Mit Loch im Strumpf

Hildesheims Jannis Pläschke macht es wie Neymar: Darum schneiden sich Fußballer Löcher in die Stutzen

Hildesheim - Ob in der Bundesliga oder in der Regional- und Landesliga: Viele Spieler zerschneiden seit geraumer Zeit ihre Stutzen. Hildesheims Sportmediziner Dr. Jens Becker kann die Fußballer zwar verstehen, erklärt aber, warum das Blödsinn ist.

Hildesheim - Es sieht beinahe verwegen aus, wenn ein Jude Bellingham mit halb zerfetzten Stutzen über das Spielfeld rennt. Aber mit Kühnheit haben diese Löcher in den Socken wenig zu tun, denn sie stammen nicht von etwaigen Blutgrätschen oder anderen hart geführten Zweikämpfen – im Gegenteil: Bellingham, Mittelfeldmann des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, zerreißt und zerschneidet den Zwirn gelegentlich vor den Spielen selbst.

Jeder, der die Bundesliga verfolgt, sieht diese Bilder. Einige Profis laufen mit kaputten Stutzen auf, mit Löchern oder Schnitten im Wadenbereich. Offenbar haben es die Stars gern luftig am Unterschenkel – unter anderem auch Stürmer Neymar von Paris St. Germain oder Leroy Sané von den Münchner Bayern.

So machen es die Hildesheimer

Warum das Ganze? Eine Modeerscheinung? Schließlich werden ja auch fabrikneue Jeans vom Hersteller zerschnitten, bevor sie in den Handel und für teuer Geld über die Ladentheke gehen.

Die Bundesliga ist wie so oft Vorreiter, und untere Spielklassen machen es nach. Auch beim hiesigen Regionalligisten VfV Borussia 06 Hildesheim laufen Fußballer mit kaputten Stutzen auf. Einer davon: Außenverteidiger Jannis Pläschke. Seine Teamkollegen Fred Mensah und Finn-Louis Kiszka mögen es ebenfalls löchrig.

„Die Dinger sind halt saueng, besonders, wenn sie schon mehrmals gewaschen wurden“, sagt Jannis Pläschke. „Und ich habe nicht gerade Stelzenwaden, das drückt dann auf die Muskulatur und ist unangenehm. Vielleicht liegt es auch daran, dass man vor den Spielen meistens ohnehin ziemlich angespannt ist.“

Man ist da schon abergläubisch. Typisch Fußballer eben

Jannis Pläschke, Außenverteidiger des VfV 06 Hildesheim

Pläschke weiß gar nicht mehr so genau, ob er sich das mit dem Aufschneiden der Stutzen selbst ausgedacht oder aus der Bundesliga abgeschaut hat. „Ich schnitt sie vor irgendeiner Partie auf, das fühlte sich gut an, und wahrscheinlich gewannen wir das Spiel dann auch.“ Haben Kicker Erfolg mit solchen Ritualen, werden sie gern beibehalten. „Man ist da schon abergläubisch. Typisch Fußballer eben“, so Pläschke und lacht.

Wenn alle im Team vor jeder Partie die Stutzen zerschneiden würden, wäre das am Ende ganz schön teuer für den Verein. Sie müssten ständig neu gekauft werden. „Nein, nein. Ich bestelle die Teile privat. Ich mache sie kaputt, also bezahle ich das auch selbst“, sagt Außenverteidiger Jannis Pläschke.

Offenbar fühlen sich Fußballer von den Stutzen untenrum eingeschnürt. Deswegen spielen immer mehr mit Löchern im Stoff. Sie glauben, dass sich so die Muskulatur unter der Belastung beim Leistungssport besser ausdehnen kann.

Das schnürt die Venen ab, es kann ein so genanntes Fenster-Ödem entstehen

Dr. Jens Becker, Orthopäde, Unfallchirurg und Sportmediziner der Otos-Klinik Hildesheim

„Ich kann die Fußballer schon verstehen. Wenn einer Gerd-Müller-Waden hat, spannt das. Trotzdem: Löcher in die Stutzen zu machen, ist ziemlicher Blödsinn“, sagt Dr. Jens Becker, Orthopäde, Unfallchirurg und Sportmediziner der Otos-Klinik Hildesheim sowie Mannschaftsarzt der Handballer des HC Eintracht Hildesheim. Wenn sie zu eng seien, und ein Spieler sie aufschneide, werde im Bereich des Strumpf-Loches ein Teil der Wadenmuskulatur hinausgepresst. Becker weiter: „Das schnürt die Venen ab, es kann ein so genanntes Fenster-Ödem entstehen.“ Das Blut zirkuliert nicht mehr so, wie es soll, und es sammelt sich Wasser an. „Diese Löcher sind im Grunde genommen kontraproduktiv.“

Besser seien laut des Orthopäden angepasste Kompressionsstrümpfe, die einen optimalen Druck auf die Wade ausüben: „Die richtige Kompression führt zu messbaren Erfolgen. Bei Läufern ist das gut untersucht worden, das bringt bis zu sechs Prozent Leistungssteigerung.“ Becker weiß, wovon er spricht – er ist selbst ein passionierter Läufer.

Messis Waden

Die Laufsport-Industrie ist da weiter als die der Fußballer. Angepasste Kompressionsstutzen gibt es für Kicker noch nicht. Ein Fußballer, der Stutzen kaufen will, muss in der Regel seine Schuhgröße angeben und bekommt dementsprechend enge oder weite Strümpfe: XS-Stutzen bei Schuhgröße 34 bis 36, S-Stutzen bei Größe 37 bis 39, M bei 40 bis 42, L bei 43 bis 45 und XL bei 46 bis 48. Die Crux dabei: Der Hersteller nimmt an, dass kleinere Spieler immer dünne Waden haben. „Ich bestelle M-Stutzen, die passen zwar von der Länge her, sind aber zu eng für meine kräftigeren Unterschenkel“, sagt Jannis Pläschke vom VfV 06. „Wenn ich L kaufe, sitzen die zwar gut an den Waden, doch dann kann ich die Teile bis in den Schritt hochziehen.“ Auch suboptimal.

Bestes Beispiel ist der Argentinier Messi. Der Mann misst 1,70 Meter, hat die Schuhgröße 41, aber Waden wie andere Oberschenkel. Wenn der siebenfache Weltfußballer Stutzen von der Stange anziehen würde, passen die an den Unterschenkeln schlichtweg nicht. Doch einer wie Messi bekommt wahrscheinlich einen perfekt maßgeschneiderten Zwirn. Beim VfV 06 in der Regionalliga sieht das noch anders aus.

Hier stehen die Hildesheimer übrigens derzeit auf einem Abstiegsplatz. „Das hat aber weder mit zu engen, noch mit zu weiten Stutzen zu tun“, versichert Jannis Pläschke.

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