Systemsprenger

Immer jünger, immer auffallender: Sorge um Hildesheims Systemsprenger

Kreis Hildesheim - Der Film „Systemsprenger“ hat viele Menschen aufgerüttelt. Er behandelt Jugendliche, die durch die Maschen fallen. Und das gibt es immer häufiger auch im Raum Hildesheim.

Der Film „Systemsprenger“ mit Schauspielerin Helena Zengel in der Hauptrolle zeigt die Geschichte eines jungen Mädchens, das durch alle gesellschaftlichen Raster fällt. Er soll sehr deutlich zeigen, was auch im Landkreis Hildesheim los sei. Foto: Peter Hartwig/ZDF/dpa

Kreis Hildesheim - Immer jünger, immer auffälliger, immer weniger zu kontrollieren: Jugendhilfeträger und Behörden haben offenbar immer stärker mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die durch alle familiären und gesellschaftlichen Raster fallen. Mit einer Art Weckruf hat sich Torsten Feddeler, Geschäftsführer von Efes, einem Freien Träger für aktivierende Eltern- und Jugendhilfe mit Hauptsitz in Hildesheim, am Donnerstagabend an die Politikerinnen und Politiker des Ortsrats Drispenstedt gewandt. In Drispenstedt betreibt die gGmbH eine Wohngruppe und eine mobile Betreuung. Hier leben rund 25 junge Menschen, neun von ihnen wurden vom Jugendamt aus ihren Familien genommen.

Feddelers Ausführungen sind aber mindestens landesweit als Alarmsignal zu verstehen. Die GmbH hat in mehreren niedersächsischen Städten Standorte. Zudem gibt es andere Träger, die offenbar ganz ähnliche Erfahrungen machen. Feddeler selbst spricht sogar von einem „bundesweiten Problem“.

Kinder und Jugendliche bekommen eine 24-7-Betreuung

„Meistens geht es um Kinder und Jugendliche, die nicht mehr zuhause leben können“, berichtet Feddeler. Viele von ihnen würden vom Landkreis im Rahmen von Krisenintervention aus den Familien geholt und bei den freien Trägern untergebracht. Die Behörden sprechen in diesem Fall von Inobhutnahme. „Diese Kinder und Jugendlichen bekommen bei uns eine 24-7-Betreuung, also rund um die Uhr“, sagt Feddeler. Viele dieser von Fachleuten auch „Systemsprenger“ genannten Jugendlichen sind in einem Efes-Standort in der Peiner Landstraße in Drispenstedt untergebracht. „Aber es gibt auch weitere Stellen im Landkreis“, so Feddeler. In Himmelsthür zum Beispiel gebe es ein Haus für die jüngsten im Alter bis sechs Jahre.



Seit sieben bis acht Jahren beobachte Efes eine Tendenz, die Anlass zur Sorge gebe. Die Schützlinge würden immer jünger und auffälliger. „Das führt aber dazu, dass niemand sie mehr aufnehmen will.“ Als sehenswertes Beispiel führte Feddeler im Ortsrat mehrfach den Film „Systemsprenger“ an. Das Drama aus dem Jahr 2019 erzählt die Geschichte eines neunjährigen Mädchens, das einen Leidensweg zwischen wechselnden Pflegefamilien, Aufenthalten in der Psychiatrie und Heimen und erfolglosen Teilnahmen an Anti-Aggressions-Trainings durchläuft. „Wer den Film gesehen hat, bekommt eine Ahnung davon, über was für Menschen wir hier sprechen“, sagte Feddeler.

Ein Sicherheitsdienst muss auf die Pädagogen aufpassen

Mit drastischen Worten beschrieb er Konsequenzen, die alle im Umfeld solcher Systemsprenger – von den Mitarbeitenden, über die Polizei bis zu den Nachbarn – auszuhalten hätten. Das gehe inzwischen so weit, dass Efes einen Sicherheitsdienst beschäftige, der regelmäßig auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufpassen müsse. Ohne ins Detail zu gehen, sagte er, dass im Umfeld der Einrichtungen „schlimme Dinge“ passierten, die viele Stellen beschäftigten. Der Polizei zufolge gibt es im Umfeld der Drispenstedter Anlage „ab und zu“ Einsätze. Allerdings habe man bisher keine dramatische Verschlechterung der Lage im unmittelbaren Nahbereich der Einrichtung festgestellt.


Sorge um die Systemsprenger: Alarmsignal für Hildesheim – ein Kommentar von HAZ-Redakteur Christian Harborth


Feddeler schildert gleichwohl einen erheblichen Aufwand, der mitunter erforderlich sei. „Es gibt Situationen, in denen wir zehn Menschen brauchen, die sich um ein Kind oder einen Jugendlichen kümmern.“ Dabei sei es nicht erlaubt, diese Minderjährigen einzusperren oder sie festzuhalten. Und das Problem sei nicht einfach mit Therapien zu lösen, weil eine Therapie nur dann Erfolg haben könne, wenn sie auch gewollt sei. Bei der Klientel, um die sich Efes und die anderen Jugendhilfeträger kümmerten, sei das aber oft nicht der Fall. Laut Feddeler steigt die Zahl der Inobhutnahmen gerade wieder an. „Das alles ist eine sehr ungute Entwicklung, und wir müssen jetzt Ideen entwickeln, damit wir diese Kinder irgendwann wieder einfangen können“, sagt Feddeler. Laut Landkreis gab es im vergangenen Jahr 234 Inobhutnahmen 2020 waren es 207.

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