren wird. Die AG bezweifelt das weiter vehement. Sie hat am Donnerstag alle Kreistagsfraktionen mit dem Hinweis auf vertrauliche Einsatzdaten angeschrieben, aus denen nach ihren Angaben hervorgeht, dass die Eintreffzeiten in einzelnen Gemeinden noch schlechter seien als bisher vermutet. Die Kreisverwaltung hat bisher keine lokalen Daten zu einzelnen Orten veröffentlicht.

Holler Bürgermeister Hoppe: „Absurde Rechnung“

Eine Gemeinde, in der die Sorge wächst, ist Holle. Wie berichtet soll ein Rettungswagen, der bisher am Feuerwehrhaus in Sottrum steht, wieder zurück zur Rettungswache in Bockenem, der er planmäßig zugeordnet ist. Die Kreisverwaltung meint, das sei für Patientinnen und Patienten in Holle unter dem Strich sogar besser – weil der Rettungswagen von Sottrum aus viel öfter im Rahmen der Nachbarschaftshilfe über die Kreisgrenze hinaus zu Einsätzen in den Raum Baddeckenstedt fahren müsse und dann in Holle gar nicht zur Verfügung steht. Da sei die Versorgung von Bockenem aus in Holle besser gesichert.

„Das ist eine absurde Rechnung, die vorn und hinten nicht aufgeht“, meint Gemeindebürgermeister Falk-Olaf Hoppe. Bei Schlaganfällen oder Herzinfarkten sei es schon oft entscheidend gewesen, wenn der Wagen von Sottrum aus in zwei Minuten da sei statt von Bockenem aus in 20 Minuten. Viel schneller sei zum Beispiel der Ortsteil Luttrum von Bockenem aus gar nicht zu erreichen, rechnet er vor, „das muss man nur mal im Navi eingeben.“ Von Bockenem in Teile der Gemeinde Holle dauere die Fahrt im besten Fall 15 Minuten – und Hoppe befürchtet in Zukunft viele schlechtere Fälle. Denn: Auf der Autobahn 7, dem direkten Weg, stehen bei Holle jahrelange Bauarbeiten an, voraussichtlich bis 2032. Erst wird eine Brücke erneuert, dann der letzte zweispurige Abschnitt der Region auf dreispurig erweitert.

Jahrelange Bauarbeiten auf der Autobahn 7 stehen bevor

„Der Abzug des Rettungswagens ist hier in Holle ein Riesenthema, die Leute sind sehr besorgt“, hat Hoppe festgestellt. „Wir wären von der Gemeinde sogar bereit, Geld in den Bau einer Wache zu investieren.“ Er ist froh, dass es in der Gemeinde Holle eine aktive Gruppe von „First Respondern“ bei der Feuerwehr gibt, also von Mitgliedern, die besonders in Reanimation geschult und in Notfällen in der Nähe greifbar sind. Doch ihnen dürfe man auch nicht zu viel aufbürden, sagt er – wie auch den hauptamtlichen Rettungsdienst-Kräften. Hoppe kennt deren Arbeit aus seiner Zeit bei der Polizei, er ist selbst Einsätze gefahren. „Da gibt es oft Situationen, die unheimlich belastend und schwer zu verarbeiten sind“, weiß er.

Was das Warten auf einen Rettungswagen aus dem Umland bedeuten kann, hat die Hollerin Caroline Kunze (27) vor zwei Jahren selbst erlebt, am Pfingstsonntag 2023. Die Geburt ihres ersten Kindes ging so plötzlich los, dass sie den Weg ins Krankenhaus nicht mehr mit ihrem Mann geschafft hätte. „Der Rettungswagen in Sottrum war nicht verfügbar“, erinnert sich, „der in Bockenem war unterwegs.“ Also kam ein Wagen aus Schellerten und war nach 20 Minuten da – endlose Minuten, besonders auch für ihren Mann. „Länger hätte es nicht dauern dürfen“, sagt die Frau. Es ging damals alles gut, die Familie bedankte sich auch noch bei allen Beteiligten.

Notfall ist gut ausgegangen – trotzdem manchmal mulmiges Gefühl

Doch seit dem Erlebnis habe sie manchmal ein mulmiges Gefühl, erzählt sie. Wenn sie zum Beispiel daran denke, dass ihre nicht mehr ganz so jungen Schwiegereltern in Holle mal dringend Hilfe brauchen könnten. In ihrem eigenen Notfall kam noch ein zweiter Rettungswagen hinterher, um das neugeborene Kind zur Untersuchung in die Klinik zu bringen. Dazu ein Notarzt und ein Kinderarzt. „Das waren insgesamt acht Einsatzkräfte“, berichtet sie, „die während der Zeit vielleicht woanders fehlten.“ Dass das künftig nach dem neuen Bedarfsplan noch öfter vorkommen könnte, ist auch Hoppes großes Sorge. Die Kreisverwaltung teilt sie nicht, betont in ihrem FAQ: „Rettungswagen sollen für echte Notfälle frei bleiben, damit sie schneller am Einsatzort sein können.“

(mit Kommentar)

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