Braunschweig - Handball-Drittligist HC Eintracht Hildesheim hat am Freitagabend eine klare Reaktion gezeigt – und das ausgerechnet beim Spitzenreiter MTV Braunschweig. Das Team von Trainer Daniel Deutsch gewann das Derby souverän mit 29:25.
Richtig zusammenbringen lässt sich diese Leistung mit der unerwarteten 20:24-Niederlage der Hildesheimer von vor fünf Tagen im Heimspiel gegen Underdog Oranienburg nicht. Es kann nicht nur an Jakub Tonars Rückkehr liegen. Der Rückraumspieler hatte in den vergangenen Partien verletzt gefehlt und wurde schmerzlich vermisst. Am Freitag traf er gleich siebenmal.
Zu Herzen genommen
Offenbar hatten sich die Einträchtler aber auch die teils harsche Kritik aus Teilen der Fan-Szene zu Herzen genommen. Sie zeigten nach dem Oranienburg-Debakel ein anderes Gesicht.
„Wir haben hier zu 100 Prozent Charakter und ein ganz anderes Gesicht gezeigt. Das alles in einer schwierigen Situation nach der Niederlage am letzten Wochenende. Das freut mich sehr“, sagte HC-Coach Deutsch.
5000 Zuschauer in der Halle
Noch vor knapp zwei Monaten war erwartet worden, dass dieses Derby ein echtes Spitzenspiel um den Titel der Nordost-Staffel werden würde. Auch deshalb zog der MTV einmal mehr aus der Sporthalle Alte Waage in die große Braunschweiger Volkswagen-Halle um. Doch dann leistete sich der sonst so siegesgewohnte HC Eintracht im Februar und März fünf Niederlagen in sieben Partien und verspielte damit die Chance auf die Meisterschaft und wohl auch auf das Ticket für die Zweitliga-Aufstiegsrunde. Trotzdem zog das Derby die Menschen in den Bann. Rund 5000 Zuschauer strömten in die Volkswagen-Halle, darunter mindestens 250 aus Hildesheim.
Jakub Tonar warf den ersten Treffer für die Eintracht zum 1:1-Ausgleich. Philipp Wäger erzielte kurz darauf das 2:1. Und überhaupt: Die Gäste kamen gut in die Partie – auch, da die Braunschweiger im Angriff nicht konsequent und überhastet agierten. Obendrein entschärfte Hildesheims Torwart Leon Krka einige Bälle. Das Deutsch-Team lag nach sieben Minuten mit 5:2 vorn. Tonar erhöhte auf 6:2 (9.).
Eintracht bleibt vorn
Volker Mudrow, MTV-Chefcoach mit Hildesheimer Vergangenheit, nahm die erste Auszeit, stellte auf die defensivere 6:0-Deckung um und brachte in der Offensive den siebten Feldspieler. Niklas Mellmann im Tor der Braunschweiger, der in der nächsten Saison zu den Sportfreunden Söhre in den Kreis Hildesheim wechselt, hielt einige Bälle – unter anderem parierte er einen Siebenmeter von Piet Möller. Braunschweig kam auf 5:7 und 6:8 (15.) heran.
Doch die Einträchtler behaupteten die Führung weiter. Ihre gewohnt offensive und bewegliche Deckung zog dem Gegner ein ums andere Mal den Zahn. Geschickt unterbanden die Gäste den Spielfluss des Tabellenführers.
Spielfluss geht verloren
In der Schlussphase der ersten Hälfte geriet erwähnter Spielfluss aber auf beiden Seiten ins Stocken – Ballverluste, technische Fehler und Fehlwürfe inklusive. Hildesheim nahm eine 13:11-Führung mit in die Kabine.
Nach einer Glanzparade von MTV-Keeper Eike Engelbrecht, der nun für Mellmann auf die Platte gekommen war, und zwei schnellen Toren der Braunschweiger Jan-Bennet Kanning und Lukas Friedhoff waren die Gastgeber kurz nach dem Wechsel beim 14:15 auf Tuchfühlung (36.). Nach 46 Minuten hieß es 20:19 für Eintracht.
Hellwache Hildesheimer
Aber auch eine Zeitstrafe gegen Abwehrchef Petar Juric konnten die Braunschweiger nicht nutzen, um in Überzahl auszugleichen. Im Gegenteil: Nach Melf Hagens krassem Fehlpass schnappte sich Eintrachts Rechtsaußen Lukas Quedenbaum den Ball und verwandelte den Gegenstoß zum 22:19. Bela Pieles verkürzte auf der anderen Seite aber wieder auf 21:22 (50.).
Doch wenn es darauf ankam, waren die Hildesheimer hellwach. Mit seinem sechsten Treffer erzielte Jakub Tonar das 24:21, Quedenbaum erhöhte auf 25:21, und da Keeper Krka einen starken Abend erwischte, brannte auch nicht mehr viel an für das Team von Daniel Deutsch. Es siegte mit 29:25. Bereits das Hinspiel hatten die Einträchtler dominiert – Anfang November gewannen sie in eigener Halle ebenfalls souverän mit 36:29. Für Hildesheim ist der neuerliche Derby-Erfolg Balsam auf die Wunden nach der jüngsten sportlichen Talfahrt. Mehr aber wohl nicht.
„Ein bisschen Genugtuung“
Trainer Deutsch: „Dass wir jetzt in dieser Saison zum zweiten Mal Braunschweig schlagen, das ist schon ein bisschen Genugtuung für uns“, auch, wenn es für seine Mannschaft in Sachen Aufstiegsrunden-Quali keine echte Rolle mehr spiele.
Ein fast schon tragischer Sieg
Nach etlichen Niederlagen und mäßigen Leistungen haben die Drittliga-Handballer von Eintracht Hildesheim klar mit 29:25 beim Spitzenreiter MTV Braunschweig gewonnen. Geht doch! Nach harscher öffentlicher Kritik fühlten sich die Spieler offenbar bei der Ehre gepackt. Leider zu spät.
Schön, aber leider zu pät
So schön der Erfolg vor 5000 Zuschauern in der Volkswagen-Arena auch ist – er wird aller Voraussicht nichts mehr daran ändern, dass die Einträchtler die Aufstiegsrunde zur 2. Liga verpassen werden. Zu groß ist der Abstand auf die ersten zwei Plätze.
Der Sieg in Braunschweig hat schon fast etwas Tragisches. Denn er zeigt, dass der HC Eintracht einen guten, wenn nicht den besten Kader in der Nord-Ost-Staffel hat. An der Qualität und am handballerischen Können kann es also nicht liegen, dass das Team Niederlagen gegen Teams wie Eider Harde, Flensborg und Abstiegskandidat Oranienburg einsteckte. Auch zwischenzeitliches Verletzungspech kann nicht der Hauptgrund für die teils peinlichen Pleiten gewesen sein.
Eine Frage der Einstellung
Es war vielmehr eine Frage der Einstellung und damit einhergehender selbst verursachter Verunsicherung, die zu den Rückschlägen führten – auch angesichts des bevorstehenden personellen Umbruchs und schwieriger Vertragsverhandlungen. Es brauchte erst die Kritik von außen sowie die besondere Herausforderung und Atmosphäre in Braunschweig, damit die Mannschaft von Trainer Daniel Deutsch sich aufraffte und auf ihre vorhandenen Stärken besann.
Doch am Ende wird es wohl nur eine schöne Momentaufnahme einer unnötig verkorksten Saison bleiben.

