„Ein herber Rückschlag“

Millionenschaden im Hildesheimer tfn: Bühne für Monate nicht bespielbar

Hildesheim - Voraussichtlich bleibt das Stadttheater für Monate geschlossen. Der Schaden, der am Donnerstag Mittag durch tausende von Litern Wasser auf der Bühne angerichtet worden ist, geht in die Millionen.

Das Wasser auf der Bühne ist zwar weg, aber die Schäden sind groß. Im Stadttheater wird jetzt untersucht, welche der vielen elektrischen und elektronischen Geräte die Fluten überlebt haben. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Der technische Fehler, der Donnerstag Mittag die Sprühflutanlage auf der Bühne des Theater für Niedersachsen ausgelöst hat, zieht einen Schaden wahrscheinlich in Millionenhöhe nach sich. Ein Großteil der 50 000 Liter Wasser, die für den Fall von Feuer in einem riesigen Becken bereit stehen, ist auf die Bühne geprasselt. „Wir haben keine Spielstätte mehr“, beschreibt tfn-Intendant Oliver Graf die Folgen. „Ein herber Rückschlag“, konstatiert er sichtlich bewegt. Das Stadttheater wird voraussichtlich für Monate geschlossen bleiben müssen.

„Man glaubt, es kann nicht schlimmer kommen. Und dann kommt es schlimmer“, denkt Oliver Graf an die zurückliegenden Monate, in denen er sich noch vor seiner ersten Spielzeit als Nachfolger von Jörg Gade damit zu befassen hatte, wie man trotz Corona wieder Theater machen kann. Verwaltungsdirektorin Claudia Hampe erinnert zudem an die aufwändige Sanierung des Zuschauerraums, die das Haus 2019 zu bewältigen hatte. Und nun ein gewaltiger Wasserschaden: „Sehr bitter!“, so Graf.

Wasser stand zentimeterhoch

Als der Feueralarm Donnerstag Mittag ausgelöst wurde, glaubten alle an einen Fehlalarm, sammelten sich aber wie vorgeschrieben auf dem Vorplatz. Als dann die Nachricht kam, dass sich die Sprühflutanlage in Gang gesetzt hatte, war Oliver Graf sofort klar: „Das wird ein großer Schaden.“ Er beschreibt die Kraft des Wassers „wie das fetteste Gewitter, das man sich vorstellen kann“. Das Wasser habe Vorhänge runtergerissen, sei die Wände runtergelaufen bis in den Orchestergraben: „Es stand mehrere Zentimeter hoch.“

„Durch das beherzte Eingreifen des anwesenden tfn-Personals und das schnelle Erscheinen der Berufsfeuerwehr, welche durch die Störung in der Anlage automatisch informiert wurde, konnte noch größerer Schaden abgewendet werden“, zeigt sich Frank Satow, Pressesprecher der gbg, erleichtert. Oliver Graf ist außerdem glücklich, „dass keine Personen zu Schaden gekommen sind“.

Der Tag danach

Sehen kann man am Tag danach zumindest auf der Bühne nichts mehr von den Fluten. Der Blick in die Höhe allerdings zeigt, dass die Soffiten (vom Schnürboden herabhängende Stoffe) klitschnass sind. Als nächstes werden Bautrockner aufgestellt: „Die Frage ist, kann all die Technik das überhaupt ab?“



Zwei Fachfirmen haben Donnerstag sofort mit der Ursachenforschung begonnen. Laut Hampe haben sie feststellen können, dass es sich um einen technischen Fehler handelt. „Aber man kann in der Regel nicht feststellen, wodurch er ausgelöst worden ist.“

gbg verspricht Unterstützung

Auch Mitarbeiter der gbg waren Donnerstag und Freitag erneut vor Ort. „Als Eigentümer des Gebäudes und in Anbetracht der jüngst erfolgten Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen bedauern wir die Havarie natürlich sehr“, heißt es in einer Stellungnahme. „Wir werden dem tfn alle uns mögliche Unterstützung zukommen lassen, damit der Spielbetrieb schnellstmöglich wiederaufgenommen werden kann“, lautet die positive Nachricht von gbg-Chef Jens Mahnken.

Hampe sieht den Folgekosten besorgt entgegen. „Natürlich sind wir versichert. Aber wir bekommen ja nur den Zeitwert ersetzt.“ Tatsächlich stürze dieser Wasserschaden mit seinen Folgen das tfn in eine finanzielle Krise. Wann mit einer Wiedereröffnung des Hauses zu rechnen sei, können Graf und Hampe nicht abschätzen: „Wir wissen nichts.“

Kein Bühnenvorhang mehr

Denn selbst wenn man die Elektronik wieder in Betrieb nehmen könne, schränkt Hampe ein, müsse das Fundament abtrocknen, müsse man die Bühne wieder instandsetzen – „wir haben nicht mal mehr einen Vorhang. Und dann müsse alles überprüft werden. „Das dauert!“

Die Verwaltungsdirektorin spricht von „worst case“. Die Bühne sei voller Elektrik und Elektronik, verweist sie auf 200 Scheinwerfer, die Computersteuerung für die Hubpodien, die Inspizientenloge. Im Halbstundentakt kämen jetzt die Nachrichten, „was überlebt hat und was nicht“. Klar sei schon jetzt, dass die Videoanlage nicht mehr zu retten ist. Ob der hölzerne Bühnenboden und die hölzernen Türme der „Räuber“-Bühnenbilder von Belén Montoliù dem Wasser standgehalten haben, ist auch ungewiss.

„Das Haus steht zusammen“

Dabei sei durch das mutige Eingreifen der Mitarbeiter von Technik, Beleuchtung und Ton schon vieles gerettet worden: „Die haben viele Stunden lang Wasser abgepumpt, gewischt, Geräte abgebaut und weggetragen“, ist Oliver Graf sehr dankbar. Und er zeigt sich kämpferisch: „Wir haben Corona gemeistert. Auch das werden wir meistern, das Haus steht zusammen.“ Und natürlich denkt der tfn-Intendant auch an sein Publikum, das so froh gewesen sei, endlich wieder live Theater zu erleben. Und er verspricht: „Wir arbeiten an Lösungen, schnell wieder da zu sein.“

Problem Sprühflutanlagen

Das Auslösen von Sprühflutanlagen durch einen technischen Fehler sei „leider keine Seltenheit“, erklärt Claudia Hampe und erinnert an Wasserschäden an der Deutschen Oper in Berlin und an Theatern in Duisburg, Frankfurt und Dresden. Es lasse sich zwar bei der Untersuchung feststellen, dass es sich um einen technischen Fehler handele, aber nicht um welchen. „Deswegen kann man ihn nicht beheben.“ Die Folge: „Irgendwann erwischt es einen: Das Haus wird geflutet.“ Innerhalb von zwei Minuten werden 50 000 Liter Wasser auf die Bühne gepumpt. An anderen Häusern habe die Trockenlegung und Instandsetzung zwischen fünf und 17 Monaten gedauert. Inzwischen gebe es auch modernere Varianten, weiß Hampe: So sei am Stadttheater in Celle eine Anlage eingebaut worden, die bei Feuer über großen Druck Nebeldampf ausstoße: „Das löscht auch, aber die Folgeschäden sind weitaus geringer.“

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