Hildesheim - Ich war 24, als meine Schwestern und ich uns etwas Blut abnehmen ließen, um uns typisieren zu lassen. Meine Patentante Anni war krank, sie hatte eine Form der Leukämie, und wir hatten die Hoffnung, dass vielleicht einer von uns ihr mit einer Stammzellenspende helfen könnte. Auch Cousins und Cousinen von mir ließen sich testen. Leider gab es keinen Treffer, weder in unserer Familie, noch bei einer anderen Person, die bis dahin registriert war. Meine Tante starb wenige Monate später.
Weiterhin registriert
Dass ich weiterhin mit meinen Blutmerkmalen in der Datei des Norddeutschen Knochenmark- und Stammzellspender-Registers (NKR) gespeichert war, hatte ich völlig vergessen, als sich im Herbst 2008 eine Mitarbeiterin bei mir meldete: Ich komme eventuell als Stammzellspender für einen Patienten infrage, erklärte sie mir – ob ich denn weiterhin dazu bereit sei. War ich. Bis Ende März 2009 war ich dann für diesen Patienten „reserviert“, über den ich zunächst nichts erfuhr. Es reichte mir zu wissen, dass es einen schwer kranken Mensch irgendwo auf der Welt gab, der selbst alle Hoffnung darauf setzte, dass ein „genetischer Zwilling“ gefunden werden würde. Als Vorbereitung auf die Spende musste ich mir Blut abnehmen lassen, das anschließend genau untersucht wurde. Zudem musste ich mir ein Mittel spritzen lassen, das das Wachstum der Blutstammzellen förderte.
Spende ohne OP
Ich hätte es mir auch selbst verabreichen können, das funktionierte ungefähr so wie Insulininjektionen – da ich aber eine absolute Memme bin, was Nadeln angeht und ich beim Zahnarzt wegen einer Spritze schon mal fast in Ohnmacht gekippt bin, ließ ich das lieber meine Frau machen. Im Liegen. Und ich schaute weg. Bei der Stammzellspende im Mai musste ich ohnehin liegen. Für mehrere Stunden. Vereinfacht gesagt, floss dabei auf der einen Seite Blut aus dem Arm raus, durch ein Gerät, in der eine Zentrifuge die verschiedenen Blutbestandteile voneinander trennte, ehe der Teil mit den Stammzellen schließlich in einem Beutel landete und der Rest in den anderen Arm zurückfloss. Nach der fünfeinhalbstündigen Prozedur fühlte ich mich etwas schlapp, aber insgesamt erstaunlich gut.
Dass der Beutel mit knapp 300 Millilitern Flüssigkeit sofort nach Australien geschickt werden sollte und dort eine Frau Empfängerin sein würde, erfuhr ich nur, weil ich zufällig der 500. Spender des NRK war und das Register deswegen eine kleine Feierstunde vorbereitet hatte und einige Medien berichteten. Die Anonymität der Stammzellen-Empfänger solle auch den Druck von den Spendern nehmen, erklärte damals Professor Arnold Ganser von der Medizinischen Hochschule Hannover – denn eine Transplantation der Stammzellen bedeutet nicht, dass der Patient zu 100 Prozent überlebt. Diese Offenheit der Mediziner mag im ersten Moment hart sein, ist aber wichtig.
Später erfuhr ich, dass die Patientin in Australien es nicht geschafft hat und trotz meiner Spende gestorben ist.
Würde ich es wieder tun? Unbedingt und sofort!
War ich traurig? Ja. Würde ich wieder zusagen, wenn das NKR morgen erneut anruft und fragt, ob ich für einen kranken Menschen Stammzellen spenden würde? Unbedingt und sofort! Egal, wie gering die Chance ist, damit ein Leben zu retten – sie ist zu groß, um sie nicht zu nutzen.
