Söhre - Pascal Kinzel ist wieder zu Hause. Nach seinem Verkehrsunfall, schweren Verletzungen, etlichen Operationen und langer Reha sitzt der Handball-Torwart der Sportfreunde Söhre auf dem Sofa in der Itzumer Wohnung. Hinter ihm an der Wand hängt eine Girlande: „Welcome home“. Aufgehängt hat sie seine Frau Claire.
Mathea krabbelt ihm lächelnd entgegen
„Das war das Allerschönste“, sagt Kinzel lächelnd. „Als ich zur Wohnungstür hereinkam, meine Frau mich umarmte und Mathea mir lächelnd entgegen krabbelte. Dass Kinzel den Vatertag zu Hause mit seiner zehn Monate alten Tochter verbringen konnte, betrachtet er als „großes Geschenk“. Er weiß, dass er sehr viel Glück hatte: „Als ich zum ersten Mal das Foto von dem völlig zerstörten Auto sah, da war mir klar, dass ich wohl eine ganze Armee von Schutzengel hatte.“
Etwas schwerfällig erhebt sich Kinzel vom Sofa. „Ich muss etwas holen“, sagt er und entschuldigt sich: „Sorry, es dauert ein bisschen länger, ich bin noch nicht so schnell.“ Dass er drei Monate nach dem Unfall wieder ohne Hilfen gehen könne – auch das sei ein kleines Wunder, bemerkt er. Kinzel kommt mit einem Laptop unter dem Arm zurück ins Wohnzimmer.
Botschaften aus der ganzen Handballwelt
Er klappt das Gerät auf, fährt es hoch und drückt auf den Startbutton, um ein Video zu zeigen. „Das haben die Jungs aufgenommen“, erklärt er. „Die Jungs“ – das sind seine Kollegen von den Sportfreunden Söhre. Man sieht Szenen vom Drittliga-Derby gegen Eintracht Hildesheim. Immer wieder steht Torwart Pascal Kinzel im Mittelpunkt. Mit spektakulären Paraden lässt er die Hildesheimer Spieler verzweifeln. Am Ende feiert der große Außenseiter das 30:30-Unentschieden wie einen Sieg. Und die 1200 Söhrer Fans in der nahezu ausverkauften Volksbank-Arena feiern ihren Helden: Pascal Kinzel!
Plötzlich erscheint ein schockierendes Foto auf dem Laptop-Bildschirm. Man sieht einen Blechklumpen, einen Haufen Schrott und viel Blaulicht. „Kaum zu glauben, dass ich da lebend rausgekommen bin“, sagt Kinzel nachdenklich. Aber seinen typischen trockenen Humor hat er längst wiedergefunden: „Ich habe überlebt, der Baum nicht.“ Das Video sei noch lange nicht zu Ende. „Der bessere Teil kommt noch.“ Aber nun drückt er auf die Pausen-Taste und hält inne. Zwischen dem stimmungsvollen Derby und dem schweren Unfall lagen ganze drei Tage: „Da merkt man plötzlich, dass sich im Leben von einem Moment auf den anderen alles verändern kann.“
Es ist ein Wunder, dass ich da lebend herausgekommen bin
Am 13. Februar dieses Jahres steigt Kinzel nach dem Training in der Diekholzener Sporthalle in seinen VW Golf, um nach Hause zu fahren, wo Claire und Mathea auf ihn warten. „Ich bin die Strecke hunderte Male gefahren“, erzählt er. „Es ist Routine – als würde man den Autopiloten einschalten.“
Vielleicht wird ihm gerade das zum Verhängnis. Noch heute könne er sich nicht richtig erklären, wie das passieren konnte: Es ist dunkel an jenem Februar-Abend, aber die Straße ist weder nass noch glatt. Trotzdem kommt der Golf auf der Kreisstraße 302 in einer Kurve zwischen Diekholzen und Söhre von der Fahrbahn ab, gerät ins Schlingern und kracht gegen einen Baum. „Vielleicht war ich einen kurzen Augenblick etwas unkonzentriert“, meint Kinzel. „Es ging alles so schnell.“
Eingeklemmt liegt er in seinem völligen zerstörten Golf. Ein Autofahrer, der an der Unfallstelle vorbeikommt, hält an und alarmiert den Rettungsdienst. Das Gute: Pascal Kinzel ist bei Bewusstsein. Als die Sanitäter eintreffen, verlangt er als erstes ein Handy: „Ich muss meine Frau anrufen.“ Er beruhigt Claire: „Es ist etwas passiert, ich hatte einen Autounfall. Aber mach‘ dir keine Sorgen.“
Natürlich macht sie sich Sorgen, sehr große Sorgen sogar. „Ich habe mich sofort in mein Auto gesetzt, um zur Unfallstelle zu fahren“, erzählt sie. Aber die Straße ist gesperrt – in naher Entfernung leuchtet der Himmel im Blaulicht der Rettungswagen und Feuerwehrautos. „Da wusste ich, dass Pascal stark untertrieben hatte, dass etwas Schlimmes passiert war“, erzählt Claire Kinzel.
Überall Blaulicht – da wusste ich, dass etwas Schlimmes passiert war
Die Feuerwehrleute schneiden ihn aus dem Fahrzeugwrack heraus. Ein Rettungswagen bringt ihn ins Helios Klinikum. „Komisch war, dass ich gar keine Schmerzen gespürt habe“, erinnert er sich. „Wohl wegen des Adrenalins und der Schmerzmittel, die mir die Sanitäter in den Körper gepumpt haben. Ich habe nicht mehr viel wahrgenommen, fühlte mich betäubt, wie im Delirium.“ Kinzel: „Ich weiß noch, dass ich etwas sehr Komisches geträumt habe: Ich war ein Molekül, das schrumpfte und immer kleiner wurde.“
Am nächsten Morgen ist seine Frau da, seine Eltern Beate und Jürgen sitzen am Bett, sein älterer Bruder Adrian ist aus Dortmund gekommen. Auch Schwester Kira ist da. Alle sind besorgt, aber auch sehr froh, dass Pascal überlebt hat und bei klarem Bewusstsein ist. Was die Ärzte ihm erzählen, ist trotzdem sehr ernüchternd: Beide Wadenbeine, ein Schienbein, eine Rippe, der linke Ellenbogen und die rechte Mittelhand sind gebrochen.
Gute und schlechte Nachrichten
Am meisten Sorge bereitet den Medizinern ein schwerer Beckenbruch. Kinzel hört zum ersten Mal den Fachbegriff „Open Book“. Das ist eine Form der Beckenringfraktur, bei der die so genannten „Symphysenhälften“ auseinanderklaffen, der Beckenring erscheint aufgeschlagen wie ein offenes Buch. Kinzel wird in die MHH nach Hannover verlegt. Mehrere Operationen stehen ihm bevor – und er weiß, dass ein langer und schwerer Weg vor ihm liegt. Aber er sieht auch das Positive: Er hat keine Kopfverletzungen, keine Lähmungen und keine inneren Organschäden.
Als ich zum ersten Mal das Foto mit dem Autowrack sah, da wurde mir richtig bewusst, welches Glück ich hatte
Und dann wird ihm dieses Video zugeschickt. „Da habe ich zum ersten Mal das Autowrack gesehen“, sagt Kinzel. „Erst da wurde mir richtig bewusst, welches Glück ich hatte.“ Er beugt sich nach vorn und drückt wieder auf „Start“, lässt den Videofilm weiterlaufen. Zu sehen ist die Mannschaft der Sportfreunde Söhre. Spieler Maximilian Kolditz spricht für alle: „Wir sind immer bei dir, Paki. Du bist unser Kämpfer. Du schaffst das!“
In den folgenden 15 Minuten der Aufnahme übermitteln Freunde und Handballer aus aller Welt dem Söhrer Keeper persönliche Botschaften. Stefan Kretzschmar wünscht „viel Kraft“. „Bleib positiv“, sagt Nationalspieler Juri Knorr. Jogi Bitter, Kai Häfner, Timo Kastening, der französische Weltmeister Dika Mem und sehr viele weitere Menschen aus der Handballszene wünschen Pascal Kinzel „Mut und Zuversicht“. Im Krankenhaus und während der Reha in der Klinik Hamburg-Boberg hat er sich dieses Video wieder und wieder angesehen: „Es tat einfach gut, so viel Zuspruch zu bekommen. Daraus habe ich viel Kraft geschöpft.“
Alle tragen das Trikot mit der Nummer 26
„Natürlich war die Nachricht von Pakis Unfall für uns alle ein großer Schock“, erklären der Söhrer Klubchef Matthias Ihmann und Trainer Sven Lakenmacher. Der Schock saß so tief, dass das Heimspiel gegen Spenge abgesagt wurde. Der Gegner zeigte großes Verständnis.
Aber am 24. Februar steht die Mannschaft wieder auf der Platte. Spieler, Trainer und Betreuer tragen alle ein Trikot mit der Nummer 26 – für Pascal Kinzel. Der Torhüter sieht die Bilder vom Krankenbett aus bei „Sportdeutschland TV“: „Es lief mir eiskalt den Rücken herunter.“
Es war nicht das einzige Gänsehaut-Erlebnis: Während des Volleyball-Spiels der Helios Grizzlys Giesen gegen Dachau nimmt Hallensprecher Mike Münkel ein Video auf. Die Fans in der Volksbank-Arena rufen mehrmals Kinzels Namen.
Auch die Eintracht-Handballer, die VfV 06-Fußballer und viele weitere Teams und Sportler schicken Genesungswünsche. „In solchen Momenten merkt man, dass die Hildesheimer Sportszene zusammenhält, wenn es drauf ankommt“, sagt Kinzel. „Das hat mich tief bewegt und aufgebaut.“ Auch seine Arbeitskollegen waren in Gedanken bei ihm. Kinzel arbeitet in Hannover als Immobilienkaufmann. „Meine Chefin hat mich sogar in Hamburg besucht und gesagt: ,Mach‘ dir keinen Kopf und nimm dir alle Zeit, die du brauchst‘.“ Kinzel betont: „Der Zuspruch von allen Seiten hat mir sehr geholfen.“
Der Zuspruch von allen Seiten hat mir sehr geholfen
Doch die ersten Wochen im Hamburger Klinikum sind hart: Kinzel quält sich mühsam aus dem Bett in den Elektro-Rollstuhl. Mit einem Joystick navigiert er den fahrbaren Untersatz zur Physiotherapie. Doch er macht schnell Fortschritte. Auf einen Gehwagen gestützt steht er zweieinhalb Monate nach dem Unfall zum ersten Mal wieder auf eigenen Beinen. Es ist der 26. April, Kinzels 31. Geburtstag. Er lächelt: „Ich fühlte mich wie neu geboren. Ein paar Tage später konnte ich mich schon an Krücken fortbewegen.“
Die Spiele sieht er im Internet
Die Spiele seiner Sportfreunde sieht er im Internet. Er leidet mit ihnen, als die Partien gegen VfL Gummersbach II und Melsungen II verloren gehen – und die Freude ist groß, als der vorzeitige Klassenerhalt nach den Erfolgen gegen Aurich und LIT 1912 II feststeht: „Es ist unglaublich, was die Jungs geleistet haben.“
Denkt er daran, irgendwann wieder selbst im Tor zu stehen? „Natürlich ist das mein Ziel“, erklärt er. Aber das könne man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Es gehe nun erst einmal darum, die Reha ambulant fortzusetzen, den Alltag zu bewältigen und möglichst bald an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Wird er sich wieder in ein Auto setzen und fahren? „Ja“, sagt er. „Damit habe ich keine Probleme.“
Gegen Bielefeld will er in der Halle sein
Am 8. Mai wird er aus der stationären Reha entlassen. Endlich geht es nach Hause. Tags darauf verbringt er zusammen mit der kleinen Tochter seinen ersten Vatertag. „Das sind Momente, die ich nie vergessen werde“, sagt Kinzel. Und ein weiterer ganz besonderer Moment steht unmittelbar bevor. An diesem Samstag will er in der Diekholzener Steinberghalle beim letzten Heimspiel der Saison gegen die TSG Bielefeld dabei sein. Zum ersten Mal seit dem Derby am 9. Februar wird er die gesamte Mannschaft wiedersehen.
„Ich kann es kaum erwarten“, betont Kinzel. „Und es bedeutet mir sehr viel, bei Lakis letztem Heimspiel dabei zu sein.“ Trainer Sven Lakenmacher hört nach acht Jahren in Söhre auf. „Es wird wohl ein sehr emotionaler Abend“, glaubt der Torhüter. Die Fans werden die Mannschaft anfeuern, sie werden Lakenmacher einen großen Abschied bereiten – und sie werden ihren Helden feiern: Pascal Kinzel!






